ARD-Doku zu Jan Ullrich

Vom Glauben an den Lügner

EIN KOMMENTAR Von Christopher Meltzer
02.07.2022
, 16:46
Kollegen und Gegner von einst: Lance Armstrong (links) und Jan Ullrich, hier 2005
In der herausragenden ARD-Dokumentation über die Karriere des Radprofis Jan Ullrich taucht ausgerechnet der Lügner Lance Armstrong als Hilfe für seinen gestürzten Rivalen von einst auf. Dieses Werk hat Wirkung.
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Was ist das für ein Spruch! „I’m here, buddy.“ „Ich bin da, Kumpel.“ Das sagt Lance Armstrong, der amerikanische Lügner, in der herausragenden ARD-Dokumentation „Being Jan Ullrich“.

Er sagt den Spruch – so seine Version – in einem mexikanischen Krankenhaus, wo Jan Ullrich aus Rostock, der eine Rivale, den er auf dem Rad fürchtete, wegen Alkohol und Drogen „ans Bett gefesselt, im Grunde bewusstlos“ ist. Auf Hilferuf ist Armstrong als Aufpasser angereist für den Mann, dem er sogar im Scheitern überlegen war.

Man kann den Doper Ullrich verstehen

Man glaubt dem Lügner im fünften Teil des Films, weil die Journalisten Uli Fritz (SR) und Ole Zeisler (NDR) in den vier Teilen davor lückenlos dokumentieren, warum Ullrich im Dezember 2021 wirklich hilflos in einem mexikanischen Krankenhaus landen konnte. Sie lassen sich von vielen Zeitzeugen die Geschichte eines Mannes erzählen, der anders als Armstrong nicht die Kraft in seinem Kopf hatte, um auszuhalten, was die Kraft in seinem Körper ausgelöst hat.

Und so hat dieses Werk Wirkung, weil man dem Doper Jan Ullrich danach nicht verzeihen muss, ihn aber doch verstehen kann.

Trailer
Being Jan Ullrich
Video: ARD, Bild: dpa
Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Meltzer, Christopher
Christopher Meltzer
Sportkorrespondent in München.
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