FAZ plus ArtikelJüdische Fußball-Unternehmer

„Weltläufig und großbürgerlich“

Von Michael Horeni
20.01.2021
, 13:43
Jüdische Unternehmer haben in Frankfurt ihren Klub wie heute Hopp professionalisiert und kommerzialisiert. Der FSV war sogar dem FC Bayern voraus – dann kamen die Nazis. Markwart Herzog über eine bis heute nachwirkende Zäsur.

Als Direktor der Schwabenakademie und Sporthistoriker sind Sie bei Ihren Studien über die Verdrängung und den Ausschluss jüdischer Sportler und Sportfunktionäre in die Archive gestiegen. Beim Blick auf den Aufstieg des damaligen Spitzenklubs FSV Frankfurt haben Sie vor allem die jüdischen Funktionäre in den Blick genommen. Was haben Sie herausgefunden?

Dass in weniger als acht Jahren, beginnend 1925 mit der Wahl von Dr. David Rothschild zum 1. Vorsitzenden, eine kleine Gruppe von jüdischen Unternehmern und Industriellen einen Vorortverein zu einer der ersten Adressen des Sports in Deutschland gemacht hat. Sie hat den Klub bis 1933 modernisiert und professionalisiert. Vor allem Alfred J. Meyers hat es als 1. Vorsitzender geschafft, 1931 ein modernes Stadion am Bornheimer Hang hinzustellen. Das war in der Weltwirtschaftskrise eine sensationelle unternehmerische Leistung. Der gesamte Verein hat einen atemberaubenden Aufstieg hingelegt. Doch die sportlichen Erfolge haben sich in Grenzen gehalten. Nach der Teilnahme am Finale um die deutsche Meisterschaft 1925 gegen den 1. FC Nürnberg kam erst einmal nicht viel.

Testen Sie unsere Angebote.
Jetzt weiterlesen

Testen Sie unsere Angebote.
F.A.Z. PLUS:

  FAZ.NET komplett

F.A.Z. PLUS:

  Sonntagszeitung plus

Diesen und viele weitere Artikel lesen Sie exklusiv mit F+
Was aus Rothschild und Meyers wurde

Für den vormaligen FSV-Vorsitzenden David Rothschild wurde es nach dem 30. Januar 1933 immer schwieriger, sich als praktizierender Arzt wirtschaftlich zu behaupten. Seine Frau wollte Deutschland verlassen, für ihren deutschnational eingestellten Mann war das undenkbar. 1936 besuchten sie ihre Tochter in Stockholm. Die Eheleute zerstritten sich dort über die Frage der Emigration so sehr, dass Rothschild an einem Herzinfarkt starb. Er wurde auf dem Jüdischen Friedhof Stockholm beigesetzt. Auch für seinen Nachfolger Alfred J. Meyers verschlechterte sich die wirtschaftliche Lage nach 1933 zusehends. NS-Frauenorganisationen boykottierten die von Meyers für den täglichen Bedarf der Hausfrau hergestellten Chemieprodukte. Verfolgungsbedingt musste er seine Firma, die Enameline Werke GmbH in Frankfurt-Höchst, weit unter Wert verkaufen. 1938 flohen Meyers und seine Frau nach Amerika. Sie wurden nach 1945 für die Plünderung ihres Eigentums entschädigt. Meyers starb 1956 in Baden-Baden an einem Herzinfarkt, beigesetzt wurde er in New Jersey.

Quelle: F.A.Z.
Michael Horeni - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Michael Horeni
Korrespondent für Sport in Berlin.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot