WM-2006-Affäre

Selbstreinigende Saubermänner

Von Richard Leipold und Evi Simeoni
23.10.2015
, 22:08
Der frühere DFB-Präsident Theo Zwanziger bezichtigt seinen Nachfolger Wolfgang Niersbach der Lüge. Der darf trotz Wissenslücken in der Affäre um die WM 2006 im Amt bleiben. Und Franz Beckenbauer schweigt.

Seit Tagen wankt der deutsche Fußball-Präsident Wolfgang Niersbach. Aber auch am Freitagnachmittag fiel er nicht um. Wie lange er sich noch halten kann? Das Präsidium des Deutschen Fußball-Bundes beschloss auf seiner Sitzung in Dortmund, ihn trotz der Ungereimtheiten rund um einen Geld-Transfer in Höhe von 6,7 Millionen Euro im Jahr 2005 zu stützen. Aber, sagte der mächtige Liga-Präsident Reinhard Rauball, die Wahrheit müsse ans Licht. Die Hintergründe der Zahlung hat Niersbach bisher nicht aufklären können.

Derweil setzte sein Vorgänger und Erzfeind Theo Zwanziger mit Hilfe des Magazins „Spiegel“ seine Attacken auf den sichtlich gezeichneten Funktionär fort. Einer Vorab-Meldung der Zeitschrift vom Freitag ist zu entnehmen, dass Zwanziger den DFB-Präsidenten der Lüge bezichtigt.

Er bestätigte die eine Woche alte Behauptung des „Spiegel“, es habe „eine schwarze Kasse in der WM-Bewerbung“ gegeben. Und es sei „ebenso klar, dass der heutige Präsident davon nicht erst seit ein paar Wochen weiß, wie er behauptet, sondern schon seit mindestens 2005. So wie ich das sehe, lügt Niersbach.“

Die Frage, ob das „Sommermärchen“ wirklich eine gekaufte WM war, bleibt allerdings auch nach Zwanzigers neuerlichem Angriff offen. Bei den 6,7 Millionen, die 2005 über ein Fifa-Konto transferiert wurden, handelt es sich offenbar um die Rückzahlung eines Kredites, der dem Organisationskomitee (OK) der Fußball-WM vom damaligen Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus gegen einen vom OK-Präsidenten Franz Beckenbauer unterzeichneten Schuldschein gewährt wurde – das Geld wurde unter anrüchigen Umständen – angeblich als Beitrag für das Kulturprogramm – an den Fußball-Weltverband Fifa überwiesen.

Wann aber Dreyfus diesen Kredit ursprünglich gestellt hat, ist unklar. Dabei würden sich aus dieser Information wichtige Hinweise für den Verwendungszweck des Geldes ergeben. Sollten es die Bewerber im Jahr 2000 an die Fifa überwiesen haben, so würde dies die Behauptung stützen, es handele sich um Bestechungsgeld, um Stimmen für die WM 2006 zu kaufen. In einem von Zwanziger bestellten Gutachten heißt es laut „Spiegel“, Beckenbauer habe den dazugehörigen Schuldschein „in seiner Tätigkeit im Rahmen der Bewerbung für die WM 2006“ unterzeichnet. Das Nachrichtenmagazin zitierte dazu am Freitag aus einem Dossier, das Zwanzigers Anwalt Hans-Jörg Metz für den früheren DFB-Präsidenten angelegt haben soll: „Dr. Zwanziger hatte von Günter Netzer, einem engen Dreyfus-Vertrauten, im Herbst 2012 beiläufig erfahren, der Schuldschein über 10 Millionen Schweizer Franken sei für die vier Stimmen der Asiaten im FIFA-Exekutivkomitee verwendet worden.“ Netzer hatte diese Aussagen bestritten. Die WM-Vergabe fand im Juli 2000 statt.

Sollte das Geld aber später, nämlich wie Niersbach behauptet 2002 geflossen sein, erhielten andere Spekulationen Nahrung. Diese besagen, dass das Geld für Joseph Blatters teuren Wahlkampf in jenem Jahr gegen den Kameruner Issa Hayatou verwendet wurde. Niersbach hatte in einer Pressekonferenz am Donnerstag angegeben, das Geld habe zunächst bezahlt werden müssen, um einen Organisationszuschuss in Höhe von 170 Millionen Euro für die WM zu bekommen. Nach Niersbachs Angaben hatte Beckenbauer den Deal in einem Vier-Augen-Gespräch mit Blatter abgemacht.

Die Nerven beim DFB liegen blank

Zwanziger behauptet im „Spiegel“, er habe am vergangenen Dienstag mit Horst R. Schmidt telefoniert, dem ehemaligen Vizepräsidenten des WM-Organisationskomitees. Laut seinem Gedächtnisprotokoll habe Schmidt ihm gesagt, Empfänger des Geldes sei der Qatarer Mohammed bin Hammam gewesen, damals Mitglied der Fifa-Exekutive und einer der vier der Korruption verdächtigten Asiaten.

Bin Hammam gilt allerdings gleichzeitig als Blatters wichtigster Stimmenbeschaffer für seine Wiederwahl 2002. Sich selbst sieht zwanziger als unangreifbar an. Der „Spiegel“ führt ein Gutachten an, das besagt, er habe sich als DFB-Präsident nicht strafbar gemacht, als er 2005 die 6,7 Millionen habe anweisen lassen. Allerdings ist es Zwanzigers eigener Anwalt, der seinen Mandanten als Saubermann hinstellt. Korruption ist in Deutschland nach zehn Jahren verjährt.

Pressekonferenz
DFB-Präsident Niersbach erklärt Zahlung an Fifa
© dpa, reuters

Wie blank die Nerven beim DFB liegen, zeigte sich in Dortmund. Schon am Freitagvormittag war die Stimmung gereizt. Im Mercure-Hotel unweit des Dortmunder Stadions tagte das Präsidium, um über die Affäre zu beraten. An Kommunikation war man aber weniger interessiert. Reportern und Kamerateams wurde der Zutritt zum Hotel verwehrt.

Als sie sich auf dem Hotelvorplatz vor dem Haus versammelten, um auf mögliche Stellungnahmen der Sitzungsteilnehmer zu warten, traten zwei Männer aus dem Haupteingang; sie stellten sich als Mitarbeiter von „Kötter Security“ vor und forderten die Wartenden auf, das Grundstück zu verlassen. Auf Nachfrage lieferte einer von ihnen eine Erklärung. Hotelgäste fühlten sich durch die Anwesenheit der Journalisten auf dem Vorplatz belästigt. Wer und warum, wollten sie nicht sagen. Im Sicherheitsgewerbe genießt Diskretion vermutlich einen ähnlich hohen Stellenwert wie in DFB-Kreisen, wenn die Fragen von Journalisten als unangenehm empfunden werden.

Hektisches Treiben am Mittag in Dortmund

Als die öffentliche Ordnung vor dem Hotel sichergestellt war, bot sich ein kurioses Bild. Fotografen postierten sich hinter Hecken und versuchten den Ausgang im Blick zu behalten, Jogger und Spaziergänger auf einem angrenzenden Weg fragten die Reporter, welche berühmte Persönlichkeit wohl im Hotel abgestiegen sei.

Wenn der Name Wolfgang Niersbach fiel, staunten die meisten und gingen weiter. Die Reporter blieben. Gegen Mittag setzte plötzlich hektisches Treiben ein. Eine schwere weiße Limousine rollte vom Gelände. Als sie nahe der Grundstücksgrenze den Pulk von Reportern erreichte, hielt der Chauffeur den Wagen an. Die Beifahrertür öffnete sich, und ein dunkel gewandeter, schmaler Herr mit weißen Haaren stieg aus.

Reinhard Rauball, Vorsitzender des Liga-Verbandes und Vizepräsident des DFB, fasste in einer Stellungnahme den Inhalt der Sitzung zusammen. „Nein“, sagte er mit fester Stimme, es sei keine Rücktrittsforderung in Richtung Niersbach erhoben worden. Das DFB-Präsidium werde „gemeinsam mit Wolfgang Niersbach den Weg der Aufklärung gehen“, und zwar ohne Rücksicht auf einzelne Personen.

„Wir halten strikt daran fest, dass die Dinge extern aufgearbeitet werden sollen, dass lückenlos aufgeklärt wird – auch für den Fall, dass es unangenehm wird für den einen oder anderen Beteiligten. Denn nichts ist schlimmer, als wenn ein Eindruck verbleibt, dass etwas unter den Teppich gekehrt werden soll. Da nehmen wir lieber die Wahrheit in Kauf. Es ist für den gesamten deutschen Fußball unerlässlich, dass die ganze Wahrheit ans Licht kommt, auch wenn sie zu schmerzhaften Erkenntnissen führen sollte“, sagte Rauball. Dies sei die Auffassung des Präsidiums unter der Führung des Präsidenten Wolfgang Niersbach, der weiterhin das Vertrauen des Gremiums genieße.

„Das müssen Sie Herrn Beckenbauer fragen“

Nach Auskunft des DFB hat die internationale Wirtschaftskanzlei Freshfields Bruckhaus Deringer ihre Arbeit bereits aufgenommen und wird in Kürze mit den Befragungen beginnen. Wie viel Zeit die Untersuchung in Anspruch nehmen werde, lasse sich nicht vorhersagen, sagte Rauball. Es sei aber damit zu rechnen, „dass wir Wochen, Monate und vielleicht noch sehr viel länger mit dem Thema befasst sein werden.“

Zudem hat der Sportausschuss des Deutschen Bundestages den angeschlagenen DFB-Präsidenten eingeladen, um ihn zu den erhobenen Vorwürfen zu befragen. Die Einladung erfolgte für den 6. November auf Antrag der Grünen, bestätigte Dagmar Freitag (SPD) als Vorsitzende des Ausschusses am Freitag in Washington. Eine Art Vorladungsrecht haben die Sportpolitiker nicht, reklamieren aber eine Mitsprache der Politik.

Bliebe noch eine Frage: Wird sich auch Franz Beckenbauer, einst Chef des Organisationskomitees der WM 2006, zu den Ungereimtheiten äußern? „Das müssen Sie Herrn Beckenbauer fragen, da können wir nichts zu sagen“, antwortete Rauball. „Wir gehen, aber davon aus, dass er das tut.“ Am Abend, bei der Gala zur Eröffnung des Dortmunder Fußball-Museums, konnte der Kaiser jedenfalls nicht befragt werden. Er sagte seine Teilnahme ab.

Die Ermittlungen in der Affäre um die Fußball-WM 2006 im Überblick

Zur Aufklärung der dubiosen Machenschaften rund um die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 wird auf mehreren Ebenen ermittelt. Intern beim Deutschen Fußball-Bund kümmert sich der Kontrollausschuss unter dem Vorsitz von Dr. Anton Nachreiner um den Fall.

Wichtiger und vielversprechender dürften aber die Untersuchungen der Sozietät Freshfields Bruckhaus Deringer sein, die sich die Abläufe als externe Ermittler ansehen. Ihnen gegenüber will sich auch Franz Beckenbauer äußern, so er denn befragt wird. Das gilt als sicher.

Die Staatsanwaltschaft Frankfurt verfolgt die Geschehnisse beim DFB ebenfalls mit Interesse. Derzeit prüft sie einen Anfangsverdacht für ein Ermittlungsverfahren. Als mögliche Tatbestände nannte Sprecherin Nadja Niesen am Montag Betrug, Untreue oder Korruption. Sie sprach von einem „Beobachtungsvorgang“. (dpa)

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Simeoni, Evi
Evi Simeoni
Sportredakteurin.
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