Persönliche Fehden in England

Die große Genugtuung des José Mourinho

Von Marcus Erberich, Brighton
Aktualisiert am 29.11.2020
 - 15:06
Derzeit Spitze: Tottenham mit Trainer José Mourinho
Der portugiesische Startrainer siegt mit Tottenham Hotspur auch gegen seine eigene Vergangenheit. In der englischen Premier League stellt sich nun eine spannende Frage: Kann der Klub sogar Meister werden?

Die Saison ist noch jung, aber die Genugtuung von José Mourinho dürfte jetzt schon groß sein. Mit Tottenham Hotspur ist der 57 Jahre alte Trainer vor dem zehnten Spieltag Tabellenführer der englischen Premier League. Seit der Niederlage zum Auftakt gegen den FC Everton ist das Team acht Spiele in Serie unbesiegt geblieben, sechs davon hat es gewonnen. Und auch beim Austragen seiner privaten Fehden hat Mourinho zuletzt wichtige Siege errungen.

Gegen Manchester United, seinen früheren Verein, der ihn Ende 2018 nach internen Querelen entlassen hatte, gewann Tottenham im Oktober 6:1. Am vergangenen Wochenende besiegten die „Spurs“ dann das von Mourinhos altem Widersacher Pep Guardiola trainierte Manchester City 2:0. Und an diesem Sonntag trifft Tottenham auf den Londoner Lokalrivalen FC Chelsea, der Mourinho 2015 als amtierender Meister wegen einer Formkrise und damit verbundener Scharmützel rausgeschmissen hatte.

Ruf als Querulant

Wegen seiner Vergangenheit bei Chelsea und seines Rufs als Querulant löste seine Vorstellung als neuer Tottenham-Trainer vor einem Jahr bei den Fans nicht gerade Aufbruchsstimmung aus. Zumal sein Vorgänger Mauricio Pochettino sehr beliebt war: Der Argentinier hatte den Klub 2017 mit attraktivem Fußball auf Platz zwei in der Premier League und 2019 ins Finale der Champions League geführt, in fünfeinhalb Jahren jedoch keinen Titel gewonnen. Mit Mourinho bekam Tottenham nun zwar einen Trainer, der wusste, wie man Titel gewinnt, aber dessen stur ergebnisorientierter Fußball fad wirkte und, verglichen mit der Konkurrenz aus Liverpool und Manchester, nicht mehr zeitgemäß erschien. Und heute? Da stellt der Klub nicht nur die stabilste Abwehr der Liga, sondern mit 21 erzielten Toren auch den zweitbesten Angriff. Heung-min Son liegt mit neun Treffern auf Platz zwei der Premier-League-Torschützenliste, Harry Kane folgt dicht dahinter mit sieben Toren.

Dabei ist Mourinho nicht etwa von seinen Idealen abgerückt. Im Gegenteil: Der Sieg zuletzt über Manchester City war eine „Darbietung eiskalter Effizienz und taktischer Disziplin“, wie die BBC in einer Analyse schrieb. Ein Spiel nach Mourinhos Geschmack. City hatte 66 Prozent Ballbesitz und schoss 22 Mal aufs Tor. Tottenham hatte vier Torschüsse, erzielte zwei Tore.

Dabei war Mourinho wegen seiner wie aus der Zeit gefallenen Taktiken schon belächelt worden; er habe seine beste Zeit als Trainer hinter sich, hatte es während seiner turbulenten Jahre bei Manchester United geheißen, als Superstar Paul Pogba in aller Öffentlichkeit die aus seiner Sicht zu defensive Spielweise kritisiert hatte. Und nun schrieb der „Guardian“, Mourinho liebe es deshalb ganz besonders, Spiele wie das gegen City zu gewinnen, indem er dem modernen Ballbesitzfußball seinen disruptiven Stil entgegenhalte: „Er wird das in einem beinahe unanständigen Ausmaß genossen haben.“

110 Millionen für Zugänge

Tottenham hat diese Saison mehr als 110 Millionen Euro für Zugänge ausgegeben. Schlagzeilen machte vor allem die Rückkehr von Gareth Bale, der vor sieben Jahren zu Real Madrid gewechselt war und nun auf Leihbasis zurück im Norden Londons ist. Doch es sind die weniger spektakulären Transfers, die Mourinhos Philosophie am besten verdeutlichen. Allen voran Pierre Emile Höjbjerg, der für umgerechnet 16,6 Millionen Euro vom FC Southampton verpflichtet worden ist. Mit 25 Jahren hat er bereits reichlich Erfahrung in Deutschland und England gesammelt. Der Däne ist auf Anhieb zur Stammkraft im defensiven Mittelfeld geworden, weil er schnörkellos und effektiv seine Arbeit erledigt. Die neu verpflichteten Außenverteidiger Sergio Reguilón und Matt Doherty passen genauso ins Schema, beide sind Mourinhos erste Wahl links und rechts in der Viererkette.

Im Angriff setzt Mourinho dagegen auf Personal, das er von seinem Vorgänger Pochettino übernommen hat. Kane hat er lediglich eine veränderte Rolle auf den Leib geschneidert: In einer zurückgezogenen Position erfüllt der Brite, eigentlich ein Vollblut-Mittelstürmer, jetzt die Funktion als offensive Schaltstelle für das rasche Umschalten in den Angriffsmodus. Das sieht man auch an seiner Ausbeute: Zwar hat er in dieser Saison schon oft getroffen, was aber neu ist, sind seine neun Torvorlagen in ebenso vielen Spielen. Zum Vergleich: In der gesamten vergangenen Saison bereitete Kane lediglich zwei Tore vor, im Jahr davor waren es vier.

Gegen die in Ballbesitz weit aufrückende Hintermannschaft von Manchester City funktionierte das so gut, dass man sich fragen musste, ob Guardiola nichts von diesem taktischen Kniff seines Gegenübers wusste. Beim ersten Tor lief Kane aus dem Sturmzentrum zurück in Richtung Mittelkreis und riss so ein Loch in Citys Innenverteidigung für Son, der das genaue Zuspiel von Tanguy Ndombélé verwertete. Beim zweiten Tor nahm Kane im Mittelkreis einen weiten Pass aus der eigenen Innenverteidigung an, drehte sich um, dribbelte in Richtung des gegnerischen Strafraums und passte mit der Übersicht eines Spielmachers auf den Sekunden zuvor eingewechselten Torschützen Giovani Lo Celso. „Der Schlüssel war Kanes Transformation von einem vielseitigen Neuner zu einem allgegenwärtigen Teamspieler“, schrieb der „Guardian“.

Kann Tottenham Meister werden? Davon wollte Mourinho nach dem Sieg gegen Guardiola nichts wissen. „Wir kämpfen nicht um den Titel, wir kämpfen darum, jedes Spiel zu gewinnen“, sagte er der BBC. So ganz konnte er sich seine diebische Freude aber nicht verkneifen: „Das Abendessen wird heute gut, ganz entspannt, und ich werde Atlético Madrid gegen Barcelona gucken und schlafen wie ein Engel.“ Pep Guardiola sagte, das Problem sei der frühe Rückstand seiner Mannschaft gewesen, weil Tottenham danach mit sechs Spielern verteidigt habe. „Mourinhos Teams sind so“, sagte der Spanier in zähneknirschender Anerkennung: „Du machst einen Fehler, und sie bestrafen dich mit einem Konter.“

Die bislang letzte Meisterschaft der „Spurs“ ist 59 Jahre her. Seitdem haben sie in der Sprache der englischen Fußballfans unfreiwillig das Wort „spursy“ geprägt: Es beschreibt die Eigenschaft, einem Erfolg zwar nahe zu kommen, es am Ende aber immer irgendwie zu vermasseln. Mit José Mourinho soll das besser werden. Der Gewinn der Meisterschaft mit Tottenham Hotspur, er wäre seine ultimative Genugtuung.

Quelle: F.A.S.
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