Menschenrechte in WM-Land

Klartext von Kroos zu Qatar

Von Evi Simeoni
31.03.2021
, 16:43
Toni Kroos kritisiert in einem langen Monolog WM-Gastgeber Qatar.
Wie kaum ein Fußballprofi zuvor bringt der deutsche Nationalspieler zum Ausdruck, was ihn an der WM in Qatar stört. Die Diskussionen um einen Boykott kommen für Toni Kroos aber zehn Jahre zu spät.
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Gut zehn Jahre liegt die skandalöse Vergabe der Fußball-Weltmeisterschaft 2022 an Qatar zurück. Die juristischen und sportpolitischen Folgen für den Weltverband Fifa waren tiefgreifend, nur eines passierte nicht: Die WM wurde Qatar nicht wieder entzogen. Nun zeigt sich: Zumindest der Spaß an dem Turnier in der Adventszeit könnte der Fifa und dem Emirat verdorben werden, und das ausgerechnet seitens der Profis, die bisher in seltenen Fällen mit politischem Klartext aufgefallen sind.

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Doch nun hat der deutsche Nationalspieler Toni Kroos seinen Mut zusammengenommen und es nicht mehr nur bei Andeutungen belassen, was die Kritik an der Menschenrechtslage in Qatar betrifft, sondern ist konkret geworden und will damit offenbar auch nicht wieder aufhören. „Ich glaube, dass es wichtig ist, auf die Probleme noch mal extrem aufmerksam zu machen, ja vielleicht auch im Vorfeld oder auch während so einem Turnier“, sagte er im Podcast unter dem Titel „Einfach mal Luppen“, den er wöchentlich zusammen mit seinem Bruder Felix aufnimmt. Einen Boykott des Turniers hält er aber, genau wie das zuvor Bundestrainer Joachim Löw äußerte, nicht für sinnvoll.

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Der Mittelfeldstar von Real Madrid wies deutlich auf die mangelhaften Bedingungen für Migrationsarbeiter in dem Land hin und kritisierte auch die dortige Gesetzgebung gegen Homosexuelle. Damit machte er sich – obwohl wegen einer Verletzung nicht an den aktuellen WM-Qualifikationsspielen beteiligt – zum Wortführer der Nationalmannschaft, die eine Kampagne für Menschenrechte begonnen hat, aber den Zusammenhang mit Qatar nur sparsam andeutet.

Qatar ist „kein Fußball-Land“

Zuletzt war die deutsche Nationalmannschaft sogar in die Kritik geraten, weil ein Filmchen in den sozialen Medien den Eindruck erweckte, bei dem Engagement könnte es sich um eine Image-Kampagne handeln. Mit ihren Aktivitäten stehen die deutschen Spieler aber nicht allein. Die Nationalmannschaften aus Norwegen, Dänemark, den Niederlanden und Belgien starteten ihre eigenen Protestaktionen. Bisher hat der Fußball-Weltverband über die politischen Meinungsäußerungen auf den Spielfeldern großzügig hinweggesehen, obwohl sie eigentlich verboten sind. Mit Blick auf Qatar könnte sich diese Politik aber als kontraproduktiv erweisen.

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Toni Kroos bemängelte in seiner mehr als fünf Minuten langen Kritik, mit der er eine Hörerinnen-Frage von „Leni aus Porta Westfalica“ beantwortete, zunächst die Vergabe der WM durch das damalige Fifa-Exekutivkomitee. „Dass dieses Turnier da hingegeben worden ist, das halte ich für falsch“, sagte er. Qatar sei „kein Fußball-Land in dem Sinne, wo es einfach logisch ist, dass du da eine WM hingibst“. Als Gegenbeispiele nannte er Deutschland oder Brasilien.

Kroos nannte die Arbeitsbedingungen in dem Land „absolut inakzeptabel, da kann es keine zwei Meinungen geben“. Er nannte „einfach so ein pausenloses Arbeiten bei teilweise 50 Grad Hitze“. Die Leute würden „da einfach auch unter mangelnder Ernährung leiden, fehlendes Trinkwasser, was gerade bei den Temperaturen ein Wahnsinn ist“. Er sprach von einer „gewissen Gewalt“ die „an den Arbeitenden ausgeführt wird“.

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Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International fordert die Fifa immer wieder auf, mehr Druck auf Qatar auszuüben, um die Lage der Arbeiter auf den WM-Baustellen zu verbessern. Die eingeleiteten Reformen des Landes würden nicht richtig umgesetzt, Tausende von Arbeitsmigranten würden weiterhin ausgebeutet und missbraucht. Am Montag vergangener Woche wies Qatars Regierung diese Kritik in einer Erklärung zurück. Im Rahmen von Reformen des Arbeitsmarktes sei ein neuer Mindestlohn in Kraft getreten. Arbeiter könnten seit sechs Monaten frei ihren Job wechseln und brauchten keine Ausreisegenehmigung mehr, um das Land zu verlassen.

Das eine seien die Arbeitsbedingungen, sagte Kroos. Diese müsse man benennen. „Aber es gibt ja auch den einen oder anderen Punkt, nach wie vor, dass Homosexualität in Qatar unter Strafe steht und auch verfolgt wird.“ Kroos sagte, der Fußball müsse seine Reichweite nutzen, um den Blick auf Missstände zu lenken. Die Diskussionen um einen Boykott kämen aber zehn Jahre zu spät.

Man müsse sich auch die Frage stellen: „Was bringt ein Boykott? Ändern sich dann die Arbeitsbedingungen entscheidend? Ich denke, nein.“ Stattdessen lenke die WM „große Aufmerksamkeit“ auf die bestehenden Probleme, was vielleicht Verbesserungen bringen könne. Ob der 31 Jahre alte Kroos bei der WM in Qatar noch dabei sein wird, ist eine offene Frage. Schon jetzt leitete er sein Statement mit einem Zweifel ein: „Tun wir uns da einen Gefallen mit?“

Rettig regt großangelegten Protest bei der WM 2022 an

Der langjährige Fußballfunktionär Andreas Rettig regt einen großangelegten Protest für Menschenrechte bei der WM 2022 in Qatar an. Es wäre ein „großartiges Zeichen“, wie der 57 Jahre alte frühere DFL-Geschäftsführer in der „Hamburger Morgenpost! betonte, „wenn alle teilnehmenden Nationen zum Beispiel die Regenbogenfahne in ihr Trikot integrieren, alle Spieler beim Warmmachen mit dem Konterfei von George Floyd auflaufen und alle Funktionäre und politische Mandatsträger in den Stadien beim Abspielen der Hymnen niederknien.“

Seine Vision bezeichnete Rettig als „einen Traum“, mit einer Absage der vielkritisierten WM im Winter des kommenden Jahres rechnet er nicht. Die Vergabe an Qatar verurteilte Rettig scharf, der Weltverband Fifa hätte zumindest auf die Einhaltung von Menschenrechten pochen sollen. Es bleibe zu hoffen, dass die Welle der Empörung und des Widerstands nicht abebbt, fügte Rettig an, der zuletzt bis September 2019 für den FC St. Pauli tätig war: „So oder so, die Zahl der Toten von Qatar, sie ist ein Mahnmal und ein Zeichen, dass die Bosse des Fußballs über Leichen gehen - für ihre Ziele, für ihr Geld.“ (sid)

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Simeoni, Evi
Evi Simeoni
Sportredakteurin.
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