PSG holt Lionel Messi

Der größte Klunker von Paris

Von Pirmin Clossé
11.08.2021
, 18:05
Da ist er! Lionel Messi am Mittwoch bei seinem Start in Paris.
Paris ist ein Weltklub. Messi ein Weltfußballer. Seine Vorstellung deshalb: ein Weltereignis. Die Transfersaga um den Weltstar bedient alle Erwartungen. Und die Zahlen gehorchen einem eigenen Zauber.
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Auftritt Lionel Messi. Schwarzer Anzug, dunkelblaue Krawatte. Seine erste Pressekonferenz als Spieler von Paris Saint-Germain. Er grinst, er strahlt, er lacht, noch bevor er das erste Wort gesprochen hat. Ein Klubmitarbeiter reicht ihm einen Kopfhörer, damit er dem Übersetzer zuhören kann. Dann sagt Messi, was Fußballspieler so sagen, wenn sie bei einem neuen Verein antreten. Wie froh er sei, nun hier zu sein. Wie freundlich ihn alle empfangen hätten. Und wie groß seine Ambitionen bei und mit dem neuen Arbeitgeber seien. „Ich habe dieselbe Leidenschaft und dieselbe Lust, für diesen Klub zu spielen, wie ich sie am Anfang meiner Karriere verspürt habe.“

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Rückblende, drei Tage zuvor. Auch hier: Auftritt Lionel Messi. Dunkelblauer Anzug, dunkelblaue Krawatte. Seine letzte Pressekonferenz als Spieler des FC Barcelona, obwohl er das vertraglich gesehen schon gar nicht mehr ist. Er schluchzt, er schnieft, er weint, noch bevor er das erste Wort gesprochen hat. Seine Frau, die mit den drei gemeinsamen Kindern in der ersten Reihe sitzt, reicht ihm ein Taschentuch. Dann sagt Messi, was er als Fußballer nie sagen wollte: auf Wiedersehen. „Ich bin nicht auf so etwas vorbereitet. Wir alle wollten unbedingt hier bleiben. Zu Hause. In unserem Haus. Ich war mein ganzes Leben hier.“

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Es genügt allein die zeitliche Nähe zwischen beiden Ereignissen, um zu verdeutlichen, dass hier ein wirklich außergewöhnlicher Fußball-Transfer vollzogen wurde. Lionel, genannt „Leo“ Messi ist einer der größten Superstars, den die Welt zu bieten hat. Er schien auf ewig mit dem FC Barcelona verbunden, jenem Klub, der ihn einst als 13-jähriges Kind aus Rosario in Argentinien in die eigene Akademie geholt hatte. Ein Klub, mit dem er 35 bedeutsame Titel gewann und in dessen Diensten er selbst sechsmal als bester Spieler der Welt ausgezeichnet wurde. Messi war Barcelona, Barcelona war Messi. 21 Jahre lang.

„Die Ziele sind dieselben“

Am Mittwoch, in Paris, gab sich der 34-Jährige Mühe, diesen inneren Konflikt noch einmal zu betonen. „Es war sehr kompliziert, Barcelona zu verlassen. Ich wusste nicht, wohin ich soll“, sagte er. Dass die Wahl dann trotzdem derart schnell auf den Nobelklub PSG fiel, habe allerdings Gründe. Messi sagt: „Meine Ziele und die Ziele von Paris sind dieselben.“

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Außerdem, dass er „Freunde hier“ habe. Ganz konkret nennt er den Brasilianer Neymar, der „großen Einfluss“ auf seine Entscheidung genommen habe. Dazu Trainer Mauricio Pochettino, einen Landsmann, den er „schon sehr lange kenne“. Am Ende sei der Entschluss, den „Neuanfang in meinem Leben“ in Frankreichs Hauptstadt zu wagen, deshalb beinahe zwangsläufig gewesen: „Es war sehr leicht“, sagt Messi. Und lacht.

Der Argentinier veredelt als vermeintlich größter Klunker das diamantbesetzte Schmuckstück, das der PSG-Kader ohnehin schon ist. Eine Sturmreihe mit ihm, Neymar und Frankreichs Weltmeister Kylian Mbappé klingt nach Weltauswahl – mehr noch, wenn dahinter im Mittelfeld der italienische Europameister Marco Verratti Regie führt, der Spanier Sergio Ramos die Abwehr organisiert und Italiens EM-Held Gianluigi Donnarumma im Tor steht.

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Die Rückeroberung der französischen Meisterschaft nach einem Jahr, in dem man überraschend dem OSC Lille den Vortritt hatte lassen müssen, ist für dieses Starensemble nur eine lästige Pflichtnummer. Denn obwohl auch Messi am Mittwoch immer wieder von „Titeln“, Mehrzahl, sprach, die er mit dem Verein gewinnen wolle, ist jedem klar, dass im Grunde nur ein Titel, Einzahl, wirklich zählt: die Champions League, die PSG trotz immenser finanzieller Anstrengungen auch zehn Jahre nach der Übernahme durch die qatarische Investorengruppe QSI noch immer nicht gewonnen hat.

Messi weiß das und sagt: „Wir haben alle ein Ziel, und das heißt Champions League.“ Er druckst nicht herum und streut kurz danach sogar selbst noch ein wenig Salz in die Wunde seines neuen Klubs. „Manchmal hast du die besten Spieler, das beste Team und gewinnst trotzdem nicht“, sagt er, und es ist der womöglich einzige Satz, der hängenbleibt nach den exakt 35 Minuten, in denen er sich vor seinem Dienstantritt erklärt. Der einzige Satz, der zumindest den Gedanken erlaubt, dass das Unterfangen mit einer in dieser Form wohl nie dagewesenen Ansammlung an Einzelkönnern auch schiefgehen könnte.

Ansonsten ist es eine perfekte Inszenierung des Erwartbaren. Ein Spektakel, das zwangsläufig inhaltlich nicht halten kann, was äußerlich so pompös aufgebaut wurde. Schon mehr als eine Stunde bevor Messi im Prinzenpark-Stadion das Podium betrat, hatte PSG auf seinen Social-Media-Kanälen eine Live-Übertragung im Stile einer großen TV-Show gestartet. Mit Experten, Live-Schalten, Einspielfilmchen. Auf Französisch, Englisch und mit spanischen Untertiteln.

PSG ist ein Weltklub. Messi ein Weltfußballer. Seine offizielle Vorstellung also: ein Weltereignis. Alle Medien des Planeten seien heute entweder anwesend oder berichteten zumindest aus der Ferne, behaupten sie im Klub-Fernsehen voller Stolz. Denn so geht ja die Rechnung für PSG: Messi gleich Aufmerksamkeit gleich Geld.

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Das zumindest erklärt der qatarische Klub-Boss Nasser Al Khelaifi, der als Einziger neben Messi auf dem Podium sitzt und prompt eine „historische Pressekonferenz“ ankündigt. „Jeder kennt Leo“, sagt er. „Er macht Fußball-Magie, er ist ein Gewinner. Es wird aufregend für unsere Fans und die Fans weltweit.“ Dann wird er sehr konkret, was sich der Klub neben sportlicher Extraklasse noch alles von seinem neuen Spieler verspricht. „Heute können Sie sehen, was Messi dem Klub bringt“, sagt Al Khelaifi. „Trikot-Verkauf, Social Media: Das ist ein Riesengewinn für den Klub. Auch in Sachen Werbung. Das ist unglaublich. Sie werden schockiert sein, wenn wir Ihnen die Zahlen präsentieren.“

Es ist die Rechtfertigung für einen Vorwurf, den sich PSG immer wieder gefallen lassen muss. Nämlich dass der Klub mit seinen Alimenten aus Qatar das „Financial Fairplay“, mit dem der europäische Dachverband UEFA vermeintlich finanzielle Chancengleichheit sichern will, ad absurdum führt. Messi, der ablösefrei verpflichtet wurde, einen Zweijahresvertrag mit Option auf ein weiteres Jahr unterschrieb und dafür pro Saison offenbar rund 40 Millionen Euro erhält, soll sich laut Al Khelaifi quasi selbst finanzieren. „Wir haben als Erstes auf unsere Zahlen geschaut und geprüft, ob das möglich ist“, sagt er. „Wir werden den Regularien des Financial Fairplay folgen.“

Im Live-Stream verfolgen zu diesem Zeitpunkt mehr als 300.000 Menschen die Pressekonferenz. Vor dem Stadion warten mehrere Tausend teilweise seit Stunden darauf, einen kurzen Blick auf Messi zu erhaschen. Und am PSG-Fanshop in der Innenstadt, wo es die ersten Messi-Trikots zu kaufen gibt, hat sich eine mehrere Hundert Meter lange Schlange gebildet. Die Rechnung mit der Magie Messis, sie könnte aufgehen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Clossé, Pirmin
Pirmin Clossé
Sportredakteur.
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