Schach in Madrid

Der schweigende Kandidat

Von Stefan Löffler
24.06.2022
, 17:55
In sich gekehrt: Firouzja ist Letzter nach sechs Schach-Partien
Der achtzehnjährige Alireza Firouzja stieg sensationell auf Platz zwei der Schach-Weltrangliste auf. Nun enttäuscht er beim Kandidatenturnier in Madrid – und macht sich rar.
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Der Vorschusslorbeer ist Alireza Firouzja nicht bekommen. Nach seinem WM-Sieg im Dezember hatte Magnus Carlsen erklärt, dass er die Motivation für einen weiteren Titelkampf im Schach wahrscheinlich nur noch gegen einen Vertreter der nächsten Generation aufbringen werde. Gemeint war Firouzja, der vor zwei Jahren aus Iran nach Frankreich übersiedelte und im vergangenen Oktober und November so beeindruckend spielte wie noch kein 18-Jähriger zuvor. Nun sind sechs von 14 Runden des Kandidatenturniers vorbei, und der Hochgelobte ist Tabellenletzter.

An einem Tisch vor dem VIP-Raum ist der Stammplatz von Mohammadreza Firouzja. Am Smartphone verfolgt er, wie es auf dem Brett seines Bruders steht. Reden will er nicht, Blicken weicht er aus. Nach der Partie wimmelt er Reporter und Autogrammsammler ab, während die Brüder auf schnellstem Weg den Palacio de Santoña verlassen.

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Seit Alireza Firouzja sensationell auf Platz zwei der Weltrangliste aufstieg, macht er sich rar. Seinen Twitch-Kanal stellte er ein und gab keine Interviews mehr. Ein Sekundant ist bekannt, Iwan Tscheparinow, der früher für Wesselin Topalow analysierte. Aber hat der ungelenk wirkende Schlacks auch einen Coach? Berät er sich mit dem früheren Weltmeister Wladimir Kramnik? Tut er irgendetwas für seine Fitness? Man kommt nicht mal dazu, ihn fragen zu können.

„Alireza fehlt die Erfahrung, um in einem Kandidatenturnier zu bestehen“, sagt Judit Polgar, die den Wettbewerb für die Plattform chess24 kommentiert. Die stärkste Spielerin der Schachgeschichte wunderte sich besonders über Firouzjas riskante Spielanlage mit den schwarzen Steinen, die ihn jedes Mal in Schwierigkeiten brachte. Als er an seinem 19. Geburtstag gegen Richárd Rapport spielte, ging es noch mal gut. Er entwischte dem Ungarn in ein Remis. Gegen Jan Nepomnjaschtschi ließ er sich auf eine Stellung ein, die dem russischen Angriffsspieler lag. Als Firouzja erstmals länger nachdachte, verpasste er die richtige Verteidigung. Vier Züge später stand er bereits verloren.

Noch schmerzhafter war seine Niederlage in der sechsten Runde, denn er verlor mit Weiß. Mit einem ungewöhnlichen frühen Damenzug konnte er Fabiano Caruana zwar überraschen, doch statt stellungsgemäß am Damenflügel zu spielen, suchte Firouzja Angriffschancen, wo keine waren. Beim Versuch, den Schaden zu begrenzen, handelte er sich einen kleinen, aber vorentscheidenden Materialnachteil ein.

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Nepom­njaschtschi führt mit 4,5 Punkten

Nun zeichnet sich ein Rennen zwischen seinen beiden Bezwingern ab. Nepom­njaschtschi hat in der sechsten Runde gegen den Polen Jan-Krzysztof Duda bereits seinen dritten Sieg geholt und führt mit 4,5 Punkten. Caruana hat einen halben Punkt weniger. Schon mit etwas Abstand dahinter folgen Rapport und Hikaru Nakamura mit drei Punkten. Am Montag treffen die Führenden aufeinander. Nachdem ihre erste Partie remis endete, wird Caruana Weiß haben.

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Carlsen hat sich in die chess24-Kommentierung eingeschaltet und dabei einen möglichen Sieg von Nepomnjaschtschi als „Katastrophe“ bezeichnet. Falls der Norweger auf eine Titelverteidigung verzichtet, will der Weltschachbund FIDE den nächsten WM-Kampf zwischen den beiden Erstplatzierten des Kandidatenturniers austragen.

Nicht nur der vermeintliche Wunschgegner Firouzja enttäuscht bisher. Auch Ding Liren, der ihn kürzlich als Weltranglistenzweiten abgelöst hatte, fand seine Form in Madrid noch nicht. In seinem Fall liegt es nicht an der Spielanlage, sondern an der Chancenverwertung. Von drei sehr aussichtsreich stehenden Partien konnte er keine gewinnen. Weil die spanischen Restaurants das Mittagessen so spät servieren, versucht er bisher, stattdessen mit Obst und Schokolade durchzuhalten. Der 29 Jahre alte Chinese ist allein angereist, seine Analysehelfer unterstützen ihn online. Die 14-tägige Quarantäne nach der Rückkehr wollte er anscheinend keinem anderen zumuten.

Quelle: F.A.Z.
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