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Manuel Neuer im Gespräch

„Ich habe so einen Helferinstinkt“

 - 10:07
Manuel Neuer ist immer aktiv - auch wenn es nicht ständig so aussiehtzur Bildergalerie

Der frühere Handball-Nationaltorhüter Stefan Hecker sagte: Wenn es wehtut, ist das ein gutes Gefühl. Weil es sagt, dass ich den Ball gehalten habe. Kennen Sie das?

Als Fußballtorhüter hat man nicht so viele Schmerzen wie ein Handballtorhüter, bei dem die Distanz viel kürzer ist. Aber auch ich versuche, den Körper in den Weg zu stellen, ihn oft so nah wie möglich an den Angreifer heranzubringen. Und das kann ich bestätigen: Es ist ein geiles Gefühl, den Ball zu halten.

Hat Ihre Jugend auf den Ascheplätzen des Ruhrgebiets Sie abgehärtet, so wie Sascha Mölders, den Torjäger des FC Augsburg, der kürzlich davon berichtete?

Ich habe gegen Mölders noch auf Asche gespielt. Noch schlimmer als die rote Asche war die schwarze. An trockenen Sommertagen qualmte die. Der Platz war knochenhart, das Fallen hat immer wehgetan. Da hat man Narben davongetragen.

Damals schauten Sie auf Anraten Ihres Jugendtrainers immer die „Eurogoals“ auf Eurosport?

Stimmt. Schöne Tore haben mich nicht interessiert, sondern das Verhalten der Torhüter.

Gucken Sie heute immer noch, wie es die anderen machen?

Auf jeden Fall. Wenn man aufhört sich zu verbessern, hat man keinen Spaß mehr am Fußball. Ich versuche mich weiterzuentwickeln.

Kann man das, wenn man so wenige Bälle zu halten bekommt wie Sie in dieser Saison beim FC Bayern? Beim 3:0 in Mainz zum Beispiel keinen einzigen.

Bälle halten ist ja nicht meine einzige Aufgabe. Ich muss auch die Abwehr organisieren und dirigieren. Physisch ist die Intensität für mich im Training viel höher als in einem Spiel.

Ein Spiel ist dann eher geistige Arbeit?

Ja, für mich ist die Belastung eher eine psychische. Es gibt Spiele, in denen ich lange nichts zu tun bekomme. Ich halte mich dann durch das Sprechen mit den Vorderleuten, durch das Dirigieren und Organisieren wach. Ich merke dann, ich bin im Spiel, bin aktiv. Und wenn wir eine Ecke haben, schnappe ich schon mal einen Ball vom Balljungen und lasse den ein paar Mal aufticken, um das Gefühl zu behalten. Es kann ja immer noch eine Situation kommen, in der man da sein muss für die Mannschaft. Darauf muss ich vorbereitet sein.

Die Zuschauer liegen also falsch, wenn sie sagen: Der muss ja gar nichts machen?

Ich bin aktiv, auch wenn man es nicht ständig sieht.

Ein perfekter Arbeitstag sähe aber anders aus?

Ich freue mich natürlich, wenn ich mich auszeichnen kann. Aber ich kann ja den Abwehrspielern nicht sagen: Jetzt lasst mal einen vorbei. Genau das will ich ja verhindern, indem ich mithelfe und dirigiere, damit wir gut stehen.

Sie sind ja ein Dirigent, dem das Orchester meist den Rücken zuwendet.

Ich bin der einzige Spieler im Team, der alle anderen 21 Spieler auf dem Platz sieht. Deshalb kann ich am besten einwirken auf die Mannschaft. Aber ich erreiche natürlich akustisch nicht jeden. Das ist einer der Gründe, warum ich relativ weit vorne stehe, um mindestens die Viererkette und die beiden defensiven Mittelfeldspieler mit meiner Stimme noch zu erreichen - was nicht immer gelingt.

Sehen Sie in Ihrem Breitbandbild sofort, wenn was nicht stimmt? Wenn in der Defensive die Abstände nicht richtig sind?

Ja, und dann muss ich einwirken. Das sind Automatismen. Man braucht dafür schon ein Superspielverständnis. Vielleicht gibt es auch Torleute, die dafür nicht so den Plan haben. Die sind stark im Hechten oder Ballrunterpflücken, aber das Spielverständnis spielt heute eine Riesenrolle. Wenn du dem Mitspieler eine Fehlinformation gibst, steht er dadurch falsch. Man muss ein Spiel lesen können.

Sehen Sie sich als Einzelkämpfer oder Teamspieler?

Totaler Teamspieler. Ich versuche stets vorzubeugen und zu erahnen, ob ein Abwehrspieler von uns einen Fehler macht oder falsch steht. Das sieht der Zuschauer meist nicht und denkt: Wieso rennt denn der jetzt raus? Ich habe so einen Helferinstinkt. Ich bin bereit, Fehler anderer auszubügeln und selbst Risiko zu gehen.

Welches Risiko? Schlecht auszusehen?

Ja, eventuell.

Heißt das: Um als Torwart immer gut auszusehen, müsste man immer auf seiner Linie bleiben, dann hätte man nur Superparaden oder Unhaltbare?

Genau. Und das ist bei mir eben nicht der Fall. Weil ich versuche, den anderen in der Mannschaft zu helfen.

In dieser Bundesligasaison bekommen Sie pro Spiel nur rund zweieinhalb Torschüsse. Und nur in jedem dritten Spiel ein Gegentor - acht insgesamt bisher. Haben Sie die alle vor Augen?

Ich könnte jedes einzelne mit Ihnen durchgehen. Aber das könnte ich auch in einer Saison, in der ich 25 Gegentore bekomme.

Sehr schroff reagierten Sie auf Kritik nach dem bisher einzigen Auswärts-Gegentor, einem flatternden Weitschuss des Nürnbergers Feulner. Gibt es einen so krassen Unterschied zwischen Ihrer Wahrnehmung und der von außen?

Das liegt immer im Auge des Betrachters. Von der Tribüne sieht es komisch aus. Denn von der Seite siehst du nicht, wie der Ball fliegt und ob ich eine klare Sicht habe.

Zwischen Fehlgriff und Heldentat liegen manchmal Zentimeter. Gibt es Bälle, bei denen Sie sagen: Ein Fehler war das nicht, aber an einem sehr guten Tag hätte ich den gehalten?

Oder sagen wir so: Mit einem bisschen Glück. Klar ist das so. Manchmal macht man alles richtig, und trotzdem geht der Ball rein.

Den „Mentalitätswandel“ der Bayern beschreiben Sie damit, dass sich nun auch Stürmer über ein Zu-Null-Spiel freuen. Woher kam der? Sie hatten doch auch in der vergangenen Saison keine Schießbude, mit 22 Gegentoren, nur eins über dem Ligarekord.

Eine einfache Rechnung: Wir sind vorn so unberechenbar mit unseren starken Offensivkräften - wenn wir gut verteidigen, liegt deshalb die Chance, dass wir das Spiel gewinnen, fast bei hundert Prozent.

Ist diese Rechnung im Nationalteam noch nicht so wirksam?

Doch, wir haben in der Mannschaft schon darüber gesprochen und auch vom Trainer-Team diese Richtung eingeschlagen, dass wir zu Null spielen wollen. Und dass wir den Gegner auch, wenn wir im Angriff sind, im Auge behalten.

Wenn man die Gegentorbilanz bei den letzten drei Turnieren vergleicht (EM 2008, WM 2010, EM 2012) - Deutschland neun K.-o.-Spiele, dreizehn Gegentore, Spanien zehn K.-o.-Spiele, null Gegentore -, dann muss man wohl folgern, dass Titel in der Abwehr gewonnen werden, oder?

Nicht in der Abwehr. Im Abwehrverhalten der ganzen Mannschaft. Beim FC Bayern hat sich in der Abwehr bis auf Dante personell nicht so viel verändert. Aber die ganze Mannschaft steht defensiv zusammen.

In der Bundesliga haben Sie alles im Griff. Hoffen Sie für die besonderen Momente nun auf die Champions League? Das war ja die Bühne, auf der Europa den Torwart Neuer kennenlernte, mit sensationellen Paraden in Porto 2008, gegen Manchester United 2011, beide mit Schalke, und 2012 bei Real Madrid.

Das sind Spiele, in denen ich wirklich gefordert werde. Ganz besondere Spiele. Die Atmosphäre fremder Stadien, Adrenalinschübe im Körper, Abendspiel, Flutlicht, die Kulisse ist ganz anders. Es sind Momente, in denen man sich noch einmal pusht und noch ein paar Prozentpunkte herausholt. Aber wenn ich zu viel davon schwärme, würde ich die Bundesliga schmälern. Das sind auch geile Spiele.

Ihre unglaublich weiten und genauen Abwürfe und langen Abstöße können Sie bei den Bayern kaum einsetzen. Dort wird eher ein ruhiger, sicherer Spielaufbau bevorzugt. Juckt es Sie nicht manchmal trotzdem?

Ja, es juckt schon. Aber man muss wie beim Rauslaufen die Coolness bewahren, nicht übermotiviert sein, nur weil man endlich mal etwas zeigen will. Es ist nicht einfach, man muss sich zusammenreißen.

Sie gelten nicht nur als bester Torhüter in Deutschland, auch als bester Fußballer unter den Torhütern. Rudi Assauer fand, Sie könnten im Feld in der Zweiten Liga spielen. Reizt es Sie nicht, das mal auszuprobieren?

Ab und zu spiele ich beim FC Bayern im Training im Feld mit. Gerade nach Spielen, in denen ich fast gar nichts zu tun hatte und zwar eine psychische, aber keine physische Belastung hatte. Dann gehe ich schon mal am Tag danach nicht mit den anderen, die gespielt haben, zwanzig Minuten auslaufen, sondern trainiere mit denen, die nicht gespielt haben, und mache dann im Feld mit.

In den Nachspielzeiten gegen Italien bei der EM und gegen Leverkusen in der Liga schalteten Sie sich in den Angriff ein und leiteten noch jeweils eine gute Ausgleichs-Chance ein. Haben Sie schon mal ein Tor gemacht?

Ja, in der B-Jugend. Gegen Dortmund. Da kam ich, weil ich einen gebrochenen Finger hatte, nicht als Torwart, sondern als Feldspieler. Und machte ein Fallrückziehertor.

Sie gelten als Multitalent. Volleyball, Basketball, Badminton und vor allem Tennis: Laut Ihres früheren Torwarttrainers Oliver Reck hatten Sie sogar das Talent zum Tennisprofi.

Tennisprofi ist übertrieben. Wir hatten auch gar nicht das Geld für das Fördertraining. Aber Tennis ist gut für das Torwartspiel. Das Erahnen, wohin der Ball geht, wie weit er fliegt, ob man richtig steht, welche Schrittfolge man braucht - so wie bei einer langen Flanke, wenn man am kurzen Eck steht und sich mit schnellen Schritten zurückbewegen muss. Und wenn man beim Tennis ans Netz vorrückt, ähnelt das einer 1:1-Situation im Fußball. Alles Dinge, die einfließen und helfen können.

Ihr früherer Mitspieler Gerald Asamoah behauptet in seiner Autobiographie, er wäre fast Ihr Berater geworden. Erzählen Sie mal.

Als ich sehr jung war, dachte er, aus dem Neuer könnte was werden. Beim Stretching vor dem Parkstadion fragte er mich dann, ob er mich beraten könne. Ich dachte, der will mich mal wieder veräppeln. Also sagte ich: Klar, berate mich. Gegenfrage: Und wie machen wir das finanziell? Ich sage: Ganz einfach, du gibst mir das Vermögen, das du bisher erspielt hast, und dafür kriegst du, was ich in der Zukunft erspielen werde. Und da hat er sich nicht getraut und sagte: Nee, mache ich lieber nicht.

Und das bereut er heute?

Weiß ich nicht. Aber vielleicht hat er ja deshalb das Buch geschrieben.

Das Gespräch führte Christian Eichler.

Quelle: F.A.Z.
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