Zverev-Drama bei French Open

„So bin ich ein Held“

Von Thomas Klemm, Paris
25.05.2022
, 19:18
Schreien und siegen: Alexander Zverev gewinnt sein Match doch noch.
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Alexander Zverev bietet bei den French Open in Runde zwei ein Drama in fünf Sätzen. Beim Matchball gegen sich geht er volles Risiko. Viel Hoffnung für den Turnierverlauf macht das Match aber nicht.
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Am Mittwoch meinten es die Veranstalter der French Open endlich einmal gut mit den deutschen Tennisprofis. Nachdem die Madames und Messieurs von Roland Garros in der ersten Runde noch die dreimalige Grand-Slam-Turniersiegerin Angelique Kerber auf den kleinen Nebenplatz Nummer sechs verbannt hatten, wo fast mehr Zuschauer draußen in der Schlange stehen mussten als drinnen das Spiel verfolgen konnten, durften die beste Dame und der beste Herr im deutschen Tennis zur zweiten Runde auf die ganz große Bühne: auf den Court Philippe-Chatrier, dem Stadion mit dem weitläufigsten Sandplatz der Welt.

Vom Ergebnis her gesehen verliefen die Auftritte von Angelique Kerber und Alexander Zverev erfolgreich, zogen doch beide beim wichtigsten Sandplatzturnier der Welt in die dritte Runde ein. Aber wie erschreckend mühselig ihre Siege zustande kamen, macht nicht viel Hoffnung für den weiteren Turnierverlauf.

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Vor allem Zverev bot den Zuschauern bei seinem 2:6, 4:6, 6:1, 6:2 und 7:5 gegen den 21 Jahre alten Argentinier Sebastian Baez ein Drama über fünf Sätze. Angefangen vom ersten Durchgang, in dem ihm nicht nur der vom Wind aufgewirbelte Sand den Durchblick raubte, über einen abgewehrten Matchball beim Stand von 4:5 im fünften Durchgang bis hin zum ersten eigenen Matchball, den er nach 3:36 Stunden Spielzeit sogleich verwandelte.

Danach konnte der 25 Jahre alte Hamburger nicht recht erklären, wie ihm zum dritten Mal in seiner Karriere die Wende nach einem 0:2-Satzrückstand gelungen war. „Ich konnte nichts tun, außer zu versuchen, einen Weg zu finden“, sagte Zverev. So etwas sei den Grand-Slam-Turnier-Champions Roger Federer, Rafael Nadal und Novak Djokovic auch oft gelungen. Wobei der Deutsche nachschob, dass er sich mit den großen Drei nicht vergleichen wolle.

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Am Anfang wirkten die Beine schlapp, der rechte Schlagarm steif, sodass der Hamburger die Bälle reihenweise sonstwo hinschlug, aber arg selten ins Feld. Seinen Frust richtete der Weltranglistendritte, wie so oft, in Richtung seines Vaters. Alexander senior, nach einem halben Jahr Abwesenheit wieder mit dem Sohnemann auf der Profitour, blickte aber unbeeindruckt wie gewohnt.

© Eurosport

Nach einem frühen Aufschlagverlust im zweiten Durchgang genügte Zverevs allmähliche Leistungssteigerung noch nicht, um gegen den variabel aufspielenden Argentinier den 0:2-Satzrückstand zu verhindern. Allmählich kehrte aber die Stabilität in Zverevs Spiel zurück. Er wurde ruhiger und leistete sich weniger Fehler. In den letzten drei Sätzen gegen den Weltranglistensechsunddreißigsten Baez, den er vor zwei Wochen beim Masters-Turnier von Rom in zwei Sätzen bezwungen hatte, zeigte er phasenweise fast wieder gewohnte Stärke. „Ich habe versucht, zu kämpfen“, sagte der Weltranglistendritte.

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Nach dem Satzausgleich gab der 170-Zentimeter-Mann Baez aber nicht klein bei, sondern riss das Publikum mit seinem Kämpferherz und seinen Stoppbällen zu Begeisterungsstürmen hin. Als er nach 3:24 Stunden allerdings Matchball hatte und Zverevs Aufschlag auf die Vorhand serviert bekam, verzog er. Er habe darauf spekuliert, dass das Handgelenk des Argentiniers bei dessen eigentlich besten Schlag starr wird, sagte Zverev: „Wenn es nicht geklappt hätte, hätte ich als Idiot dagestanden. So bin ich ein Held.“ Ein Held in einem Drama über die volle Distanz.

Nach seinem Pariser Auftaktsieg über den Österreicher Sebastian Ofner hatte der Hamburger am vergangenen Sonntag noch gescherzt, dass er sich ja gerne in frühen Grand-Slam-Turnier-Runden über fünf Sätze quäle, aber diesmal auf seinen neuen Trainer Sergi Bruguera gehört habe. Am Mittwoch schien jedoch Funkstille gewesen zu sein zwischen dem Deutschen und seinem spanischen Trainer. Vor Zverevs Drittrundenmatch gegen den Amerikaner Brandon Nakashima am Freitag sollten die beiden unbedingt nochmal miteinander reden.

Dagegen hat Angelique Kerber derzeit nicht mal einen Trainer, mit dem sie sich austauschen kann. Dabei hätte es reichlich Redebedarf gegeben nach dem 6:1 und 7:6 (7:2)-Erfolg gegen Elsa Jacquemot. Das Match gegen die Neunzehnjährige, die in der Weltrangliste rund 200 Plätze hinter Kerbers steht und nur dank einer Wildcard des Veranstalters im Hauptfeld mitspielen durfte, hätte einen kleineren Platz verdient gehabt als den Court Chatrier. Das sportliche Niveau war bescheiden, am Ende gewann Kerber dank ihres Kampfeswillen und der 40 unerzwungenen Fehler der unerfahrenen Französin, die 2020 die Juniorinnen-Konkurrenz von Roland Garros gewann.

© Eurosport

„Ich bin froh, dass ich heute nicht in einen dritten Satz gegangen bin und mich nun eineinhalb Tage regenerieren kann“, sagte Kerber nach dem Match: „Ich werde mich viel erholen müssen.“ Gegen ihre kommende Gegnerin Alexandra Sasnowitsch, die die englische US-Open-Siegerin Emma Raducanu mit 3:6, 6:1 und 6:1 aus dem Wettbewerb warf, hat sie zwar beide bisherige Begegnungen gewonnen, allerdings jeweils über drei Sätze.

Für Andrea Petkovic ist schon Schluss in Paris, sie unterlag der Belarussin Wiktoria Asarenka 1:6 und 6:7. Ob diese Zweitrundenbegegnung ihr letzter Auftritt bei ihrem liebsten Grand-Slam-Turnier war, ließ die bald 35 Jahre alte Darmstädterin offen.

Frühes Aus für Doppel Krawietz/Mies bei French Open

Das deutsche Spitzen-Doppel Kevin Krawietz und Andreas Mies ist bei den French Open überraschend bereits in der ersten Runde ausgeschieden. Das Tennis-Duo verlor am Mittwoch in Paris gegen den Briten Lloyd Glasspool und Harri Heliovaara aus Finnland mit 4:6, 2:6. In den Jahren 2019 und 2020 hatten Krawietz und Mies im Stade Roland Garros den Titel gewonnen. „In Paris tut diese Niederlage natürlich besonders weh“, sagte Krawietz nach dem unerwartet frühen Aus. „Wir haben heute aber einfach nicht gut gespielt und zu keinem Zeitpunkt unseren Rhythmus gefunden“, sagte Mies.

Rafael Nadal folgte den beiden Titelrivalen Novak Djokovic und Carlos Alcaraz in die dritte Runde. Der 13-malige Paris-Sieger gewann gegen den Franzosen Corentin Moutet ohne Probleme mit 6:3, 6:1, 6:4. Der Spanier bekommt es am Freitag mit dem Niederländer Botic van de Zandschulp zu tun. Djokovic hatte zuvor beim 6:2, 6:3, 7:6 (7:4) gegen den Slowaken Alex Molcan ebenfalls keine Mühe. Der Weltranglisten-Erste aus Serbien bekommt es jetzt mit dem Slowenen Aljaz Bedene zu tun. Nadals Landsmann Alcaraz musste gegen den Spanier Albert Ramos-Vinolas beim 6:1, 6:7 (7:9), 5:7, 7:6 (7:2), 6:4 dagegen hart kämpfen. Im vierten Satz hatte das Tennis-Wunderkind sogar einen Matchball gegen sich, am Ende setzte er sich nach 4:34 Stunden aber doch durch. Alcaraz spielt nun gegen den Amerikaner Sebastian Korda. (dpa)

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Klemm, Thomas
Thomas Klemm
Sportredakteur.
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