Skandal im Fußball-Weltverband

„Dies ist die Weltmeisterschaft des Betrugs“

27.05.2015
, 18:04
Sieben Fifa-Funktionäre wurden im Skandal beim Weltverband festgenommen. Ihnen drohen bis zu 20 Jahre Haft. Die amerikanische Justizministerin verrät, wie weit die Korruption im Fußball verbreitet ist.

Den verdächtigen Fußball-Funktionären im Korruptionsskandal beim Weltverband Fifa drohen bis zu 20 Jahre Haft. Das sei die Höchststrafe in solchen Fällen von organisierter Kriminalität, sagte die amerikanische Justizministerin Loretta Lynch am Mittwoch bei einer Pressekonferenz in New York. Im nächsten Schritt gehe es um die Auslieferung der Angeschuldigten in die Vereinigten Staaten. Die meisten allerdings widersetzen sich dem. Im Verhör bei der Kantonspolizei Zürich gaben sechs von ihnen an, sich mit rechtlichen Mitteln gegen die Überstellung an die amerikanische Justiz wehren zu wollen. Das teilte das Schweizer Bundesamt für Justiz am Mittwochabend mit.

Dadurch müssen nun formelle Auslieferungsverfahren eingeleitet werden. Nach Schweizer Recht beträgt die Frist, innerhalb der die Vereinigten Staaten entsprechende Anträge stellen können, 40 Tage. Beobachter gehen davon aus, dass dies rasch geschehen und die Schweizer Justiz dann auch kurzfristig darüber entscheiden wird. Einer der Festgenommenen habe in einer ersten Anhörung Bereitschaft für eine sogenannte vereinfachte Auslieferung signalisiert und könne damit im Falle einer Bewilligung „umgehend den US-Behörden übergeben werden“.

Gegen die Fifa-Funktionäre wird von der New Yorker Staatsanwaltschaft wegen Annahme von Bestechungsgeldern und verdeckten Provisionen ermittelt. Dabei geht es um Zahlungen in der Höhe von mehr als 100 Millionen Dollar. „Sie haben das weltweite Fußballgeschäft korrumpiert, um sich selbst zu bereichern“, warf die oberste Staatsanwältin den neun Fußballfunktionären und fünf Geschäftsmännern vor. „Sie haben es immer und immer wieder gemacht. Jahr um Jahr, Turnier um Turnier.“ Einer der Angeschuldigten habe sich etwa mit rund zehn Millionen Dollar (9,2 Millionen Euro) bereichert.

Ob auch Präsident Joseph Blatter im Visier der Ermittler sei, wollte Lynch nicht beantworten. Sieben Funktionäre des Weltverbands Fifa oder Offizielle der ihr angeschlossenen Konföderationen waren am Mittwoch in Zürich festgenommen worden. Das amerikanische Justizministerium, das die Schweizer Behörden um Amtshilfe ersucht hatte, beschuldigt insgesamt gegen 14 Personen.

Lynch zufolge sind allein im Zusammenhang mit der Vergabe der Copa America 2016 in den Vereinigten Staaten rund 110 Millionen Dollar (101 Millionen Euro) an Bestechungsgeldern geflossen. Das Turnier findet im kommenden Jahr erstmals außerhalb von Südamerika statt. Es wird anlässlich des 100. Geburtstages des südamerikanischen Verbandes als Gemeinschafts-Event Copa America Centenario in den Vereinigten Staaten ausgetragen. Lynch äußerte sich enttäuscht, dass auch historische Ereignisse wie die erste Weltmeisterschaft auf dem afrikanischen Kontinent in Südafrika 2010 durch kriminelle Handlungen beschädigt worden seien und kündigte einen rigorosen Kampf gegen die Korruption im Weltfußball an.

In Bezug auf die Weltmeisterschaften in Russland 2018 und Qatar 2022 sagte Lynch, die Fifa müsse „tief in ihre Seele blicken“. Die amerikanischen Behörden seien damit aber nicht befasst. Der New Yorker Staatsanwalt Kelly Currie erklärte, dass die Festnahmen am Mittwoch in Zürich „erst der Anfang“ seien. „Weitere Individuen und Einrichtungen in zahlreichen Ländern“ würden noch überprüft. Die Anklageschrift des Justizministeriums verweist auf 25 namentlich nicht genannte Mitverschwörer. „Diese Art der Korruption und der Bestechung im internationalen Fußball läuft seit zwei Jahrzehnten“, sagte Currie.

„Wir begrüßen diesen Prozess“
Fifa hält an Fußball-WMs in Russland und Qatar fest
© AP, reuters

Alle Verdächtigten hätten das amerikanische Finanzsystem für ihre Zwecke missbraucht und amerikanische Gesetze gebrochen. „Was sie gemein hatten, war die Gier.“ Einzelne Spiele oder Turnierverläufe seien aber nach bisherigen Erkenntnissen nicht manipuliert worden. Auch der Chef der amerikanischen Steuerfahndung übte harsche Kritik an der Fifa. Sie handle aus Eigennutz und Profitgier, sagte Richard Weber. „Dies ist die Weltmeisterschaft des Betrugs, und heute zeigen wir der Fifa die Rote Karte“, betonte er und sprach von einem „guten Tag für Fußballfans und einem großartigen Tag für den globalen Kampf gegen Korruption, Geldwäsche und Steuerhinterziehung“.

Im Morgengrauen hatten Schweizer Sicherheitsbehörden unabhängig voneinander gleich an zwei Orten in Zürich Ermittlungen wegen möglicher Vergehen innerhalb des Fifa-Apparats vorangetrieben. Und abermals kommen Beschuldigte aus dem engsten Machtzirkel um Blatter. Im Hotel Baur au Lac wurden unter anderem die Fifa-Vizechefs Jeffrey Webb von den Kaymaninseln und Eugenio Figueredo aus Uruguay neben fünf weiteren Spitzenfunktionären festgenommen. Schweizer Behörden stellten in der Zentrale des Fußball-Weltverbandes elektronische Daten und Dokumente sicher. Die zuständige Bundesstaatsanwaltschaft eröffnete ein Strafverfahren im Zusammenhang mit den WM-Vergaben an Russland 2018 und Qatar 2022. Nach Behördenangaben geht es um den Verdacht „der ungetreuen Geschäftsbesorgung sowie des Verdachts der Geldwäscherei gegen unbekannt“. Bis zu zehn an der WM-Vergabe beteiligten Mitglieder des Exekutivkomitees sollen noch verhört werden.

Russland sieht sich als Gastgeber 2018 nicht belastet. Die betroffenen Funktionäre hätten „keine Beziehung“ zu dem Turnier in drei Jahren, sagte Sportminister Witali Mutko der Agentur Interfax zufolge in Moskau. Russland sei zur Zusammenarbeit mit den Behörden bereit. „Wir haben nichts zu verbergen.“ Auch bei der Fifa gibt es an den WM-Planungen keine Zweifel. Der Medienchef stellte bei einer Pressekonferenz klar, dass die Turniere 2018 und 2022 ebenfalls wie vorgesehen stattfinden sollen. Die WM-Ermittlungen gehen auf eine Strafanzeige der Fifa vom 18. November 2014 vergangenen Jahres zurück.

„Das Timing ist nicht das beste“, räumte Fifa-Kommunikationschef Walter de Gregorio ein, generell sei das Verfahren aber gut für die Fifa „im Sinne der Transparenz“. Der Kongress des Dachverbandes und die Wahl seines Präsidenten mit Blatter und seinem einzigen noch verbliebenen Herausforderer Prinz Ali bin al-Hussein soll durchgeführt werden. Ein Rücktritt Blatters sei kein Thema. „Warum soll er zurücktreten? Er wird nicht verdächtigt“, sagte de Gregorio.

Quelle: tora./dpa
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