Im Gespräch: André Schürrle

„Als Weltmeister wird alles schwerer“

05.09.2014
, 16:26
Bei der WM war André Schürrle der richtige Vorbereiter zur rechten Zeit. Nun will er, beginnend mit dem Auftakt zur EM-Qualifikation gegen Schottland (20.45 Uhr), den nächsten Schritt zum Stammspieler gehen. Ein Interview über das Dasein als Weltmeister und Einsamkeit in London.

Was sagt uns jetzt der Auftakt der Weltmeister mit dem 2:4 gegen Argentinien?

Gezählt hat’s am 13. Juli in Rio. Hier in Düsseldorf stand ein Freundschaftsspiel an, das erste Länderspiel nach der WM. Man sollte das auch nicht überbewerten.

Und Sie wissen schon heute, welche Geschichte Sie später mal Ihren Enkeln erzählen müssen?

O ja. Es hat bei der Weltmeisterschaft einige Erlebnisse gegeben, die mir für immer im Gedächtnis bleiben und mich prägen werden. Aber der ganz besondere Moment ist natürlich das Tor gegen Argentinien im Finale. Und ich muss zugeben: Ich bekomme immer noch Gänsehaut, wenn ich das Tor sehe. Ich kann noch immer nicht richtig beschreiben, was diese Bilder in mir auslösen. Da sind so viele Emotionen.

Wie oft haben Sie sich das Tor seither angeschaut?

Hunderttausendmal. Unglaublich oft jedenfalls. Allein in der ersten Woche nach dem Finale habe ich es mir jeden Tag bestimmt fünfzigmal angesehen.

Wirklich?

Doch, klar. Es war ja überall im Internet zu sehen. Oder wenn ich auf mein Profil drauf bin bei Facebook, Twitter, Instagram: Überall war dieses Tor.

Wissen Sie noch, was genau in Ihnen vorging, als Sie kurz hinter der Mittellinie angespielt wurden und dann die Flanke zum 1:0 von Mario Götze schlugen?

Ich hatte gerade kurz zuvor in der Pause der Verlängerung mit Thomas Müller gesprochen, und wir haben uns gesagt, dass wir jetzt noch ein paar Einzelaktionen, ein paar Dribblings brauchen, um gegen die Argentinier zu Chancen zu kommen. Dann war es schon relativ spät im Spiel, und ich hatte mir vorgenommen, noch mal die eine oder andere Aktion zu versuchen. Und dann bekomme ich tatsächlich den Ball und habe sofort versucht, noch mal die Linie runter zu sprinten - und gehofft, dass in der Mitte jemand steht.

Eigentlich war die Flanke gegen die beiden Argentinier, die diese Seite zustellen sollten, doch gar nicht zu schlagen. Da war ja kaum Platz.

Ja, stimmt, das war schwierig. Es war sehr eng. Ich habe, ehrlich gesagt, auch gar nicht mehr hochgeschaut, wer da auf mich zukommt. Ich wollte den Ball nur einfach irgendwie reinbringen.

Und haben Sie sehen können, was dann nach Ihrer Flanke passierte?

Wenn man eine Flanke so schießt und sich dabei so verdreht, sieht man den Ball nicht mehr. Ich habe den Ball dann erst wieder gesehen, als er auf Marios Brust war - und es war keiner drum herum! Dann hatte ich allerdings einen sehr guten Blick, wie der Ball ins Tor geflogen ist. (Lacht). Und dann waren da so viele Glücksgefühle wie noch nie. Mario kam auf mich zugerannt, ich glaube, er wollte noch ein bisschen laufen, aber wir alle waren so kaputt, da mussten wir ihn irgendwie stoppen.

Sie strahlen jetzt noch.

Ja, das wird auch für immer so bleiben, wenn ich über diese Momente spreche. Oder mich nur daran erinnere.

Schon bei der WM hatten Sie gehofft, von Beginn an zu spielen. Wie haben sich nach dem Gewinn der Weltmeisterschaft Ihre Erwartungen verändert? Gegen Argentinien standen Sie nun in Düsseldorf in der Startelf.

Da hat sich eigentlich wenig verändert. Schon im Jahr vor der WM hatte ich gehofft, wenn ich zuvor meine Leistung gebracht hatte, dass ich von Anfang an spielen würde. Ich hatte ja auch eine gute Vorbereitung gemacht und deswegen auch gehofft, im ersten Spiel dabei zu sein. Es gab dann auch einige Gespräche mit dem Bundestrainer, in denen er mir seine Entscheidung erklärt hat. Danach gab es für mich keinen Grund, mies drauf zu sein, weil ich nicht gespielt habe. Ich wusste, dass wir alle Spieler brauchen - und dass ich meine Chance bekomme, dass ich meine Qualität zeigen kann. Das hat sich bewahrheitet.

Jetzt sind Sie schon mit 23 Jahren Weltmeister geworden und haben Erfahrungen gemacht, von denen Sie jetzt schon wissen, dass Sie die nie vergessen werden: Was soll da noch kommen - und wie motiviert man sich dann für eine EM-Qualifikationsspiel gegen Schottland. Oder bald gegen Gibraltar?

Das wird nicht einfach für den Kopf. Man kann nichts Größeres als den WM-Titel erreichen. Natürlich gibt es die Europameisterschaft, aber das ist erst in zwei Jahren. Und so schnell nach der WM wieder reinzukommen in die EM-Qualifikation, ist einfach schwer. Aber wir haben ja keine Wahl. Wir müssen am Sonntag sofort da sein. Wir haben mit Schottland und Irland auch zwei Mannschaften in der Gruppe, gegen die man kämpferisch bestehen muss, zu einhundert Prozent. Damit müssen wir heute anfangen. Und wenn wir nicht zu hundert Prozent da sind, wird es heute gegen jeden Gegner schwer - auch wenn wir Weltmeister sind. Klar ist natürlich auch, dass wir mit unserer Qualität Gruppenerster werden wollen. Aber jetzt sind wir immer die Gejagten. Wir sind die Nummer eins der Welt, und jeder will den Weltmeister schlagen. Für die anderen Mannschaften ist jedes Spiel gegen uns das Spiel des Jahres. Das macht alles schwerer.

Welche Schlüsse muss die Mannschaft nach dem 2:4 gegen Argentinien konkret ziehen? Die Abwehr wackelte, die Chancen wurden nicht genutzt.

Wir sind mit einer jungen und noch wenig erfahrenen Mannschaft ins Spiel gegangen. Zur Halbzeit liegen wir 0:2 hinten, auch weil wir leider gute Chancen liegen gelassen haben. Am Ende war‘s eine Niederlage. So ist Fußball. Als Vorbereitung auf das erste EM-Qualifikationsspiel gegen Schottland am Sonntag in Dortmund war das Spiel gegen Argentinien jedenfalls sehr wichtig für uns.

Das Ziel von Trainer und Team ist es, nach dem WM-Titel eine Ära zu prägen. Wie kann das gelingen?

Ich halte das Ziel für realistisch. Wir haben zwar mit den drei Rücktritten Spieler verloren, die unglaublich wichtig waren für die Mannschaft. Aber wir können tatsächlich eine Ära prägen, weil wir so viele gute, junge Spieler haben. Wir spielen schon zwei, drei Jahre zusammen - und können das noch sieben, acht, zehn Jahre tun. Wir werden noch einiges erreichen können.

Jenseits der Abgänge: Was unterscheidet die Mannschaft, die als Weltmeister aus Brasilien zurückkam, von der Mannschaft, die neun Wochen vorher ins Trainingslager ging und nun auch Europameister werden will?

Wir haben uns immer gut verstanden, aber als wir im Finale waren, hat jeder gespürt, dass alle stolz waren, Teil dieser Mannschaft zu sein. Das hat es vorher so nicht gegeben. Als wir im Finale waren, hatte jeder das Gefühl, dass wir es auch gewinnen werden - auf jeden Fall!

Wie soll sich so ein Gefühl, das Grundlage für den Erfolg war, in die nächsten Jahre verlängern lassen?

Wenn wir in zwei Jahren wieder in einem Turnier sind, werden alle Spieler, die in Brasilien dabei waren, versuchen, dieses Gefühl wieder entstehen zu lassen. Das ist der einzige Weg, um erfolgreich zu sein. Das wissen alle.

Sie wechselten nach zwei Spielzeiten mit 20 Jahren von Mainz nach Leverkusen und dann ebenso schnell nach Chelsea. Manchmal klingt das so, als ob das alles nicht nur extrem schnell ging - sondern dass es eigentlich auch zu viel für Sie war. Sie sind ja auch jetzt erst 23 Jahre alt.

Es war extrem viel, das stimmt. Als ich nach Leverkusen ging, hatte ich nicht im Kopf, nach zwei Jahren schon wieder zu wechseln. Ich wollte in Leverkusen eigentlich zu einem gestandenen Profi heranwachsen. Aber dann bekam ich die Chance, noch eine Stufe höher zu gehen. Das war allein meine Entscheidung, aber trotzdem war es extrem viel für mich. Ich wollte raus aus meiner Komfortzone, um die nächsten Schritte zu gehen. Ich hatte das Gefühl, dass ich dafür bereit bin.

Waren Sie das auch?

Mein Leben hat sich stark verändert. Als Zwanzigjähriger bin ich mit dem Wechsel nach Leverkusen weit weg von meiner Familie gewesen. Ich konnte zwar in dreieinhalb Stunden nach Hause fahren, aber trotzdem waren die Familie und alle Freunde nicht da. Und mit dem Schritt ins Ausland hat sich alles noch mal verändert. Das erste halbe Jahr war ich oft allein in London. Das war schwer für mich. Man kommt nach Hause und hat niemanden. Ich habe zwar gewusst, was auf mich zukommt, aber wenn man es dann tatsächlich fühlt, ist es noch mal etwas anderes. Ich bin ein Mensch, der es hasst, allein zu sein. Da hilft auch skypen nichts.

Wie wurde es besser?

Durch meine Freundin, die jetzt mit mir in London lebt. Meine Eltern sind auch oft gekommen, auch im ersten halben Jahr. Auch Freunde. Aber mit meiner Freundin zu leben gibt mir ein viel besseres Gefühl. Es ist jemand da, das ist mir wichtig.

Heißt das, dass Sie nun länger an einem Ort leben und sich jetzt mehr in Ruhe weiterentwickeln wollen?

Ja, das ist mein Plan. Ich habe noch vier Jahre einen Vertrag bei Chelsea, und ich möchte den Vertrag komplett erfüllen. Ich fühle mich jetzt sehr wohl. Ich mag London, die englische Kultur. Der Verein ist top. Die Mannschaft ist gut - und wird über Jahre auch gut bleiben, weil wir jung sind. Und der Trainer ist Weltklasse. Bei Mourinho gibt es nur eine Sache: gewinnen. Man ist jedes Spiel und jedes Training unter Druck, seine Leistung zu bringen. Das ist echter Leistungsdruck. Das ist anstrengend. Aber es ist genau das, was ich gebraucht habe, um mich weiterzuentwickeln. Und das ist es auch, was ich aus der WM gelernt habe: Man muss immer hart an sich arbeiten - egal, wie schwierig es ist. „Hard work pays off“, sagt man in England. Harte Arbeit zahlt sich aus. Und das ist auch so. Dazu noch eine Geschichte: Zwei Tage vor dem Finale waren Mario und ich, wie immer, noch ein bisschen länger auf dem Platz. Wir haben noch ein bisschen trainiert, fast alle anderen waren schon drin. Da sehe ich, wie Mario mit dem Fitnesstrainer noch Sprints macht - zwei Tage vor dem Finale! Da sage ich zu ihm: „Du weißt schon, dass in zwei Tagen Endspiel ist und dann ist alles vorbei ist?“ Genau, hat er gesagt, „aber ein Spiel haben wir noch“. Dieser Wille, bis zur letzten Sekunde alles zu geben, auch wenn die WM für einen Spieler wie Mario bis dahin schwierig gelaufen ist, steckt in der ganzen Mannschaft. Und dann wurden Mario und wir dafür so wunderbar mit diesem Tor belohnt. Daran muss ich immer denken.

Das Gespräch führte Michael Horeni.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot