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Fußball-Weltverbandskongress

Warum die Uefa den Fifa-Skandal nicht nutzen kann

Von Evi Simeoni, Zürich
 - 21:56
Ein angeschlagenes Leittier: Sepp Blatter bei der Eröffnung des Fifa-Kongresses am Donnerstagzur Bildergalerie

Es ist ein dichtgedrängtes Chaos vor dem Kameha Grand Hotel in Zürich. Kamerateams rammen sich durch die Drehtür, die Angestellten schauen erschrocken. Nein, hier werden nicht gerade wieder Fußball-Spitzenfunktionäre verhaftet wie am Mittwoch in einer anderen Herberge, dem Baur au Lac. Die Bediensteten müssen ihre bedrängten Gäste vom Internationalen Fußballverband (Fifa) auch nicht mit einem Betttuch vor den Kameras der Journalisten schützen, weil es sonst nichts mehr gibt, was ein diskreter Concierge für seine Kunden tun kann. Wir sind hier nicht im Fußballzentrum des Bösen, wo die amerikanische Bundesstaatsanwaltschaft vor zwei Tagen im Morgengrauen ihre Operation Fifa-Sturm begann. Wir sind hier... Ja, wo? Bei den Guten etwa?

Die Repräsentanten der Europäischen Fußball-Union (Uefa) geben sich jedenfalls so. „Ich kämpfe für den Fußball“, sagte ihr Präsident, der Franzose Michel Platini, am Donnerstag nach einer Sitzung der europäischen Verbände. Seit längerem schon haben sich einige der Spitzenvertreter der Uefa, auch der deutsche Fußball-Präsident Wolfgang Niersbach, gegen die Herrschaft des Fifa-Langzeitvorsitzenden Joseph Blatter positioniert. Nun, da der Walliser, der sich an diesem Freitag zur Wahl für eine fünfte Amtszeit stellt, von der amerikanischen und der Schweizer Justiz gleichzeitig mit der Verdorbenheit seiner Institution konfrontiert worden ist und klar wird, dass er zwar nicht direkt beschuldigt, aber er eben doch der Verantwortliche für den ganzen Laden ist, müsste eigentlich ihre Stunde gekommen sein.

Ein angeschlagenes Leittier. Eine hungrige, gedemütigte Truppe. Aber der Mann, der die Uefa anführt, kann nur einen Angriff aus der zweiten Reihe starten. Es ist, als wäre den Europäern aus heiterem Himmel ein Elfmeter zugesprochen worden in dem Match um den Präsidententhron. Aber der Elfmeterschütze ist nicht der heute 59 Jahre alte, einstige Star aus Frankreich, der in seiner aktiven Zeit als der beste Fußballspieler der Welt galt. So einer müsste jetzt anlaufen, abziehen und den Ball unhaltbar im Winkel versenken. Doch Platini war von Anfang an nicht aufgestellt. Der letzte verbliebene Gegenkandidat Blatters ist ein 39 Jahre alter, ein wenig unsportlich wirkender jordanischer Prinz. Einer, der es schwer hat, so etwas wie Stallgeruch zu verströmen.

Platini, so zeigt sich jetzt, hat zu lange im Hinterhalt gewartet. Er hat die offene Konfrontation mit dem 79 Jahre alten Schweizer stets vermieden und gehofft, dass Blatter von sich aus in Rente geht. Nur leider dachte der nicht daran, hängte eine Kandidatur an die andere, perfektionierte sein Stimmenreservoir und verkündete munter, ihn per Reglement vom Präsidentenstuhl vertreiben zu wollen, müsse als Altersdiskriminierung gewertet werden. Offenbar hat Platini seit seiner Zeit als Fußballer eine wichtige Grundregel vergessen: Seinen Stammplatz im Team muss man sich erkämpfen. Das Leittier muss von der nächsten Generation aktiv vertrieben werden. Blatter, so erklärte Platini, sei eine Art Onkel für ihn und damit irgendwie tabu gewesen.

Fifa-Skandal
DFB-Präsident Niersbach äußert sich zur Fifa-Krise
© reuters, reuters

Hinzu kommt, dass der Schutzschild der eigenen Seriosität, mit der sich die europäische Konföderation immer wieder von den anderen Kontinenten abgrenzen will, nicht ohne Risse ist. Platini nämlich hat bei der Wahl des Austragungsortes für die Fußball-WM 2022 für Qatar gestimmt, eine sehr fragwürdige Wahl für ein Land, dem nachgesagt wird, dass es seinen vielfältigen Bewerbungen für sportliche Großereignisse mit Geld Nachdruck zu verleihen pflege. Es war eine Entscheidung, die nicht nur die Fifa, sondern den internationalen Sport insgesamt in ein trübes Licht rückte. Und das ist noch nicht alles. Wenige Wochen nach dem Zuschlag für Qatar erhielt Platinis Sohn Laurent einen lukrativen Posten. Er wurde Europa-Chef der Gruppe Qatar Sport Investments. Dass nun also ausgerechnet Platini für die moralische Erneuerung des Fußballs stehen will, scheint reichlich absurd. Das Ergebnis: Jetzt, am Vorabend der Präsidentenwahl, steht die Uefa da, und ihr Anführer kann nicht aus voller Kraft schießen.

Dem einstigen Fußball-Idol bleibt in Zürich nun nichts anderes mehr übrig, als anderen Leuten Vorlagen zu geben. Aber ob die sie verwandeln werden? Blatter jedenfalls weigerte sich am Donnerstagmorgen, Platinis als Freundschaftsdienst verkapptes Zuspiel anzunehmen. „Ich habe dem Präsidenten gesagt, ich bitte dich heute, zurückzutreten und die Fifa zu verlassen. So können wir nicht weitermachen.“ Das sei ein sehr schwieriger Moment für ihn gewesen, schließlich seien sie zwei Menschen, die sich mögen. Blatter sei sehr betroffen gewesen, habe aber abgelehnt. „Es ist zu spät“, habe er gesagt. „Ich kann nicht einen Tag vor der Wahl zurücktreten.“ Er habe einen Kloß im Hals, sagte Platini. „Aber was zu viel ist, ist zu viel.“

Den zweiten, allerdings nicht sehr kraftvollen Pass versucht er, Prinz Ali zuzuspielen. Der Jordanier ist als Blatters einziger Gegenspieler übrig geblieben, seit dem Tag, als der niederländische Präsident Michael van Praag und der ehemalige portugiesische Fußballstar Luis Figo ihre Kandidaturen zurückgezogen haben. Ali hat zwar Schwierigkeiten, seine asiatische Heimatkonföderation auf seine Seite zu bringen. Aber er ist die letzte Hoffnung aller Blatter-Gegner. „Die sehr große Mehrheit der europäischen Verbände“, gab Platini bekannt, „wird bei der Wahl für Prinz Ali stimmen.“ Er rechnet mit 45 oder 46 von 53 Stimmen, über die Europa verfügt. Dass der spanische und der russische Fußballverband, der die WM 2018 zu verteidigen hat, gegen Blatter stimmen werden, erscheint ausgeschlossen. „Wir versuchen einige zu überzeugen, die noch nicht sicher sind“, sagte Platini vorsichtig.

Insgesamt aber sind 209 Nationen stimmberechtigt. Afrika hat seine Unterstützung für Blatter am Donnerstag noch einmal bekräftigt. Und die anderen? Die schwer angeschlagenen Funktionäre aus Nord-, Mittel- und Südamerika? Man werde, kündigte Platini an, am Abend noch für Prinz Ali werben. Da stand ihm ein anstrengender, vielleicht gar frustrierender Abend bevor, aber Platini wollte die Herausforderung annehmen. „Ich glaube, dass Blatter geschlagen werden kann.“ Allerdings rüstet sich die Uefa bereits für die Niederlage gegen Blatter. Am 6. Juni, während des Champions-League-Finales in Berlin, wollen sich die Uefa-Spitzenleute treffen und über ihr zukünftiges Verhältnis mit der Fifa diskutieren. Was da kommen könnte? „Viele wollen mit einer solchen Fifa nicht mehr zusammenarbeiten“, erklärte Platini. Also vielleicht sogar ein Austritt? „Natürlich“, sagte Platini. Sogar einen Boykott der Fußball-Weltmeisterschaft schloss er nicht aus.

Doch zum Zeitpunkt des Uefa-Treffens wird Blatter bereits wieder für weitere vier Jahre ins Amt gewählt sein, er wird weiter die Geldströme leiten und die Quotenplätze für die Fußball-WM vergeben. Wobei wir beim eigentlichen Thema wären, dem Fußball, für den Platini kämpft. Blatter will Europa nämlich einen seiner 13 Plätze im 32 Mannschaften umfassenden WM-Feld wegnehmen und an Kollegen etwa aus Asien weitergeben. Das könnte er nach dem Desaster von Zürich nun vielleicht lassen. Und darum geht es doch im europäischen Fußball. Auch wenn der Aufwand zur Verteidigung eines Startplatzes bei der WM diesmal vielleicht ein bisschen sehr groß ist.

Fifa-Kongress
Platini hat die Nase voll
© AP, reuters
Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Simeoni, Evi
Evi Simeoni
Sportredakteurin.
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