Niederlage bei Handball-EM

Schmerzhafte Lehrstunde für die Deutschen

Von Frank Heike, Bratislava
20.01.2022
, 21:59
Enttäuschendes Ergebnis nach turbulenten Tagen: die erste EM-Niederlage für die deutschen Handballspieler.
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Nach dem Corona-Chaos der letzten Tage unterliegt die DHB-Auswahl den deutlich stärkeren Spaniern. Bundestrainer Gislason verliert nicht den Mut, denn im Kampf ums Halb­finale ist noch nichts verloren.
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Die beste Nachricht kam diesmal vor dem Anwurf. Zur Mittagszeit erfuhr der Deutsche Handballbund (DHB), dass alle abgenommenen PCR-Tests negativ verlaufen waren. Fast alle. Assistenztrainer Erik Wudtke blieb sicherheitshalber im Hotel. Aus der Fülle der Proben innerhalb der vergangenen Tage ergab sich bei Wudtke ein „unklares Bild“ – für ihn saß Team-Manager Oliver Roggisch neben Bundestrainer Alfred Gislason.
Dort sahen Roggisch, Gislason und alle anderen die weitgehend chancenlosen Deutschen, welche sich die traditionelle Niederlage gegen Spanien abholten: 23:29. „Sie haben uns vorn und hinten eine Lehre erteilt“, sagte Gislason ohne böse zu sein: „Wir haben das gespielt, was wir konnten.“

Handball-EM 2022

Nach der ersten Niederlage bei dieser EM geht es für die Nationalmannschaft schon am Freitag (20.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Handball-EM, im ZDF und bei sportdeutschland.tv) gegen Norwegen weiter. Die Chance bleibt bestehen, das Halbfinale zu erreichen – bei einer Niederlage wäre sie indes nur minimal. Gislason sagte: „Das Spiel gibt uns keinen Knacks. Wir haben nicht erwartet, dass wir hier von Sieg zu Sieg durchrutschen.“

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Alle Beteiligten auf der deutschen Bank trugen an diesem Donnerstagabend vor 1700 Fans Masken. Es soll nichts mehr riskiert werden nach zwölf Corona-Infektionen im Team. Und manchmal gibt es an diesen kuriosen Tagen der EM in Ungarn und der Slowakei schöne Überraschungen, denn plötzlich lief Christoph Steinert auf. Nach einem falsch-positiven Test durfte die Turnierentdeckung doch mitspielen – vermisste aber seine gewohnte Unterhose und auch das Unterziehshirt, weil die Zeit drängte und der DHB ihn nicht mehr komplett ausstatten konnte.

Es war sogar so eilig am Abend, dass Steinert die 700 Meter vom Teamhotel zur Ondrej-Nepela-Arena sprintete, um rechtzeitig zum Anpfiff da zu sein. Er kam zwar nicht zu spät. Aber sein Team lief 60 Minuten hinterher. „Die Cleverness der Spanier besteht beispielsweise darin, dass sie heute gefühlt 15 Mal an der richtigen Stelle des Spielfelds standen“, sagte Steinert und meinte Abpraller, die in spanischen Händen landeten.

© Youtube

Das verschleppte Tempo, der Zeitlupenhandball, das blinde Verständnis in der Abwehr – jeder wusste, was ihn erwartete und doch war es schwer, diesem Gegner zuvorzukommen. Aber auch den Spaniern fehlen derzeit wichtige Leute, zwei Spielmacher waren positiv getestet, die Duschebajew-Brüder sind verletzt, Raul Entrerrios hat aufgehört. Das, was für den Titelverteidiger nun aufläuft, kommt auch aus den Mittelklasseklubs Granollers und Irun. Doch wenn Gonzalo Perez anfängt zu halten, bekommen alle eine breite Brust. 41 Prozent der Bälle wehrte er ab. „Wir haben ihn schön warmgeworfen“, sagte Patrick Wiencek. Ihm und Johannes Golla fehlte anders als gegen Polen der Zugriff im Abwehrzentrum.

Handball-EM 2022

Der deutsche Angstgegner war in vielen Belangen überlegen, obwohl es zur Pause beim 12:14 noch gut aussah. Doch als es in der 46. Minute 14:22 stand, begann Gislason, den nachnominierten Lukas Stutzke und David Schmidt Spielzeit zu gönnen. Daniel Rebmann rückte für Johannes Bitter ins Tor. Einen schwarzen Tag erwischte Spielmacher Philipp Weber: Neun Versuche, zwei Tore – an diesem Abend vermisste man einen Stellvertreter.

Und so legte Gislason die Regie in Julian Kösters Hände. Der 21-Jährige stieß jedoch bei den Spaniern Maqueda und Guardiola auf schmerzhafte Gegenwehr und blieb wirkungslos. „Wenn es mal nicht läuft, ist es als zusammengewürfelte Mannschaft schwer, aus einem Loch wieder rauszukommen“, sagte Linksaußen Rune Dahmke. Niemand schien die Niederlage tragisch zu nehmen, die Haltung war stattdessen: Wir sind immer noch dabei. Zum Glück hat uns der DHB nicht nach Hause geschickt.

Norwegen mit Kantersieg vor Duell mit Deutschland

EM-Mitfavorit Norwegen hat sich mit einem eindrucksvollen Sieg auf das Duell mit den deutschen Handballspielernern eingestimmt. In ihrem ersten Hauptrunden-Spiel fertigten die Norweger am Donnerstagabend Polen mit 42:31 (21:15) ab. Sander Sagosen vom THW Kiel steuerte neun Treffer zum deutlichen Sieg bei und war damit zweitbester Torschütze der Skandinavier, die am Freitagabend ebenfalls in Bratislava auf die DHB-Auswahl treffen.

Auch Weltmeister Dänemark und Olympiasieger Frankreich befinden sich beim Turnier in der Slowakei und Ungarn auf Kurs. Die vom ehemaligen Bundesliga-Coach Nikolaj Jacobsen trainierten Dänen besiegten Island in Budapest mit 28:24 (17:14). Bester Werfer der Dänen war der künftige Berliner Profi Mathias Gidsel mit neun Treffern, für Island war Ómar Ingi Magnússon vom SC Magdeburg (acht Tore) am erfolgreichsten. Zuvor hatte Frankreich die Niederlande mit 34:24 (15:12) besiegt.

Auch der WM-Zweite Schweden ist mit einem Sieg in die Hauptrunde der gestartet. Die Skandinavier kamen am Donnerstag in Bratislava gegen Russland zu einem ungefährdeten 29:23 (16:13) und haben in der deutschen Gruppe II nun wie der Rivale 2:2 Punkte auf dem Konto. Die Russen hatten in der Vorrunde überraschend den EM-Dritten Norwegen bezwungen.

In der Gruppe I büßte Kroatien mit der zweiten Turnier-Niederlage alle Chancen ein. Der von neun Corona-Ausfällen geschwächte EM-Zweite von 2020 unterlag Montenegro in Budapest mit 26:32 (9:15) und spielt mit 0:4 Punkten wohl keine Rolle mehr im Medaillenrennen. (dpa)

Quelle: F.A.Z.
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