WM-2006-Affäre

Wie Niersbach die Aufklärung verschleppte

Von Anno Hecker
07.03.2016
, 11:57
Wolfgang Niersbach war der Buddy an der Spitze des DFB – protegiert von Franz Beckenbauer und Co. Dann wurde es Zeit für einen Freundschaftsdienst, der die Aufklärung der WM-Affäre behindert.

Franz Beckenbauer hat einflussreiche Freunde. Am Samstag ist ihm der ehemalige Bundesinnenminister Otto Schily beigesprungen. Schily saß zur WM-Zeit im Aufsichtsrat des Organisationskomitees, das einen Geld-Transfer in Höhe von 6,7 Millionen Euro als Kulturausgabe kaschierte. Weil die Deutschen glaubten, am Machtspiel des korrupten Internationalen Fußball-Verbandes (Fifa) teilnehmen zu müssen, um das Fußball-Festival 2006 wieder nach Deutschland holen zu können.

Ob mit den Millionen Stimmen für die Wahl im Juli 2000 gekauft wurden, hat auch die vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) im Oktober eingeschaltete Kanzlei Freshfields Bruckhaus Deringer nicht herausfinden können. Im Wust von 128.000 elektronischen Dokumenten und E-Mails, im 750 Aktenordner füllenden Untersuchungsmaterial sind zwar Indizien aufgetaucht, aber laut der privaten Fahnder keine „hinreichenden“ Beweise. Und deshalb ist Schily sicher: Beckenbauers Glanz leidet nicht. Der Kaiser bleibt. Das sieht auch Beckenbauer selbst so. Im Interview mit der „Bild am Sonntag“ bekräftigte er abermals von nichts gewusst zu haben.

Keine lauten Fürsprecher

Wolfgang Niersbach hat keine lautstarken Fürsprecher. Im Gegenteil. In der „Welt am Sonntag“ musste er schon selbst sein „absolut reines Gewissen“ beteuern. Zuvor wurde der frühere DFB-Präsident am Freitagmittag in Abwesenheit verbal in jenem Saal eines Frankfurter Hotels zur Guillotine geführt, in dem er am 2. März 2012 zum Chef des größten Fußball-Verbandes der Welt gekürt worden war. „Der Zahlungsvorgang ist zehn Jahre verheimlicht“, sagte DFB-Interims-Präsident Rainer Koch, „er ist zehn Monate beschönigt und verschleiert worden, ist aber in zehn Sekunden zu erklären.“ In zehn Sekunden?

Selbst für die grobe Version braucht man etwas länger: Laut Freshfields erhielt der DFB von der Fifa einen Zuschuss für die WM (170 Millionen Euro). Im Gegenzug sollte er in Vorkasse 6,7 Millionen an Provision zahlen. Ein Teil kam zunächst von einem Beckenbauer-Konto, dann aber übernahm der damalige Adidas-Vorstand Robert Louis-Dreyfus die Rechnung. Er zahlte Beckenbauers Vorlage an den einstigen Teamchef zurück und ließ die Fifa-Forderung nach Qatar überweisen, zu einem Unternehmen des damaligen Fifa-Vizepräsidenten Bin Hammam. Der Qatarer ist längst als korrupter Funktionär entlarvt und von der Fifa aus dem Verkehr gezogen worden. Er weiß von nichts. Hat Bin Hammam den Wahlkampf des suspendierten und seit einer Woche abgelösten Fifa-Präsidenten Joseph Blatter finanziert? Die Spur ist heiß, aber sie verliert sich im Sand.

Sommermärchen
DFB: Keine Hinweise auf Betrug bei WM-Vergabe 2006
© AFP, reuters

Vielleicht wäre das anders, wenn es den Aktenordner noch gäbe: „Fifa 2000“ stand wohl auf dem Rücken. Er ist entliehen worden aus dem Archiv des DFB, am 22. Juni 2015. Die Staatsanwaltschaft Frankfurt, die gegen den DFB wegen Verdachtes der Steuerhinterziehung ermittelt, hat ihn nicht, schreibt Freshfields. Entliehen, entwendet, versteckt, geschreddert? Die Assistentin von Wolfgang Niersbach dementierte eine Vernichtung. Spätestens hier endet die Geschichte vom wunderbaren Aufstieg eines Journalisten an die Spitze des Fußballs.

Niersbach berichtete über Fußball und Eishockey, ehe er Pressechef des DFB wurde, dann ins WM-OK berufen wurde als Vizepräsident, nach dem Sommermärchen das Amt des (fähigen) DFB-Generalsekretärs bekleidete und ins Präsidentenamt geschubst wurde: Boss des größten, des reichsten Fachverbandes der Welt, Chef des Weltmeisters. Ein Herrscher war der konziliante Niersbach nicht. Die Mitarbeiter mochten ihn wegen seines menschlichen Umgangs. Und die alte WM-Kamarilla konnte zufrieden sein: Beckenbauer und Co. wussten um einen Buddy an der Spitze.

Im Nachhinein könnte man an einen genialen Deal glauben. Die Helden der WM-Bewerbung hatten einen der Ihren im höchsten Amt plaziert. Aus dieser Perspektive erscheint alles, was seit dem Frühsommer passiert ist, logisch: Freshfields hat zwar teils „erhebliche Bedenken“, ob Niersbach nicht schon Jahre früher über die kaschierte Zahlung vom April 2005 im Bilde war. Spätestens Anfang Juni 2015 aber wurde Niersbach durch seinen inzwischen entlassenen Finanzchef Stefan Hans von der ominösen Zahlung informiert. Und dann begann nolens volens ein Freundschaftsdienst.

Niersbach ließ intern ermitteln. Als Hans und der zurückgetretene Generalsekretär Helmut Sandrock ihn darauf hingewiesen haben wollen, Vizepräsident Koch einzuweihen, verdonnerte Niersbach sie zu Stillschweigen. Er bestätigte dieses Szenario. Der Grund: Niersbach wolle sich erst einmal ein Bild machen und mit den ehemaligen Kollegen sprechen. Zu komisch: Als ehemaliger Vizepräsident des OK strengte Niersbach eine Untersuchung gegen sich selbst und seine Freunde an - unter Ausschluss von Zuschauern. Der Archivleiterin des DFB wurde am 18. Juni erklärt, sie solle die „Grabungen“ einstellen.

Auf Nimmerwiedersehen

Stattdessen tauchte vier Tage später eine Assistentin von Niersbach im Archiv auf. Sie wehrte bei ihrer Suche Hilfe ab und schickte heraneilende Archivare weg. Am gleichen Tag verschwand der Ordner „Fifa 2000“ aus dem Archiv auf Nimmerwiedersehen. Freshfields fand die Mail eines Mitarbeiters an die Personalleiterin des DFB: Demnach habe die Assistentin gegenüber dem Autoren der elektronischen Post durchblicken lassen, dass sie belastendes Material vernichtet haben könnte. Die Assistentin dementiert. Niersbach sagt, es habe nie eine Anweisung an die Dame gegeben, allein zu recherchieren.

Der erste Mann des Fußballs aber machte sich als Sonderermittler in eigener Sache auf den Weg. Er traf nicht nur in wechselnden Konstellationen immer wieder die ehemaligen OK-Kollegen zur Erörterung der Vorfälle. Er ersuchte auch um Audienz beim Kaiser. Und kehrte mit der Fifa-Provisions-Geschichte heim: 250 Millionen Schweizer Franken (170 Millionen Euro) für zehn Millionen (6,7) Retour, vorab, sehr merkwürdig. Was aber hat Niersbach mit seinem gesammelten Wissen im Sommer gemacht? Nichts bis Mitte Oktober.

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Erst als der „Spiegel“ ihn mit Fragen bombardierte und eine Veröffentlichung ankündigte, musste der DFB-Präsident sein verblüfftes Präsidium per Telefonkonferenz informieren. Um 11 Uhr am gleichen Tag ging eine Pressemeldung des DFB heraus, in der neben dem Hinweis auf eine interne Untersuchung auch die längst erfolgte Einschaltung einer externen Hilfe suggeriert wurde. Dabei hatte Vizepräsident Reinhard Rauball erst am Vormittag auf diesen nötigen Schritt hingewiesen. Am Nachmittag wurde Freshfields mündlich das Mandat erteilt.

Fast viereinhalb Monate waren seit Niersbachs nachweislicher Kenntnis von der Affäre vergangen. Freshfields stieß nicht nur auf Lücken im Archiv, sondern auch auf einen ehemaligen OK-Zirkel, der „spärlich“ Auskunft gab, auf Zeugen, die sich weigerten, wie Horst R. Schmidt, über Niersbachs Rolle und Wissen zu sprechen. Frei nach dem Motto: Ich verrate keine Freunde. Ob das die letzten Dienste der gesprengten WM-Equipe sind? Freshfields Chefermittler Christian Duve riet dem sich reformierenden DFB zu einer Antwort auf seine Ursachenforschung: „Wie kann eine Kultur verankert werden, die das Verbandsinteresse über persönliche Verbindungen stellt?“

Niersbach war nicht die zentrale Figur des Skandals. Aber sein Vertuschungsversuch hat dazu beigetragen, dass Lücken bleiben. Er hätte schon mit der Veröffentlichung der Affäre Mitte Oktober zum Rücktritt gedrängt werden müssen, so wie der Finanzjongleur Hans. Stattdessen musste das Präsidium feststellen, dass selbst nach ihrer ersten, erzwungenen Information nicht alles übermittelt wurde. Etwa der Vertrag, den der DFB mit dem Fifa-Vizepräsidenten Jack Warner aus Trinidad und Tobago kurz vor der WM-Wahl abgeschlossen hatte. Das Abkommen trat offiziell nie in Kraft. Aber der WM-Wähler Warner genoss zumindest einen 50 000 Mark teuren Aufenthalt samt Gattin in Deutschland, vier Tage Luxus.

Niersbach soll seit dem 9. Oktober davon gewusst und geschwiegen haben. Darüber stolperte er im November. Und doch bleibt er ein Mann des DFB im internationalen Fußball. Seine Ämter in der Uefa und der Fifa soll er behalten. Die Deutschen bewerben sich um die EM 2024. Niersbach kennt Gott und die Welt dort, wo der deutsche Skandal keine große Rolle spielt. Davon abgesehen hat er zwar keine großen Fürsprecher, aber stille – etwa in der Liga.

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Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Hecker, Anno
Anno Hecker
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