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Maximilian Levy bei Bahnrad-WM

„Ich hätte im Radsport eine andere Rolle spielen können“

Von Michael Reinsch, Berlin
 - 06:45
Einer der besten Kreisfahrer der Welt: Maximilian Levy

Maximilian Levy hat die Weltmeisterschaft vor der Haustür. Doch wirklich daheim fühlt sich der Berliner auf der Bahn, die sein Leben geworden ist, trotzdem nicht. „Ich hätte lieber die Tour de France gewonnen, als Keirin-Weltmeister zu werden“, sagt er. „Ich hätte im Radsport eine andere Rolle spielen können.“ An diesem Donnerstag wird er bei der Bahnrad-WM im Velodrom Berlin dennoch wieder im Keirin um den Sieg kämpfen. In einer Disziplin, in der er bereits vor elf Jahren Weltmeister wurde. Drei Mal hat der 32-Jährige zudem den Titel im Teamsprint gewonnen.

Trotz dieser Erfolge erzählt Levy noch heute wehmütig, wie er mit fünfzehn Jahren nach dem Sieg in einem Straßenrennen „zum Bahnsprint gewechselt wurde. Das war für mich der übelste Abstieg“, erinnert er sich. Er verfolgte damals im Fernsehen die Spurts von Robbie McEwen, Erik Zabel und Stuart O’Grady. Und dann das: „Ich musste mich von der Vorstellung verabschieden, einmal bei der Tour de France das Grüne Trikot zu gewinnen.“

Tokio 2020 ist das nächste Ziel

Immerhin hatte Levy auf der Bahn schnell Erfolge. Große Erfolge. Drei Mal hat er bereits an Olympischen Spielen teilgenommen, eine Silbermedaille und zwei aus Bronze gewonnen. Tokio 2020 ist sein nächstes Ziel. Doch immer wieder rissen ihn böse Stürze aus dem Tritt und aus der Routine. Bei der Weltmeisterschaft 2014 in Kolumbien stürzte er im Keirin-Finale. Weil sich danach die Operationswunde entzündete, wurden weitere Eingriffe notwendig. Levy verlor zwei Jahre seiner Karriere. Wohl auch deshalb ließ er sich nach Sturz und Schlüsselbeinbruch 2017 keine Zeit zum Auskurieren. „Entweder du stehst jetzt auf, oder das war’s“, sagte er sich, als er auf der Bahn lag. Er stand nicht nur auf, er bestritt auch vierzehn Tage später, unter Schmerzen, das Berliner Sechstagerennen.

Im Herbst wurde er in Berlin Keirin-Europameister. Den schlimmsten Sturz erlebte er im Jahr darauf. Es war der von Kristina Vogel. Sie ist seitdem querschnittgelähmt. Levy, der wie sie auf der Bahn in Cottbus trainiert hatte, leistete erste Hilfe, hielt ihre Hand und sprach ihr Mut zu. Er initiierte die Spendenaktion, die innerhalb weniger Tage 120.000 Euro für die Olympiasiegerin einbrachte. Und er verabschiedete sich vom Gedanken an Rücktritt, den er zu jener Zeit erwog, weil er befürchtete, dass Kristina Vogel einen Zusammenhang mit ihrem Sturz herstellen würde.

Zumindest vorübergehend stieg Levy aber doch aus. Angeregt von Olympiasieger Jan Frodeno, mit dem er befreundet ist, trainierte er sechs Monate lang für einen Triathlon. Im Juni 2019 bestritt er den Ironman in Frankfurt am Main. „Es ging darum festzustellen: Wo ist deine Grenze?“, erinnert er sich. In den 12:21 Stunden des Wettkampfes, den er auf Platz 942 beendete – knapp fünf Stunden nach Sieger Frodeno –, sei er nicht an jene Grenze gestoßen. Es werde wohl eine Fortsetzung geben.

Auch diese Erfahrung hat Maximilian Levy verändert. „Ich habe es gebraucht, aus dem System Bahnsprint auszubrechen“, sagt er. „Es war eine innere Befriedigung, mal das zu machen, was ich will.“ Im Schwimm-, Lauf- und Straßenrad-Training hat er eine neue Effektivität kennengelernt und dabei neue Qualitäten entwickelt: „Ich kenne keinen Schmerz mehr.“ Jetzt ist Levy so schnell wie noch nie. Beim Berliner Sechstagerennen vor wenigen Wochen ist er in der 84. Runde auf der 250-Meter-Bahn Bestzeit gefahren. Mit 32 Jahren.

Der Rennfahrer, den Levy mit fünfzehn Jahren im Spurt besiegte, startet bei der WM am Sonntag: Weltmeister Roger Kluge. Er will gemeinsam mit Theo Reinhardt im Madison den dritten Titel hintereinander gewinnen, danach auf der Straße bei den Klassikern und der Tour de France starten. Maximilian Levy wird dann nur zuschauen.

Quelle: F.A.Z.
Michael Reinsch - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Michael Reinsch
Korrespondent für Sport in Berlin.
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