Sommermärchen-Skandal

DFB-Präsident Niersbach tritt in WM-Affäre zurück

Von Christoph Becker, Frankfurt
09.11.2015
, 19:47
Wolfgang Niersbach übernimmt „die politische Verantwortung“ und tritt als DFB-Präsident zurück. Die Vermutung, dass bei der Vergabe der WM 2006 Stimmen gekauft wurden, verstärkt sich.

Es war dunkel geworden am Montag, als nach mehr als drei Wochen „Dreyfus-Affäre“ zum ersten Mal Konsequenzen gezogen wurden, aber wirklich heller wurde es im Korruptionsskandal beim DFB dadurch noch nicht. Wolfgang Niersbach ist vom Amt des Präsidenten des Deutschen Fußball-Bundes zurückgetreten. Das teilte der 64 Jahre alte Funktionär am Montag in Frankfurt mit. Zuvor hatten am Sitz des größten Sportfachverbandes der Welt stundenlange Gremiensitzungen stattgefunden.

Er übernehme damit die „politische Verantwortung“ für den Korruptionsskandal rund um die Vergabe der WM 2006. Niersbach, Vizepräsident im Organisationskomitee der WM, sagte, er fühle sich „für Ereignisse rund um die WM 2006“ nicht in der Verantwortung und sage „bis heute: Ich habe dort absolut sauber und gewissenhaft gearbeitet. Aber es sind Dinge passiert, die auch in den letzten Tagen erst aufgedeckt wurden, die mich dazu veranlassen zurückzutreten im Sinne einer politischen Verantwortung“.

Bis auf weiteres führen nun Reinhard Rauball, Präsident der Deutschen Fußball-Liga (DFL), und der bisherige erste Vizepräsident des DFB, Rainer Koch, den Verband. Rauball ergänzte das kurze Statement Niersbachs am frühen Montagabend um die Feststellung, dass Niersbach den DFB weiterhin in der Exekutive der Europäischen Fußball-Union Uefa und des Internationalen Fußball-Verbandes Fifa vertreten werde. Dies sei einstimmiger Wunsch des Präsidiums gewesen.

Koch kündigte an, dass der DFB von rechtlichen Schritten gegen das Nachrichten-Magazin „Spiegel“ absehen werde. Vielmehr seien durch die Untersuchung der Kanzlei Freshfields Kenntnisse gewonnen worden, die es nötig machten, die Umstände der Vergabe der WM 2006 im Sommer des Jahres 2000 eingehender zu untersuchen. Koch und Rauball dankten Niersbach für sein 27-jähriges „engagiertes Wirken“ beim DFB. Rauball sagte, Niersbach sei ein „großartiger Mensch“, die Deutsche Fußball-Liga wünsche ihm alles Gute.

WM-2006-Affäre
Niersbach tritt als DFB-Präsident zurück
© AFP, reuters

Die Berichterstattung des „Spiegels“, die nahe legt, das „Sommermärchen“ sei durch die Bestechung der Fifa-Wahlmänner gekauft gewesen, hatte die Affäre vor mehr als drei Wochen ans Tageslicht gebracht. Gleichwohl hatte Niersbach am Montag, als er sich mit seinem Präsidium in der DFB-Zentrale in der Otto-Fleck-Schneise am frühen Nachmittag traf, einen deutlich anderen Ablauf geplant. Ursprünglich war ein kurzes Statement für halb vier angekündigt worden, doch im Frankfurter Süd-Westen färbte sich der Himmel zunächst blutrot und schließlich wurde es dunkel, bevor Niersbach, deutlich gezeichnet, aber in besserer Verfassung als bei seiner gründlich missratenen Pressekonferenz wenige Tage nach der ersten Spiegel-Veröffentlichung, gemeinsam mit Rauball und Koch an die Öffentlichkeit trat.

Offenkundig war sein Ansinnen, eine plausible Erklärung zu finden für das inkriminierende Schriftstück, von dem der „Spiegel“ von Anfang an berichtet hatte und das schließlich am vergangenen Freitag veröffentlicht wurde, nicht aufgegangen. Auf dem Briefentwurf aus dem Jahr 2004 soll Niersbachs Handschrift zu sehen sein. In dem Schreiben ist die Legende für die Zahlungsanweisung über ein Fifa-Konto an den früheren Chef des Adidas-Konzerns, Robert Louis-Dreyfus, zu lesen.

Der hatte den deutschen WM-Organisatoren zuvor 6,7 Millionen Euro zur Verfügung gestellt und wollte das Geld im Herbst 2004 wiedersehen. Im WM-OK, dem Franz Beckenbauer vorstand, und in dem auch Niersbach und sein jetziger Intimfeind und Amtsvorgänger als DFB-Präsident Theo Zwanziger saßen, war man auf den Gedanken gekommen, dafür eine „Kostenbeteiligung Kulturprogramm“ anzugeben und das Geld via Fifa an Louis-Dreyfus zu leiten. Im April 2005 wurde schließlich gezahlt.

Warum und vor allem wann der Franzose, der im Jahr 2009 starb, das Geld zur Verfügung gestellt hatte, ist weiterhin völlig unklar, so dass der Weltmeisterverband bis auf weiteres in einer seiner schwersten Krisen seit der Gründung am 28. Januar 1900 in Leipzig stecken bleibt. Zwar sagte Koch, es gebe keinen Anhaltspunkt, dass Niersbach einen persönlichen Beitrag zu den Zusammenhängen geleistet habe, die „wir dabei sind aufzuklären“. Aber was das wert ist, zeigt der nächste Satz, den der Jurist aus Bayern sagte: „Wir müssen feststellen, dass die Kanzlei Freshfields hervorragende Aufklärungsarbeit geleistet hat und eine Reihe von Punkten zu Tage befördert hat, die zum Teil weiterer Aufklärung bedürfen und uns auch veranlassen, uns mit der Frage, unter welchen Umständen die WM 2006 vergeben worden ist, näher zu beschäftigen.“

Man werde sich auf diese Aufgaben konzentrieren, das Präsidium habe beschlossen, rechtlich nicht gegen den „Spiegel“ vorzugehen. Das aber heißt nichts anderes, als dass nunmehr noch größerer Zweifel an der Darstellung gehegt werden muss, die Niersbach am 22. Oktober mit Bezug auf eine angebliche Darstellung Franz Beckenbauers angeboten hatte.

Demnach sei das Darlehen durch Louis-Dreyfus gestellt worden, weil an die Fifa-Finanzkommission vor der Beteiligung an den Veranstaltungskosten zehn Millionen Schweizer Franken, also 6,7 Millionen Euro, überwiesen werden mussten. Das sei, wie Niersbach damals unter Bezug auf Beckenbauer berichtete, das Ergebnis eines Vier-Augen-Gesprächs zwischen Beckenbauer und dem inzwischen vorläufig suspendierten Fifa-Präsidenten Joseph Blatter gewesen. Blatter sagte am 22. Oktober umgehend, er habe an ein solches Gespräch keinerlei Erinnerung.

Koch kündigte nun an, so schnell wie möglich nach Abschluss der Befragungen durch die vom DFB beauftragte Kanzlei einen transparenten Untersuchungsbericht zur Verfügung zu stellen. Mit Niersbachs Rücktritt rückt die Frage, welche Mittel eingesetzt wurden, um Deutschland zum Ausrichter der WM 2006 werden zu lassen, wieder in den Mittelpunkt des Korruptionsskandals. Aber für Niersbach persönlich ist der Schritt durch die Tatsache, dass der DFB fortan durch einen gestürzten Präsidenten international vertreten wird, der es zudem mit der Wahrheit im Zuge der Affäre alles andere als genau genommen hat und gegen den nicht zuletzt die Staatsanwaltschaft Frankfurt wegen des Verdachts der Steuerhinterziehung ermittelt, längst nicht das Ende der Angelegenheit.

Noch bemerkenswerter allerdings ist, dass die bekannteste Figur unter den Personen, die wissen, wie schmutzig das „Sommermärchen“ zu Stande gekommen ist, weiterhin beharrlich schweigt. Von Franz Beckenbauer war auch am Tag, als sein einstiger Freund Wolfgang Niersbach endgültig fiel, nichts zu hören.

Die Präsidenten des Deutschen Fußball-Bundes seit 1900

Wolfgang Niersbach war der elfte Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). Der frühere Generalsekretär wurde im März 2012 zum Nachfolger von Theo Zwanziger gewählt. Am 9. November 2015 trat er im Zug der Affäre um die Vergabe der WM 2006 zurück.

Die Präsidenten des Deutschen Fußball-Bundes seit 1900:

1900 - 1904 Ferdinand Hueppe
1904 - 1905 Friedrich Wilhelm Nohe
1905 - 1925 Gottfried Hinze
1925 - 1945 Felix Linnemann
1945 - 1962 Peco Bauwens
1962 - 1975 Hermann Gösmann
1975 - 1992 Hermann Neuberger
1992 - 2001 Egidius Braun
2001 - 2006 Gerhard Mayer-Vorfelder
2004 - 2012 Theo Zwanziger*
2012 - 2015 Wolfgang Niersbach

Am 9.11.2015 haben die bisherigen Vize-Präsidenten Rainer Koch und Reinhard Rauball das Amt vorerst übernommen

* von 2004 bis 2006 als sogenannte Doppelspitze mit Mayer-Vorfelder als Präsident und Zwanziger als Geschäftsführender Präsident. Ab September 2006 war Zwanziger alleiniger DFB-Präsident

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Becker, Christoph
Christoph Becker
Sportredakteur.
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