FAZ plus ArtikelRassismus im Fußball

Spielt nicht mit den Schmuddelkindern?

Von Michael Horeni
Aktualisiert am 10.08.2019
 - 09:04
Wie hier in Frankfurt gibt es überall im Land Aktionen von Klubs und Fans gegen Rassismus. zur Bildergalerie
Im deutschen Fußball ist es schwierig geworden, etwas unter den rechten Teppich zu kehren. Aber inzwischen lässt sich auch am Fall Tönnies ein Übermaß an moralischer Empörung erkennen. Sie spielt den Radikalen in die Hände.

In dieser Woche hat der deutsche Profifußball, der sich selbst als Integrationsmeister versteht und als Bollwerk gegen Rassismus und Diskriminierung gesehen werden will, unliebsamen Kontakt mit der Wirklichkeit gemacht. Das fing in der Fußball-Hierarchie ganz oben mit dem Schalker Aufsichtsratsvorsitzenden Clemens Tönnies an, setzte sich über die ehemaligen Dortmunder Profis Norbert Dickel und Patrick Owomoyela fort und endete vorerst bei Daniel Frahn, dem mittlerweile entlassenen Kapitän des Drittligaklubs Chemnitzer FC. Die drei Fälle sind grundverschieden, aber gemeinsam ist ihnen, dass dabei verstörende bis empörende Worte sowie unliebsame bis unerträgliche Haltungen hör- und sichtbar wurden. Sie alle stehen mittlerweile im scharfen Widerspruch zum Selbstbild der Klubs, zum Selbstverständnis eines Profifußballs als bedeutendem gesellschaftlichem Player. Nach dem Motto: Der Ball ist bunt, aber braune Flecken darf er nicht (mehr) haben.

Man sollte an dieser Stelle daran erinnern: Bei der Weltmeisterschaft 1978 durfte der hochdekorierte Kampfflieger der Wehrmacht, Hans-Ulrich Rudel, der nach dem Krieg als NS-Fluchthelfer tätig war und als Spitzenkandidat der rechtsextremen Deutschen Reichspartei kandidierte, der deutschen Fußball-Nationalelf in Argentinien noch seine Aufwartung machen – ohne jede Konsequenz. Der damalige DFB-Präsident Hermann Neuberger, der Kritik aus der Heimat an diesem Besuch als Beleidigung aller deutschen Soldaten wertete, ist bis heute DFB-Ehrenpräsident, obwohl er nicht nur dem Alt-Nazi die Türen öffnete und sich der argentinischen Militärdiktatur anbiederte. In den achtziger Jahren wurden dunkelhäutige Spieler wie der Ghanaer Anthony Yeboah im Stadion mit Bananen beworfen, und nichts geschah. Beleidigungen wie Nigger und Bimbo schafften es samstags von der Bundesliga-Tribüne bis zum Jugendfußball unter Spielern und Eltern ganz locker bis ins 21. Jahrhundert, natürlich auch die schwule Sau.

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Quelle: F.A.Z.
Michael Horeni - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Michael Horeni
Korrespondent für Sport in Berlin.
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