Der Blick aus dem Startblock

Schamlose Funktionäre

EIN KOMMENTAR Von Michael Reinsch, Doha
30.09.2019
, 22:27
Alles im Blick? Die Startblöcke bei der Leichtathletik-WM in Doha
Während hierzulande heftig über die Strafbarkeit von Upskirting diskutiert wird, filmen die Startblöcke bei der Leichtathletik-WM Athletinnen in den Schritt. Das erhitzt die Gemüter etwa von zwei deutschen Sprinterinnen – zurecht.
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Dieser Startblock hat Anstoß erregt. Gina Lückenkemper schlug beim Start in die Weltmeisterschaft von Doha mit dem Fuß gegen das Teil, weil es ein paar Zentimeter tiefer in die Strecke ragt als das, mit dem sie regelmäßig trainiert. Weil es stört im Gegensatz zu dem Block, den die Sprinterin im Kofferraum ihres Autos von Training zu Training mitnimmt, von Soest nach Bamberg nach Berlin. Den Startblock von Doha schaute sie sich daraufhin genauer an. Der Startblock erwiderte ihren Blick.

Drei Wochen vor der Weltmeisterschaft hatte der Weltverband der Leichtathleten (IAAF) eine Mitteilung auf seine Website gestellt, in der die Fernsehproduzenten des Hauses Innovationen vorstellten, mit denen die Bilder aus Doha frischer und dynamischer werden sollten. Dazu gehörte die Bloc Cam des japanischen Unternehmens Seiko, die mit einem ihrer beiden elektronischen Augen seit dieser Woche ins Allerprivateste des Sprints vordringt: in den Moment der Konzentration und der inneren Abschottung der Athleten vor dem Start.

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Ohne um Erlaubnis zu fragen

Ein entscheidender Moment des Dramas habe bisher gefehlt, denn die Zuschauer hätten nicht die Gesichter der Athleten beim Start sehen können, führten stolz die Herren Westbury Gillett und James Lord aus – das sei endlich vorbei. Implizit beantworteten sie damit die Frage von Gina Lückenkemper, ob an der Entwicklung dieses indiskreten Blicks eine Frau beteiligt gewesen sei, drei Wochen bevor sie gestellt wurde.

Der Verband und sein Fernsehen dringt also, ohne die Athleten um Erlaubnis gefragt zu haben, in deren private Sphäre ein. Dass sich dagegen kein flächendeckender Protest rührt, außer dem von Gina Lückenkemper oder auch von Tatjana Pinto, bedeutet nicht, dass Sprinterinnen und Sprinter mit den Aufnahmen einverstanden wären, die im Fernsehen und in der Arena gezeigt werden, während sie sich von der Welt abzuschotten versuchen, um sich auf nichts als den Startschuss zu konzentrieren. Sie wissen womöglich gar nichts davon, wer stolpert schon über Texte auf der IAAF-Website oder gar über den Startblock?

Doch die Sache ist noch peinlicher. Athleten steigen nicht in den Startblock wie Radfahrer aufs Bike oder Reiter aufs Pferd, von der Seite. Sie hocken sich über den Block, platzieren Füße und Hände und sinken dann zurück. Dann erst kommt zwischen Schenkeln oder Knien ihr Gesicht ins Bild. In den Sekunden davor eröffnet der televisionäre Schritt in die Zukunft einen voyeuristischen Blick in den Schritt.

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Der Verband will nun diese Bilder ausblenden und verspricht, generell nichts von dem, was der Blick-Block sieht, länger als 24 Stunden zu speichern. Mit diesem Kompromiss dürfte sich die IAAF über die nächsten Tage retten. Vielleicht müssen Sportfunktionäre und ihre Fernsehproduzenten nicht wissen, dass es in Deutschland eine heftige Diskussion über die Strafbarkeit von „Upskirting“ gab, das Fotografieren unter den Rock ahnungsloser Frauen. Dass es in Großbritannien, Heimat der Herren Gillett und Lord, seit April gesetzlich verboten ist. Aber unbedingt sollten sie die Athleten um Einverständnis für den schamlosen Blick bitten. Sonst stolpern sie noch über ihren Block.

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Quelle: F.A.Z.
Michael Reinsch - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Michael Reinsch
Korrespondent für Sport in Berlin.
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