WM-2006-Affäre

Fragwürdige Freundschaftsspiele des FC Bayern

Von Michael Ashelm
12.11.2015
, 09:06
Im WM-Skandal könnte auch der FC Bayern in Bedrängnis geraten. Es geht um verdächtige Zahlungen und vor allem eher bizarr erscheinende Freundschaftsspiele – nicht nur in Malta.

Die Untersuchung beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) im WM-Skandal und weitere Ermittlungen staatlicher Behörden könnten nun auch den FC Bayern München und seine Verantwortlichen in Bedrängnis bringen. Dabei geht es um verdächtige Zahlungen und vor allem Freundschaftsspiele, die der Verein vor der WM-Vergabe im Jahr 2000 in Ländern absolviert hat, aus denen Mitglieder des Vorstandes beim Internationalen Fußball-Verbandes kamen, die am Ende genau über die Zuteilung des Turniers entschieden.

Am Mittwoch sah sich Bayern-Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge mit unangenehmen Fragen konfrontiert, nachdem bekannt wurde, dass auf Malta eine Einheit für Wirtschaftskriminalität die Geschäftsstelle des maltesischen Fußballverbandes durchsucht hatte. Rummenigge wies den Vorwurf zurück, der FC Bayern habe im Vorfeld der WM in Deutschland zu auffällig schlechteren Konditionen solche Partien gespielt. Man sei in Malta, Thailand und Tunesien zu marktüblichen Preisen angetreten, betonte er.

Zugleich kritisierte Rummenigge am Mittwoch in München den Umgang beim DFB mit Franz Beckenbauer. „Wenn ein Freund in schwierigen Zeiten steht, muss man ihm zur Seite stehen“, sagte der Bayern-Vorstand. Er verstehe, dass der DFB derzeit größtes Interesse an einer Aufklärung haben müsse. „Aber ich würde mir einen etwas sensibleren Umgang mit der Person Franz Beckenbauer wünschen, weil ich glaube, dass auch der DFB durchaus der Person viel zu verdanken hat.“

Beckenbauer war in der Zeit der WM-Bewerbung und auch noch später bis 2009 auch Präsident des FC Bayern. Die maltesischen Ermittler interessiert offenbar der verdächtige Vertrag, der kurz vor der WM-Vergabe merkwürdigerweise im Privathaus des damaligen Verbandspräsidenten Maltas, Joe Mifsud, unterschrieben wurde. Mifsud, damals Mitglied im Fifa-Vorstand, will sich nicht mehr erinnern, ob Beckenbauer persönlich dabei war.

Fest steht: Der lukrative TV-Kontrakt mit der Schweizer TV-Rechte-Agentur CWL brachte dem Verband eine satte Summe. Dabei ging es um die Fernsehrechte für das Freundschaftsspiel zwischen Malta und den Bayern 2001. Angeblich seien 250.000 Dollar dafür in die Kassen des Fußballverbandes von Malta geflossen. Weitere Hintergründe sind bisher unbekannt.

Damaliger Geschäftsführer von CWL war Günter Netzer, der später im Aufsichtsrat der deutschen WM-Organisatoren saß und auch als Kontaktmann zum früheren Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus galt. Der Franzose soll Beckenbauer die ominösen 6,7 Millionen Euro geliehen haben, die jetzt den WM-Skandal beim DFB auslösten. Der verstorbene Louis-Dreyfus soll auch derjenige gewesen sein, der Uli Hoeneß angeblich die Zockermillionen geliehen haben soll, die den früheren Bayern-Manager schließlich wegen Steuerhinterziehung ins Gefängnis brachten. Auch hier - es sind immer dieselben Namen und Verbindungen.

WM-2006-Affäre
Niersbach tritt als DFB-Präsident zurück
© AFP, reuters

Spiele in Thailand, Tunesien, Trinidad und Tobago

Das WM-Bewerbungsteam um Beckenbauer und auch den zurückgetretenen DFB-Präsidenten Wolfgang Niersbach hat bisher immer bestritten, dass mit solchen Freundschaftsspielen der Bayern Stimmen von Fifa-Funktionären für die WM in Deutschland gekauft werden sollten. Netzer sprach bei diesen Verträgen immer von einem „normalen Agenturgeschäft“. Die Ermittlungsbehörden auf Malta interessieren sich nun dafür und decken hier womöglich noch gegenteilige Zusammenhänge auf.

Im Vorfeld der Entscheidung um die WM-Vergabe für 2006 wurden weitere eher bizarr erscheinende Freundschaftsspiele des FC Bayern vereinbart - und zwar noch in Thailand, Tunesien sowie Trinidad und Tobago. Stets waren CWL und Netzer mit von der Partie. Die Agentur gehörte damals zum Kirch-Konzern, der erhebliche wirtschaftliche Interessen an einem WM-Turnier in Deutschland hatte. Im Fall von Thailand hatte das Spiel bei Vertragsabschluss schon stattgefunden, gegen Trinidad kam es nie zur Partie und nach Aussagen Netzers auch nicht zu einer Zahlung.

Sportmarketingexperten wundern sich, dass CWL damals für diese Spiele jeweils eine Viertelmillion Dollar oder mehr zahlte. Das gab der Sportrechte-Markt eigentlich nie her. Der Sportsender DSF von Kirch machte in dieser Zeit Verluste, selbst auf dem deutschen Markt waren diese Spiele trotz Beteiligung des deutschen Rekordmeisters nicht zu refinanzieren.

Der ehemalige und wegen Verstößen gegen die Ethikregeln lebenslang gesperrte Fifa-Vizepräsident Jack Warner aus Trinidad und Tobago hat unterdessen eine Vereinbarung mit Beckenbauer oder dem WM-OK vor der Vergabe der WM 2006 zurückgewiesen. „Ich hatte mit niemandem aus Deutschlands Organisationskomitee für die WM 2006 irgendeine Vereinbarung“, wurde Warner am Mittwoch bei „Sport1“ zitiert.

„Beckenbauer wird sich nicht öffentlich äußern“

Am Montag hatte der DFB mitgeteilt, dass Beckenbauer vier Tage vor Vergabe der WM 2006 eine vertragliche Vereinbarung mit dem Funktionär unterschrieben habe. In diesem Dokument seien der Konföderation des damals stimmberechtigten Fifa-Vorstandsmitglieds „diverse Leistungen“ von deutscher Seite zugesagt worden wie Abmachungen über Spiele, Unterstützung von Trainern beim karibischen Kontinentalverband oder Ticketzusagen für WM-Spiele an Warner selbst.

Die Anklageschrift der amerikanischen Behörden von Ende Mai zeichnen ein Bild der Geschäftspraktiken von Jack Warner und zeigen auch eine Verbindung zu einem Konto mit dem Namen „LOC Germany 2006 Limited“. Wer diese Bankverbindung eingerichtet hatte, geht nicht aus den Akten hervor - Warner konnte demnach aber zumindest über das Konto verfügen.

Seit dem Frühjahr ermitteln die amerikanischen Justizbehörden gegen Warner wegen des Verdachts der Korruption im großen Stil. Es geht auch gegen andere hochgestellte Fußballfunktionäre um ein Geflecht von Bestechung, Schmiergeld und Geldwäsche - im Umfeld von Warner. Die Vereinigten Staaten haben in Trinidad und Tobago die Auslieferung des ehemaligen Fifa-Vizechefs und früheren Lehrers beantragt. Laut Anklage gibt es eine Verbindung von Warner zu einem Konto bei einer Bank in dessen karibischer Heimat. Der Name des Kontos: „LOC Germany 2006 Limited“.

Unterdessen hat Beckenbauer zwar nicht sein Schweigen gebrochen, aber über sein Management eine schriftliche Mitteilung verfasst, in der er zumindest seine Mitwirkung an den DFB-Untersuchungen durch die Anwaltskanzlei Freshfields Bruckhaus Deringer ankündigt. Dort heißt es: „Franz Beckenbauer steht den zuständigen Gremien weiterhin zur Verfügung und wird sich daher öffentlich nicht äußern.“

Quelle: F.A.Z.
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