Maradonas Vermächtnis

Kampf ums Erbe

Von Tobias Käufer, Rio de Janeiro
Aktualisiert am 26.11.2020
 - 20:32
Tod eines Nationalhelden: Ganz Argentinien trauert.
Der Kult um den verstorbenen Diego Maradona ist in Argentinien so gewaltig, dass sich Strategen aus Politik und Wirtschaft schon in der ersten Nacht nach dem Tod für eine ideologische und kommerzielle Nutzung in Stellung bringen.

Im Sekundentakt marschieren die Menschen am Sarg von Diego Maradona vorbei. Er steht im Casa Rosada, der offiziellen Unterkunft des argentinischen Präsidenten. Und nicht ein paar Gehminuten weiter in der Kathedrale von Buenos Aires, in der einst Erzbischof Jorge Bergoglio, Papst Franziskus, Gottesdienste feierte. Das mag auf den ersten Blick keine Rolle spielen, ist aber von großer symbolischer Bedeutung. „Ich weiß nicht, wie viele Menschen es gibt, die ein Volk nur glücklich gemacht haben“, sagt Präsident Alberto Fernández und zeigt sich am Sarg. Er legt zwei weiße Kopftücher, das Symbol des Widerstands gegen die rechte Militärdiktatur, auf die darüberliegenden Trikots. Seine Frau legt rote Rosen dazu.

Von nun an ist es auch ein politisches Statement. Maradona gehört dem Staat, der Regierung, der Staatsmacht. Nicht der Kirche, die eigentlich das Monopol für Trauerfeierlichkeiten besitzt. Fernández und vor allem der langjährigen Präsidentin Cristina Kirchner, die heute als Vizepräsidentin hinter Fernández im Zentrum der Macht die Strippen zieht, galten die Sympathien Maradonas. Fernández Vorgänger, den konservativen ehemaligen Präsidenten Mauricio Macri, einst Chef der Boca Juniors, verachtete er.

Die Sympathie des Volkes gelten Maradona. Wie groß diese Leidenschaft noch ist, zeigte die Zahl der Menschen, die am Donnerstag kamen, um dem Fußballstar einen Tag nach dessen Tod die letzte Ehre zu erweisen. Die Emotionen waren so groß, dass es vor den Absperrgittern kurzfristig zu Rangeleien zwischen Wartenden und Ordnern kam. Auch dieses Bild entbehrt nicht einer gewissen Symbolik. Das Gezerre um Maradonas Nachlass hat schon begonnen. Jeder will ein Stück haben. Umso wichtiger macht es jene, die es künftig kanalisieren, organisieren und interpretieren.

Maradonas Nachlass

Von nun an kann Maradona nicht mehr selbst bestimmen, was mit seinem Erbe, seinem Namen, seinen Botschaften geschieht. Das Vermögen wird schnell verteilt sein. Maradona war kein sparsamer Mensch. Viel größer und gewaltiger ist sein emotionaler, politischer und ideologischer Nachlass. Maradona hat einmal gesagt, er sei ein Linker. Durch und durch, vom Fuß über Bauch bis in den Kopf. Nicht, wie es sich die Europäer vorstellen. Sondern eher als Ausdruck eines Menschen, dessen Sympathien ganz den Armen gelten.

Das war und ist eine zutiefst politische Botschaft, besonders in einem Land, das von der Corona-Krise besonders betroffen ist. Dessen Armutsrate auf mehr als 40 Prozent zu steigen droht, dessen Wirtschaft wegen einer wenig weitsichtigen Politik praktisch komplett eingebrochen ist. Die Tatsache, dass die Regierung einen solchen Massenauflauf überhaupt zulässt, wirft wieder die Frage auf, wie sie die Pandemie managt. Aber hätte sie überhaupt eine Wahl? Die Armen, die alten und die jüngst abgestürzten Menschen sehnen sich nach Hoffnung. Maradona war für sie stets einer, der Hoffnung schürte, ein Mensch, in den sie ihre Auf- und Ausstiegsträume projizieren konnten. Der Philosoph Santiago Gerchunoff kommentierte: „Und nein, nicht alle Nationen von heute haben jemanden analog zu Maradona.“

Fans, Familie und Politik

Schon in der Nacht nach dem Tod hat es im Umfeld der Familie Maradona ersten Streit gegeben. Die Regierung ließ offenbar die Töchter Dalma und Gianinna sowie seine ehemalige Frau Claudia Villafane ins Regierungsgebäude eintreten, damit sie Abschied nehmen können. Mit seinen Töchtern hatte sich Maradona offenbar nach seiner jüngsten Operation wieder versöhnt. Der Streit mit Villafane aber war nicht mehr zu kitten. Es hatte einen Rosenkrieg um Geld und Interpretationen gegeben, um verletzte Gefühle und Einfluss. Über Nacht ist Villafane zu einer Schlüsselfigur für die Verwaltung von Maradonas Vergangenheit aufgestiegen, ebenso wie die Töchter.

Fernández erklärte, die Entscheidung, wo der Sarg aufgebahrt werde, habe Villafane getroffen. Sie habe ihm gesagt, dass sie mit ihren Töchtern gesprochen habe und diese glaubten, dass es Maradona gefallen hätte, dass man ihm im Haus der Regierung verabschiede. Auch Mitspieler der Weltmeistermannschaft von 1986 erhielten Zutritt. Nicht aber Rocio Oliva, die letzte Lebensgefährtin Maradonas. Sie brach in Tränen aus. „Alle dürfen rein, nur ich nicht“, klagte sie. Man habe ihr gesagt, sie solle am Morgen wiederkommen, wenn alle anderen sich auch anstellen. Schuld sei, behauptet Oliva, Claudia Villafane. Man ahnt, welches Thema den Boulevard beschäftigen wird.

Rafael Di Zeo wurde eingelassen. Er ist der ehemalige Chef der „La 12“, einer der mächtigsten Strippenzieher in der Fanszene der Boca Juniors, der sogenannten „barras bravas“. In keinem anderen Land ist die Fanszene so eng verknüpft mit der Politik. Rafael Di Zeo ist so etwas wie ihr Repräsentant. Einer, der Halbwelt, Politik und Fußball miteinander verknüpft. So mächtig, dass sich die Justiz nicht an ihn heranwagte. Die Entscheidung der Regierung, wer in der Nacht zu Maradona durfte, ist ein erster Fingerzeig, von wem das Erbe verwaltet werden soll. Was kommt jetzt? Ein riesiges Maradona-Museum, ein Mausoleum, wie es der ehemalige Präsident Néstor Kirchner von seiner Frau und Präsidentin Cristina bekommen hat? Eine Kultstätte als Anlaufpunkt für Touristen, Fans und Verehrer? Ein Maradona-Institut, eine Stiftung?

Mächtiger Kult

Der Maradona-Kult ist zu groß und mächtig, als dass ihn Strategen aus Politik und Wirtschaft nicht ideologisch und kommerziell nutzen wollten. Wer leitet die Trauerfeier? Kommt der Papst deshalb erstmals nach Argentinien zurück? Es hat sofort abenteuerliche Gerüchte und Vergleiche gegeben. Die Trauer sei größer als damals bei Lady Diana, behaupten einige argentinischen Medien.

Auf Kuba haben sie den Kult um den Revolutionär Che Guevara zu einer Marke gemacht. Einem, der heute ein Image hat, das mit der Realität nur noch wenig zu tun hat. Diego, der Freiheitskämpfer. Das würde Maradona, einem Che-Verehrer und Kuba-Fan, gefallen. Maradona als der Che Guevara des Fußballs, einer, der noch in Jahrzehnten das Bild Argentiniens prägen wird. Dagegen würde sogar Evita Perón verblassen.

Quelle: F.A.Z.
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