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Frankreichs Handballer

Der Reiz der Herausforderung

Von Frank Heike
 - 17:26

Das Thema der französischen Handball-Nationalmannschaft heißt wieder einmal Nikola Karabatić. Doch nun in einer anderen Facette: Der 34 Jahre alte Weltklassespieler fehlt nämlich bei der Weltmeisterschaft in Deutschland und Dänemark wegen einer Operation am linken großen Zeh. Fast 20 große Turniere hat der charismatische Spielgestalter für die Franzosen bestritten. Die Olympiasiege 2008 und 2012 wären ohne ihn ebenso wenig denkbar gewesen wie die vier Titel bei Weltmeisterschaften seit 2009. Was für eine Bilanz! Nun muss Titelverteidiger Frankreich aber ohne seinen sportlichen und mentalen Anführer auskommen. Die lange gehegten Hoffnungen, Karabatić werde nach dem Eingriff im vergangenen Jahr doch noch rechtzeitig fit, zerschlugen sich.

Spielplan der Handball-WM 2019 in Deutschland und Dänemark

Oft genug hatte er mit Verletzungen und Blessuren gespielt, war vorangegangen, hatte das Spiel von „Les Experts“ gelenkt. Unerfahren ist sein Ersatz allerdings nicht. Dafür hat der 27 Jahre alte Kentin Mahé schon zu viel erlebt. Vier Stationen in der Bundesliga, zuletzt Meister ohne Einsatz mit der SG Flensburg-Handewitt, nun für den ungarischen Verein KC Veszprém am Ball – Mahé hat zudem für die Franzosen schon fast 100 Länderspiele bestritten. Es wird jetzt auch auf ihn ankommen. Denn Mahé, vielseitig verwendbar, ist im Team der Nationaltrainer Guillaume Gille und Didier Dinart als Spielmacher vorgesehen.

Handball-WM 2019

Zusammen mit Nicolas Claire soll sich Mahé die Lenkung im Team Frankreichs teilen. Aber auch die Linkshänder Dika Mem und Valentin Porte können das Spiel gestalten. Vier Spieler sollen sich also die Rolle des großen Karabatić teilen. Da kommt die Frage auf, ob es bei jedem Einzelnen zu mehr Leistung durch mehr Selbstbewusstsein kommt, weil die Trainer nun plötzlich nicht mehr den einen haben, der alles regelt, sondern vier Mann, die Verantwortung übernehmen. Mahé sagte der „Handballwoche“ dazu: „Mit 27 Jahren habe ich automatisch eine Führungsrolle. Da gibt es keinen Weg drum herum. Aber sie so zu übernehmen, wie Niko sie hatte, geht nicht. Das muss jeder auf seine eigene Art machen. Ich bin nicht das Spiegelbild von Niko, ich muss meinen Weg gehen.“ Mahé spricht sehr gut Deutsch, denn der in Paris geborene Handballer ging mit neun Jahren nach Dormagen, wo sein Vater Pascal als Profi spielte.

Maß der Dinge

Für die Franzosen ist es eine Herausforderung, aber auch ein Reiz, ohne den jahrelangen Anführer zu spielen. Mahé glaubt, dass die Konkurrenz seine Mannschaft nun eher geschwächt wahrnehme, war es doch immer wieder Karabatić, der den entscheidenden Pass warf oder ein Stürmerfoul herausholte, wenn es eng wurde. Das müssen nun andere übernehmen. Die Bereitschaft ist vorhanden, über sich hinauszuwachsen, und das Können auch. Ob Mahé und Co. aber eine „mental Leadership“ à la Karabatić hinbekommen, ist dann doch zu bezweifeln.

Was die Erfolge angeht und auch die Strukturen, ist Frankreichs Handball das Maß der Dinge. Die Liga hat enorm aufgeholt und ist stark besetzt. Zuletzt waren gleich zwei Teams für das Final Four der Champions League qualifiziert, Nantes und der spätere Sieger Montpellier. In Créteil ist gerade das Haus des Handballs entstanden, die moderne, großzügige Verbandszentrale mit Möglichkeiten für Spiel, Training, Verwaltung, Weiterbildung, Medienarbeit. Auch für die französischen Frauen, die nach der WM in Deutschland zuletzt auch die Europameisterschaft zu Hause gewannen.

An eine solch imposante Lösung denkt auch der Deutsche Handballbund (DHB), wie Präsident Andreas Michelmann vor kurzem sagte. In Créteil bereiteten die Franzosen sich auch auf diese WM vor. Sie beginnt für den Titelverteidiger an diesem Freitag (20.30 Uhr/ live im F.A.Z.-Liveticker zur Handball-WM) mit dem Spiel gegen Brasilien. Am Dienstag folgt der mit Spannung erwartete Vorrundenhöhepunkt gegen Deutschland. Sollte Frankreich erwartungsgemäß in die Hauptrunde einziehen, warten dort in Köln reizvolle Duelle, wahrscheinlich mit Spanien und Kroatien. Bestaunt und bewundert wird bei den Franzosen der rechte Rückraum. Die Linkshänder Porte, Mem, Dipanda, Remili und Melvyn Richardson, eigentlich Rechtsaußen und Sohn von Handball-Legende Jackson Richardson – das bedeutet für das Trainer-Duo Gille und Dinart die Qual der Wahl.

An Nachwuchs mangelt es gewiss nicht bei den Franzosen, die traditionell schon in jungen Jahren kraftvoll zupacken können. Für harte Abwehr und feine Angriffe gleichermaßen stehen die Trainer. Gille als ehemaliger Spielmacher, Dinart als Mann fürs Grobe. Geräuschlos haben sie den Übergang vom schweigsamen Erfolgs-Coach Claude Onesta zu ihnen vollzogen, zu einer jüngeren, kommunikativeren Variante. Es ist viel richtig gemacht worden im französischen Handball seit rund einem Jahrzehnt. Auch deswegen traut die Öffentlichkeit diesem Team wieder den Titel zu – auch ohne Karabatić.

Quelle: F.A.Z.
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