Boxer Abraham in Las Vegas

Hund, Katze, Hase, Tyson

Von Michael Eder, Las Vegas
09.04.2016
, 20:26
It’s Vegas, baby: Mayweather senior, Abraham, Wegner.
In Las Vegas boxt Arthur Abraham in der Nacht zum Sonntag gegen den Mexikaner Gilberto Ramirez. Für Abraham ist der Kampf eine große Chance. Die Zeit vor dem Kampf verbringt er in schriller Kulisse.

Las Vegas – wer es hier mehr als drei Tage aushält, ohne durchzudrehen, muss über ein stabiles Gemüt verfügen. So wie Arthur Abraham, Box-Weltmeister im Supermittelgewicht, ein Mann, der in sich ruht. Sein Berliner Kollege Marco Huck hatte im vergangenen Jahr sein Trainingslager in die Spielerstadt verlegt und war am süßen Leben gescheitert. Riesenvilla, Tiger, Las Vegas Strip – das große Wow endete mit einer krachenden Niederlage gegen den Polen Krzysztof Glowacki. Der Deutsch-Armenier Abraham ist ein anderer Typ, bodenständig – trotz Millionen auf dem Konto.

An diesem Samstag verteidigt er in der MGM Garden Arena seinen Titel gegen den zwölf Jahre jüngeren mexikanischen Rechtsausleger Gilberto Ramirez. Und bis dahin? Easy Living? Ein bisschen Party in Las Vegas? „Ich bin 36 und kein kleines Kind mehr“, sagt Abraham, „aber ein schönes Leben machen wir uns hier trotzdem, mein Team und ich. Schlafen schön, essen schön, trainieren schön. Abends gehen wir spazieren, mehr nicht. Jeder Mensch versteht halt etwas anderes unter einem schönen Leben.“

In der Welthauptstadt des Boxens

Las Vegas ist die Welthauptstadt des Boxens. Hier ist es noch eine große Nummer, trotz der Konkurrenz durch den Freefight, dessen Dumpfheit in Donald Trump gerade ein politisches Abbild bekommt. Nirgendwo wird mehr Geld mit dem klassischen Faustkampf umgesetzt als in Las Vegas, an diesem Wochenende sind es rund 250 Millionen Dollar. Abraham bestreitet das erste Mal seit mehr als zehn Jahren nicht den Hauptkampf, sondern muss sich mit der ersten Nebenrolle hinter dem philippinischen Superstar Manny Pacquiao begnügen, der gegen den Amerikaner Timothy Bradley zu seinem 66. und letzten Profikampf antritt.

Las Vegas sei eine große Geschichte in seiner Karriere, sagt Abraham. Zwei der größten Boxer, zwei Legenden, leben in der Stadt: Floyd Mayweather junior, der rund eine Milliarde Dollar erkämpft hat, ehe er seine Karriere im vergangenen Jahr beendete (und zuvor Pacquiao im MGM besiegte), und Mike Tyson, der wüsteste Schläger unter den Schwergewichtsweltmeistern.

Arthur Abraham hat gegen Gilberto Ramirez nur den Vorkampf – es geht dennoch um seinen Titel
Arthur Abraham hat gegen Gilberto Ramirez nur den Vorkampf – es geht dennoch um seinen Titel Bild: dpa

Der eine, Mayweather, ist ein smarter Bursche, der jetzt auf Geschäftsmann macht mit Kältekammern und Gyms und allem Möglichen. Der andere, Tyson, hat es geschafft, die 400 Millionen, die er im Ring verdiente, im Nirwana zu versenken, ein Bankrotteur, der erst in den vergangenen Jahren wieder auf die Beine kam. In Las Vegas tritt er im MGM jetzt mit einer kleinen Show auf, in der er unter dem Titel „Undisputed Truth“ (Unbestrittene Wahrheit) anderthalb Stunden aus seinem Leben erzählt, nicht ganz jugendfrei. Tyson ist, so tief er zwischendurch auch gefallen ist, das Idol einer ganzen Generation von Boxern. Auch von Arthur Abraham.

Unter der Woche hat sich Abraham eine Karte für Tysons Show gekauft. 82 Dollar kostet sie. Dann hat er noch mal 200 Dollar fürs „meet and greet“ draufgelegt, so viel zahlt, wer Tyson nach der Show die Hand schütteln und ein Foto mit ihm machen will. „Tyson zu treffen, war immer mein Traum“, sagt Abraham. „Wegen ihm habe ich mit dem Boxen angefangen, er ist sportlich das große Vorbild.“ Abraham, alles andere als ein Nobody und verbandsübergreifend die Nummer eins der Welt im Supermittelgewicht, stellte sich Tyson vor, durfte „ein bisschen quatschen“, wobei er in der Kürze der Zeit eines vergaß: „Ich wollte ihm noch sagen, dass mein Hund Mike Tyson heißt, dass überhaupt alle Tiere, die ich jemals hatte, Mike Tyson hießen. Eine Katze, ein Hase.“ Ein Hase? Vielleicht war es besser, das nicht zu erwähnen – Tyson gilt als etwas jähzornig.

Floyd Mayweather junior hat im Rahmenprogramm am Samstag einen Jungen aus seinem Gym am Start, und den präsentierte beim Pressetermin sein Vater, Floyd senior, der auch sein Trainer war und als ein wenig exzentrisch gilt, man könnte auch sagen: etwas verrückt. Als etwas anders jedenfalls als Abrahams Coach Ulli Wegner, ein Mann, der durch die DDR-Boxschule gegangen ist, die mit Las Vegas ungefähr so viel zu tun hat wie eine Bulette mit einem Triple Cheeseburger. Nun standen sie nebeneinander, der 62 Jahre alte Mayweather senior im bunten Trainingsanzug und der elf Jahre ältere Wegner mit Hemd und Hosenträgern, der Amerikaner rappte ein bisschen in die Kameras und redete sich in Rage. Zwei Stunden Training pro Tag seien für einen Eliteboxer genug, das sage er hier und jetzt als bester Coach der Welt, an Selbstvertrauen mangelt es ihm nicht. Abraham, der bisweilen im Ruf steht, nicht zu den Trainingsfleißigsten zu zählen, fand das interessant, aber sein Trainer Wegner konterte, das sei nicht seine Sicht der Dinge. Ein Boxer müsse trainieren, oft und viel, nur so werde er besser. Nicht jeder sei ein Mayweather junior, nicht jeder ein Genie.

Ein paar Tage zuvor hatten Abraham und Wegner in Mayweathers Gym vorbeigeschaut – ein Kulturschock. „In so einer Atmosphäre kann ich nicht trainieren“, sagte Abraham, „das sind wir nicht gewohnt in Deutschland. Bei uns herrscht Disziplin, Ordnung, Ruhe. Hier spielt die Musik so laut. Der eine schreit von der einen Ecke, der andere von der anderen Ecke, da weiß man nicht, wer Trainer ist, und wer Schüler. Das ist nicht Chaos, das ist mehr als Chaos. Das ist eine Katastrophe.“ Wegner lächelte: „Schön, dass er so was mal gesehen hat, dass er versteht, wie systematisch bei uns das Training ist.“ Vor Las Vegas war er mit Abraham wochenlang im Höhentrainingslager in Bulgarien und im Bundesleistungszentrum Kienbaum.

Arthur Abraham im Ring
Arthur Abraham im Ring Bild: dpa

Für Abraham ist es der vierte Kampf in den Vereinigten Staaten. Zwei seiner nur vier Niederlagen in 48 Fights hat er hier einstecken müssen, beide Male gegen Amerikaner, 2010 in Detroit gegen Andre Direll, 2011 in Los Angeles gegen Andre Ward. Warum kämpft er jetzt wieder in den Staaten, obwohl sein Promoter Sauerland die WM-Titelverteidigung ersteigert hatte? Es geht um Geld. „Boxen ist ein Schaugeschäft“, sagt Ulli Wegner. Und die größte Schau gibt es halt in Las Vegas. In Deutschland ist die ARD aus dem Boxen und als TV-Partner von Sauerland ausgestiegen, Nachfolger Sat 1 bringt einen deutlich geringeren finanziellen Etat ein, und so hat Sauerland die Rechte mit Gewinn an die Amerikaner weiterverkauft. Rund 1,4 Millionen Dollar beträgt die Kampfbörse. Sat 1 überträgt die Kämpfe in der Nacht zum Sonntag von 2 Uhr an im Internet auf www.ranfighting.de per Pay-per-View zum Preis von 17.99 Euro.

Für Abraham, der noch zwei Jahre weiter boxen will, ist der Fight gegen den ungeschlagenen und zehn Zentimeter größeren Ramirez eine letzte Chance, noch einmal im amerikanischen Markt Fuß zu fassen. Dass ein Europäer in Las Vegas ohne einen K.o. nicht gewinnen könne, nicht gegen einen Amerikaner und auch nicht gegen einen Mexikaner, diese Theorie lässt Wegner kalt. „Die sind froh, wenn ein Deutscher hier mal aufräumt“, sagt er. „Und es ist doch so: Wir brauchen nicht mehr wegen des Geldes zu arbeiten. Was wir brauchen, sind Herausforderungen.“ Bingo – dafür ist Las Vegas genau die richtige Adresse.

Quelle: F.A.Z.
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