Schwere Steuerhinterziehung?

Die Razzia trifft den DFB hart

Von Helmut Schwan
07.10.2020
, 13:12
Der Deutsche Fußball-Bund gerät wieder ins Visier der Ermittler. Wegen des Verdachts der schweren Steuerhinterziehung gibt es Durchsuchungen. Sechs Beschuldigte stehen im Fokus. Es geht um eine Millionensumme.

Die Frankfurter Staatsanwaltschaft hat Geschäftsräume des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) in Frankfurt und Privatwohnungen von sechs gegenwärtigen und ehemaligen DFB-Verantwortlichen durchsucht. Es bestehe der Verdacht der „fremdnützigen Hinterziehung von Körperschafts- und Gewerbesteuern in besonders schweren Fällen“, teilte die Strafverfolgungsbehörde am Mittwochmorgen mit. Hintergrund sollen Einnahmen aus Bandenwerbung bei Heimspielen der Nationalmannschaft im Zeitraum 2014 bis 2015 sein. Im vergangenen Jahr sorgte die Bandenwerbung bereits für juristische Ermittlungen, damals geriet der Vermarkter Infront unter Korruptionsverdacht.

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Diese Einnahmen seien bewusst falsch als Einnahmen aus der Vermögensverwaltung erklärt worden. Der DFB sei damit einer Besteuerung in Höhe von etwa 4,7 Millionen Euro entgangen. Der Verband habe demnach die Rechte zur Vergabe der Werbeflächen in den Spielstätten von Länderspielen der Fußball-Nationalmannschaft für den Zeitraum 2014 bis 2018 an eine schweizerische Gesellschaft verpachtet, heißt es weiter seitens der Staatsanwaltschaft. Dieser Gesellschaft soll allerdings bei der Auswahl der Werbepartner kein Handlungsspielraum verblieben sein. Vielmehr soll sie sich verpflichtet haben, die Exklusivität des Generalsponsors und des Generalausrüsters der Nationalmannschaft zu berücksichtigen und keine Rechte an deren Konkurrenten zu vergeben.

Die sechs Beschuldigten, deren Namen die Staatsanwaltschaft nicht nennt, sollen von dieser Konstruktion gewusst haben. Bei den Durchsuchungen in Hessen, Rheinland-Pfalz, Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Bayern waren rund 200 Beamte von Polizei und Staatsanwaltschaft im Einsatz. In der fraglichen Zeit war Wolfgang Niersbach Präsident des Verbandes. Er sagte allerdings dem Sport Informations Dienst auf Anfrage, dass es bei ihm keine Durchsuchung gegeben habe. Die neuen Durchsuchungen treffen den DFB hart, ist die Steueraffäre, die auf die Heim-WM im Jahre 2006 zurückgeht, doch noch immer nicht ausgestanden.

DFB-Präsident Fritz Keller will die Ermittlungen „allumfänglich unterstützen“. Dies sagte der 63 Jahre alte Spitzenfunktion am Mittwoch bei der Bundespressekonferenz in Berlin. Dort war er wegen der Initiative #MeineStimmeGegenHass der Deutschlandstiftung Integration per Video zugeschaltet. „Ich bin für Aufklärung, um eine saubere Zukunft für den Fußball zu haben“, sagte Keller weiter.

Keller ist seit September 2019 DFB-Boss und hatte vorher kein Spitzenamt beim größten Sportfachverband der Welt. Er sei vor einem Jahr angetreten mit einer Generalinventur, die im letzten Dezember eröffnet worden sei und eine vollumfängliche interne Aufklärung zu allen Vorgängen der letzten Jahre bis zurück in 2003 umfasse, erklärte der 63-Jährige. „Ich kann nur sagen, dass wir vollumfänglich kooperieren werden in der Angelegenheit.“ Er sei angetreten „auch für eine Öffnung und für eine vollkommene Transparenz, und eigentlich kann ich eine staatliche Unterstützung in den Untersuchungen nur begrüßen“, sagte Keller weiter und betonte, er müsse sich erst einmal einen Überblick verschaffen, Fachleute kontaktieren und bei der Staatsanwaltschaft nachfragen.

Die Vermarktungsagentur Infront sieht sich von den Untersuchungen nicht tangiert. „Infront ist von diesen Ermittlungen nicht betroffen und wurde entsprechend auch nicht von den Ermittlungsbehörden kontaktiert“, ließ das Unternehmen auf SID-Anfrage wissen: „Es fanden weder in Geschäftsräumlichkeiten von Infront noch in Privatwohnungen von gegenwärtigen und ehemaligen Infront-Verantwortlichen Hausdurchsuchungen statt.“ Infront verwies darauf, dass die „steuerliche Deklaration von Einnahmen aus Vermarktungsverträgen Sache des Empfängers ist, also des ursprünglichen Rechtehalters DFB“. Infront habe „keine Kenntnis darüber, wie die betreffenden Einnahmen aus Bandenwerbeverträgen aufseiten des DFB steuerlich behandelt wurden“.

Präsident des größten Sportfachverbandes der Welt war zum damaligen Zeitpunkt Wolfgang Niersbach, der im Herbst 2015 über den immer noch nicht restlos aufgeklärten „Sommermärchen“-Skandal um die WM 2006 stolperte. Niersbach sagte auf Anfrage des Sport Informations Dienstes, dass es bei ihm keine Durchsuchung gegeben habe. Als Schatzmeister war Reinhard Grindel tätig, der später als DFB-Präsident wegen anderer Verfehlungen hinwarf. Verantwortlicher Generalsekretär war Helmut Sandrock, der sich vom DFB ebenfalls verabschiedet hat. Weitere hauptamtliche Verantwortliche damals waren Stefan Hans als Finanzchef und Denny Strich als Marketing-Chef.

Mit seiner Bandenwerbung, ein wichtiger Teil der Vermarktung des Weltmeisters von 2014, steht der DFB schon länger in der Kritik. Der Verband und seine langjährige Vermarktungsagentur Infront hatten kürzlich ihre Zusammenarbeit nach fast 40 Jahren „einvernehmlich“ beendet. Begründet wurde dies mit Ergebnissen einer Untersuchung des Beratungsunternehmens Esecon. Darin waren Vorwürfe gegen Infront erhoben worden. Das Unternehmen mit Sitz in der Schweiz hatte diese zurückgewiesen und die Kündigung durch den DFB nicht anerkannt. Die Agentur hatte bis 2018 den Auftrag, Bandenwerbepartner für Spiele der Nationalelf zu beschaffen. Laut dem Ermittlungsbericht von Esecon habe die Firma 2013 vom DFB den Zuschlag für das Geschäft erhalten, obwohl ein Konkurrent bis zu 18 Millionen Euro mehr geboten habe.

Der DFB hat zudem noch immer mit den Nachwehen des „Sommermärchen“-Skandals zu kämpfen. Bei der Frankfurter Staatsanwaltschaft ist noch ein Verfahren wegen Steuerhinterziehung anhängig. Die juristischen Nachwehen der WM 2006 drehen sich um eine dubiose und immer noch nicht aufgeklärte Zahlung von 6,7 Millionen Euro. Diese hatte der damalige WM-OK-Chef Franz Beckenbauer 2002 als Darlehen vom inzwischen verstorbenen Unternehmer Robert Louis-Dreyfus erhalten. Der DFB überwies die Summe im April 2005 an den Weltverband Fifa als Beitrag für eine später nie stattgefundene Gala.

Das Verfahren unter anderem gegen drei ehemalige Top-Funktionäre des DFB in der Schweiz war Ende April wegen der Verjährung eingestellt worden. Auf Antrag des aktuellen DFB-Chefs Fritz Keller will der Verband die damaligen Vorgänge noch einmal eingehend untersuchen lassen. „Es ist höchst unbefriedigend, ja frustrierend, dass wir noch immer kein abschließendes Bild rund um die infrage stehenden Abläufe der WM 2006 haben. Damit will ich mich nicht abfinden“, sagte Keller. Nun muss sich der DFB-Präsident mit weiterem Ungemach beschäftigen.

Quelle: FAZ.NET/dpa
Autorenporträt / Schwan, Helmut (hs.)
Helmut Schwan
Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.
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