WM-2006-Bestechungsvorwurf

Keine krummen Dinger!

Von Evi Simeoni
19.10.2015
, 12:55
Schön und einträglich war das Sommermärchen: Aber wer glaubt, man dürfe eine Fußball-WM kaufen, wenn sie nicht sauber zu bekommen sei, der akzeptiert und stärkt kriminelles Handeln.

Man könnte es sich leicht machen, so wie Bernie Ecclestone. Der Erfinder der Formel 1, ein Pragmatiker mit starkem Hang zum Zynismus, pries jüngst im russischen Fernsehen die großen Verdienste des suspendierten Präsidenten des Fußball-Weltverbandes, Joseph Blatter. Wenn im Blatter-Reich Korruption im Spiel sei, dann sei das halt eine „Gebühr, die der Fußball zahlen muss“. Ecclestone hat selbst zu spüren bekommen, wie in Deutschland über Korruption gedacht und geurteilt wird: Er musste letztes Jahr 100 Millionen Dollar zahlen, um einen Korruptionsprozess zu beenden, der vom Münchner Landgericht gegen ihn geführt wurde.

Aber angesichts der jüngsten Beschuldigungen, mit denen das Magazin „Der Spiegel“ den deutschen Fußball konfrontiert, könnte er sich in seiner Auffassung doch noch bestätigt fühlen. Danach soll das Recht, die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 auszutragen, die deutschen Werber mit Franz Beckenbauer an der Spitze eine „Gebühr“ von 6,7 Millionen Euro gekostet haben. Mindestens.

Sieht man es so wie der PS-Despot aus Großbritannien, könnte man zu dem Schluss kommen, der Deal hätte sich gelohnt. Eigentlich ein preiswertes Vergnügen, unser Sommermärchen. Diese inspirierenden Sommernächte. Und die Chance auf ein neues Deutschland-Bild in der Welt. Schön war es ja, oder? Und einträglich auch. 56,5 Millionen Euro Gewinn hat allein der Deutsche Fußball-Bund (DFB) gemacht. Aber so darf man das nicht sehen. Wer sich an einem korrupten System beteiligt, wird ein Teil davon. Und wer glaubt, man dürfte sich eine Fußball-Weltmeisterschaft kaufen, weil man sie auf anderem Wege nicht bekommt, der akzeptiert und stärkt kriminelle Machenschaften.

Sommermärchen nur der Anfang?

Sollte sich bestätigen – was eigentlich nur logisch wäre –, dass Deutschland sich die Fußball-WM mit unsauberen Mitteln gesichert hat, so müsste man eine gerade Verbindungslinie ziehen zwischen dem deutschen Sommermärchen, Russland 2018 und Qatar 2022. Ja, dann müsste man die Deutschen zu denen zählen, die Qatar 2022 möglich gemacht haben. Die unter erschütternden Umständen erfolgte Vergabe der Fußball-WM in ein reiches, ehrgeiziges und völlig ungeeignetes Land, die gerade in Deutschland aufs schärfste verurteilt worden ist. Selbst der vorsichtige Wolfgang Niersbach, Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) und jetzt schwer unter Beschuss, hat den Weltverband Fifa dafür kritisiert. Sie hätte, sagte er vor einiger Zeit, die Bewerbung Qatars nicht einmal annehmen dürfen.

Gerade noch trat Niersbach als eine Art gutes Gewissen des Weltfußballs auf. Für den Präsidenten des größten Nationalverbandes, Vorstandsmitglied der Europäischen Fußball-Union (Uefa) und der Fifa, schien der Aufstieg zum Uefa-Präsidenten nur noch eine Frage des Timings. Er ist der Einzige unter den Werbern, von Beckenbauer über dessen Berater Fedor Radmann bis zum Sportrechte-Händler Günter Netzer, der noch hohe Ämter zu verlieren hat. Nun droht ihm der Absturz. In Deutschland wäre ein mögliches Korruptionsvergehen schon verjährt – womöglich hat der ungenannte „Spiegel“-Informant aus Gründen des Selbstschutzes die Zehn-Jahres-Frist abgewartet.

DFB-Präsident Niersbach
Es gab keine schwarzen Kassen
© AP, reuters

In der Schweiz, wohin die dubiosen 6,7 Millionen überwiesen worden sind, noch nicht. Die dortige Bundesanwaltschaft, heißt es, verfolge die Vorgänge mit Interesse. Die Fifa lässt die Vorwürfe durch ihre Anwälte auf strafrechtliche Relevanz hin untersuchen – es könnte sogar der Vorwurf der Geldwäsche gegen den Weltverband im Raum stehen. Außerdem nimmt in solchen Verdachtsfällen auch die Fifa-Ethikkommission Ermittlungen auf.

Sie könnte bei der rechtsprechenden Kammer eine 90-Tage-Suspendierung gegen Niersbach beantragen, wie sie gegen Blatter und den französischen Uefa-Chef Michel Platini verhängt wurde. Ein presserechtliches Verfahren, wie es Niersbach gegen den „Spiegel“ angekündigt hat, könnte mehr Licht in die – auf den ersten Blick eher dünne – Beweislage bringen. Möglicherweise hat die Zeitschrift noch Belege in der Hinterhand, die allzu offensichtlich auf die Identität ihres Informanten hingewiesen hätten.

„Es gibt eine Chance für einen ehrlichen Wettbewerb“

Fragen jedenfalls beantwortet Niersbach nicht mehr – nur noch die eigenen auf der DFB-Homepage, nach zwei nicht gerade erhellenden, offenbar taktisch motivierten Erklärungen. Zudem sprach er am Montag im neuen Deutschen Fußballmuseum in Dortmund. Seit Freitag verwickelt er sich in Widersprüche, die seine Glaubwürdigkeit erschüttern, während seine Mitstreiter pauschal dementieren. Franz Beckenbauer zum Beispiel weist in einem Statement jeden Vorwürf zurück. Fedor Radmann will „beeiden“, dass das Bewerbungskomitee nie jemanden bestochen hat. Otto Schily, Mitglied des Organisationskomitees, berief sich darauf, dass der damalige Schatzmeister und spätere DFB-Präsident Theo Zwanziger alle Zahlungen geprüft habe. Zwanziger – auf den sich der „Spiegel“ immer wieder bezieht.

Niersbach, ein ehemaliger Journalist, dessen Erfolgsstrategie es immer war, geschickt im Fahrwasser seiner mächtigen Freunde zu manövrieren, steht plötzlich selbst im Wind. Und es ist denkbar, dass der ihn hinwegfegt. Trotz aller Bedenken aber bleibt eines: Die Erinnerungen an das Sommermärchen kann uns niemand mehr nehmen. Klarer denn je werden allerdings die Grenzen dessen sichtbar, was ein demokratisches, werteorientiertes Land wie Deutschland tun darf, um Sport-Großereignisse zugesprochen zu bekommen. Das ist wichtig, schließlich entwickelt Hamburg gerade seine Bewerbung um die Olympischen Spiele 2024. Bundesinnenminister Thomas de Maizière hat im Juli der F.A.Z. gesagt, wie er zu unkorrekten Aktionen steht. „An krummen Dingen bei der Bewerbung werden wir uns nicht beteiligen. Wenn man nur so Olympische Spiele bekäme, wollen wir sie nicht haben.“

Das Internationale Olympische Komitee (IOC), das die Spiele vergibt, hat zwar auch einen Bestechungsskandal hinter sich – jedoch im Vergleich zur Fifa einen bescheidenen. Und eine ganze Anzahl der etwa 100 Entscheider kommt aus Ländern, in denen Korruption zum Alltag gehört. De Maizière hat trotzdem Hoffnung: „Nach allem, was diskutiert wurde, gibt es eine Chance für einen ehrlichen Wettbewerb.“

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Simeoni, Evi
Evi Simeoni
Sportredakteurin.
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