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Handball-Nationalmannschaft

Der deutsche Bus hält die Spur

Von Christian Kamp, Berlin
 - 15:40

Busse vor dem Tor werden bekanntlich anderswo geparkt. Wenn beim Fußball eine Mannschaft mit allem, was sie hat, das eigene Gehäuse verrammelt. Im Handball, so erzählte es Hendrik Pekeler am Donnerstagabend in Berlin, gibt es dafür etwas anderes: den Busfahrer. Ein solcher war den Deutschen in Gestalt von Park Jaeyong begegnet, dem Torhüter der koreanischen Auswahl. Den Grund, warum man Männer seiner Art so nennt, lieferte Pekeler gleich mit: Weil sie sich nicht sonderlich viel bewegen. Das aber, wie man sagen muss, höchst effektiv. Park Jaeyong parierte im Auftaktspiel der Weltmeisterschaft 18 Würfe, drei mehr noch als sein deutscher Kollege Andreas Wolff, der später als Spieler des Spiels ausgezeichnet wurde.

Handball-WM 2019

Wolff ist kein Busfahrer, und ob man in ein von ihm gesteuertes Gefährt einsteigen würde, sei einmal dahingestellt; er hat einen eher unruhigen Fuß. Was man aber sagen kann, ist, dass er als Torhüter im Zusammenspiel mit seinen Kollegen aus der Abwehr, vor allem Pekeler und Patrick Wiencek im Mittelblock, eine sehr gute erste Kostprobe abgegeben hat bei dieser WM. „Wir haben über weite Strecken sehr clever und intensiv verteidigt“, lobte Christian Prokop, der Bundestrainer. Das galt sowohl für das 6:0 wie auch für die offensivere 3-2-1-Variante, mit der die Deutschen den Koreanern Nerv und Bälle raubten. Sicher, es war gegen einen Gegner, der mehr als eine Nummer kleiner war. Aber dennoch: Was als Berliner Verkehrsverbund, in den auch Finn Lemke einbezogen war, schon vielversprechend funktioniert und harmoniert hat bei diesem 30:19-Sieg, soll die Deutschen noch auf eine größere Reise führen bei diesem Turnier.

Spielplan der Handball-WM 2019 in Deutschland und Dänemark

Dass eine Abwehr Turniere gewinnt, kann man im Handball wie im Fußball sagen, und in dieser Hinsicht geht Prokop sein zweites Turnier ein bisschen anders an als das erste. Vor und bei der EM im vergangenen Jahr war die Defensive ein heikles Experimentierfeld, mit einer äußerst flexiblen Deckung wollte Prokop die Gegner taktisch überfordern. Am Ende aber überforderte er vor allem seine eigene Mannschaft, auch wenn das nur einer von vielen Gründen für das Scheitern war. Diesmal geht Prokop auf Nummer sicher. Vor allem, indem er auf Bewährtes aus der Bundesliga vertraut: Wolff, Wiencek und Pekeler kennen sich bestens aus Kiel, und auch wenn Wolff dort zuletzt nur die Nummer zwei hinter Niklas Landin war, ist davon auszugehen, dass sich diese drei ohnehin verstehen.

Zudem hat Prokop sich auf Wolff als Nummer eins vor Silvio Heinevetter festgelegt, was einerseits gruppenpsychologisch hilfreich ist, weil sich diese speziellen Charaktere so weniger ins Gehege kommen; ein von Heinevetter gesteuerter Bus wäre womöglich sogar das größere Wagnis. Zudem erhielt Wolff so noch einmal einen Extra-Schub Selbstvertrauen: „Wenn der Trainer einem sagt, dass er einem vertraut, dann ist das natürlich noch eine ganz andere Motivation, als wenn man unsicher ist, ob man spielt oder nicht.“

An diesem Samstag (18.15 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Handball-WM und im ZDF) geht es gegen Brasilien weiter. Dabei fällt der erkältete Rückraumspieler Franz Semper aus. Für die deutsche Mannschaft war es schon einmal gut, Wolff, den großen Turnierhelden des EM-Siegs 2016, gegen Korea in dieser Form zu sehen: 15 Paraden bedeuteten 57 Prozent gehaltene Würfe. Und gut auch, ihn danach zu hören, im Wolff’schen Brustton der Überzeugung. „Ich freue mich darauf, wenn das Turnier am Samstag richtig losgeht“, sagte er. „Ich kann kaum erwarten, wenn wir ein Spiel auf Spitz und Knopf erleben werden, wie dann die Stimmung über 60 Minuten sein wird.“ Ob das gegen Brasilien wirklich schon der Fall sein wird, ist eher ungewiss. Dass die Südamerikaner aber „ein ganz anderes Kaliber“ sein werden, wie Prokop sagte, große Kerle mit mehr Physis und Härte, davon können Wolff und die Kollegen ausgehen, auch aus eigener Erfahrung. Bei den Olympischen Spielen in Rio hatten sie sogar verloren.

Die wegweisende Frage aber wird sein, was danach passiert. Wenn die deutschen Defensivleute in der Deckung anderen Kalibern gegenüberstehen. Und darüber hinaus auch als erste Angreifer Präzision und Schärfe ins Spiel bringen müssen. Zumindest für Teil eins der Aufgabe hat Pekeler die Automatismen unter guten Bekannten schon vor dem Turnier als „großen Vorteil“ bezeichnet, ein Bund, zu dem auch der Kieler Kollege Steffen Weinhold gehört. Insbesondere die 3-2-1-Variante ist ein vom THW adaptiertes Modell. „Da haben wir schon mal drei Spieler, die das täglich trainieren und spielen“, sagte Pekeler am Freitag. Was das angeht, so wirkt es, müssen sich die Deutschen keine großen Sorgen machen.

Spannend aber wird Teil zwei, der Weg nach vorn und Prokops Suche nach der bestmöglichen Formation dafür. Dann könnte jemand wie Jannik Kohlbacher verstärkt gefragt sein. Der vielseitige Mann von den Rhein-Neckar Löwen wurde von Prokop am Freitag ausdrücklich auch für seine defensiven Qualitäten gelobt. Ein gefährlicher Zielspieler in der Offensive ist er ohnehin. Gegen Korea warf er nicht nur vier Tore, er gab auch als zwischenzeitliche Aushilfe für Patrick Groetzki eine gute Figur ab.

Das half am Premierenabend vielleicht auch, ein unbequemes Thema etwas kleiner zu halten: Das um Tobias Reichmann, der sich nach seiner Nicht-Nominierung nonchalant in den Urlaub verabschiedet hatte. Ein großes Thema mochte niemand daraus machen. „Das ist unnötig, damit beschäftige ich mich nicht“, sagte Wolff und schob in einer besonders offensiven Form der Deckung nach: „Noch seriöse Fragen?“ Die nach Reichmanns Perspektive ließ Prokop am Freitag offen – und sich somit eine Hintertür. Als hätte Reichmann statt des Fliegers nach Florida nur den nächsten Bus nach Hause genommen.

Quelle: F.A.Z.
Christian Kamp
Sportredakteur.
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