Misslungene Pyro-Prävention im Fußball

Alles Käse mit den Fans!

EIN KOMMENTAR Von Daniel Meuren
08.10.2014
, 17:38
Streitbarer Geist: Christian Constantin bei einem seiner Ausflüge vors Sportgericht Cas
Raclette statt Stadionwurst, Wein statt Bier: Der Schweizer Christian Constantin wollte Gästefans mit einer Einladung bei seinem Klub FC Sion besänftigen. Die Anhänger feuern nun noch mehr Pyro ab.
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Christian Constantin ist ein eigenwilliger Mensch. Der 57 Jahre alte Präsident und Besitzer des Schweizer Fußball-Erstligaklubs FC Sion streitet gerne und häufig auch vor Gericht mit den Fußballverbänden, denen er des Öfteren Ahnungslosigkeit und Unfähigkeit unterstellt. Einst behauptete er, dass Uefa-Chef Michel Platini unter ihm höchstens zum Assistenten des Chauffeurs taugte.

Wenn Constantin mal wieder mit den Ergebnissen seines Teams unzufrieden ist, dann wird der Trainer noch deutlich schneller gefeuert als an Orten wie Hamburg oder Schalke. Erst in der vergangenen Woche rückte der seit Jahrzehnten in der Schweiz tätige deutsche Trainer Jochen Dries vom Assistenten zum Cheftrainer auf. Für wie lange? Einst hatte Constantin sogar selbst das Zepter an der Seitenlinie für einige Wochen übernommen.

Bei so starker Tendenz zu aufbrausendem Temperament überrascht es nicht, dass sich der Patriarch so sehr mit den Anhängern seines Klubs verkracht hat, dass die drei größten Fanklubs derzeit den Stadionbesuch aus Protest gegen den Besitzer boykottieren.

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Raclette statt Stadionwurst

Constantin kann aber auch anders: So pflegt er in der Tourbillon, wie das Stadion des FC Sion heißt, eine schöne Tradition. Was auf deutschen Fußballplätzen die Stadionwurst, das ist beim FC Sion das Raclette. Rund um das Stadion wird Käse auf klassische Walliser Art geschmolzen und verzehrt. Und so schien es eine höchst nette Geste, dass Constantin seit dieser Spielzeit die gegnerischen Fans zu diesem Genuss samt zugehörigem Gläschen der Walliser Hauptrebsorte Fendant einlädt. Den Eintritt erlässt er zudem ebenfalls.

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Der Präsident erachtet seine Einladung weniger als Beitrag zur kulinarischen Kulturpflege unter Fußballfans, sondern als Präventionsprojekt gegen Gewalt und Missbrauch von Pyrotechnik in den Stadien. Mit diesen Untugenden kämpft der Schweizer Fußball seit einigen Jahren zunehmend. Constantins These: Wessen Käse ich esse, dessen Stadion respektiere ich.

Fans lehnen Einladung ab

Doch die Hoffnungen erfüllen sich nicht. Am Sonntag brannten die Gästefans des FC Luzern erst recht mit hellster Freude ein großes Feuerwerk ab. Wie schon andere auswärtige Fußballfreunde zuvor. Nicht nur das, die meisten lehnen schon die Einladung zu Raclette und Wein ab. Nur die Schar von einem Dutzend Anhängern des kleinen Liechtensteiner Nationalliga-Gastes FC Vaduz erwiesen sich bislang als angenehme Gäste - samt Dankesschreiben.

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Die Fans des FC Basel sammelten gar vor dem Spiel untereinander das gesparte Eintrittsgeld und übergaben die Kollekte an Constantin. Sie wollten nicht in den Verdacht geraten, sich vom gegnerischen Klubbesitzer bestechen zu lassen. Für Constantin, der das Geld an ein in der Nähe Sions gelegenes Kloster auf dem Großen Sankt Bernhard spendete, lautet die bittere Bilanz: Es ist alles Käse mit den Fans.

Quelle: F.A.Z.
Daniel  Meuren - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Daniel Meuren
Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.
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