Basketball-Bundesliga

Richtig Leben in der Bude

Von Stefan Koch
17.10.2021
, 12:41
Atemraubender Pacemaker: Timothy Shorts weiß, wie man Lücken in die gegnerische Verteidigung reißt.
Tempogeladene Spiele und ein fulminanter Saisonstart in der Basketball-Bundesliga machen Lust auf mehr. Dieses „Rauf-und-runter“ führt zu Fehlern, die in Kauf genommen werden für das Spektakel.
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Welcome to Wow – so lautet der neue Slogan der Basketball-Bundesliga, über den man geteilter Meinung sein darf. Aber nach drei Spieltagen lässt sich konstatieren, dass die Liga diesem Anspruch gerecht worden ist, denn der Saisonstart war fulminant. Die Rückkehr der Zuschauer unter unterschiedlichen Bedingungen (2-G- und 3-G-Standorte), hoch umkämpfte Partien und einige faustdicke Überraschungen kennzeichneten die ersten drei Runden. Mit dem als Abstiegskandidat gehandelten Aufsteiger MLP Academics Heidelberg gibt es einen überraschenden Tabellenführer, der an diesem Sonntag (15.00 Uhr bei MagentaSport) zum Spitzenspiel der beiden ungeschlagenen Teams in Bamberg antritt.

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Dort stand Head Coach Johan Roijakkers schon kurz vor dem Rauswurf, nachdem seine Mannschaft bereits in der Champions-League-Qualifikation und in der ersten Pokalrunde die Segel streichen musste. Mit den Fraport Skyliners gibt es nur ein siegloses Team, und die Platzhirsche und Euroleague-Teilnehmer Alba Berlin und Bayern München mussten schon drei Niederlagen einstecken. Kurz und knapp: Es ist richtig Leben in der Bude!

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Dieser Eindruck bestätigt sich, wenn man einen Blick auf die einzelnen Begegnungen wirft. Fast alle Spiele sind tempogeladen. Es geht mit viel Intensität hin und her, aber auch mit einer beachtlich hohen Fehlerquote, die sich in vielen Ballverlusten äußert. So leistet sich der deutsche Meister aus Berlin in diesem Bereich bisher eine erstaunliche Quote von fast 26 Prozent.

Schnelligkeit in der Liga

Auf die kickende Zunft übertragen, könnte man das „Rauf-und-runter-Fußball“ nennen, so wie es Günter Netzer vor ungefähr 50 Jahren tat, um den Ansatz seines Trainers Hennes Weisweiler leicht despektierlich zu umschreiben. Netzer meinte damit einen Stil, der in der englischen Premier League jahrzehntelang üblich war, bevor diese sich kontinentalen Einflüssen öffnete.

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Daran erinnert im Moment die BBL, deren meiste Teams sich auf die Fahnen geschrieben haben, schnell zu spielen. Gerade zu Saisonbeginn greifen bei diesem hohen Tempo noch nicht alle Rädchen ineinander. Die Fehler nehmen die Coaches billigend in Kauf, weil es ihnen wichtiger ist, dass ihre Spieler (handlungs-)schnell unterwegs sind. Tuomas Iisalo, der neue Bonner Head Coach, sagt dazu: „Wer zunächst lernt, die richtige Entscheidung zu treffen, hat es deutlich schwerer, dann auch schnell zu entscheiden.“

Gleim lässt schnell spielen

Der innovative Finne war schon in den beiden vergangenen Spielzeiten als Trainer der Crailsheim Merlins ein Trendsetter. Mit fast 70 Würfen pro Begegnung (davon 39 Dreier!) liegen seine Bonner in diesem Bereich an der Spitze. In der Vorsaison nahmen nur sechs Mannschaften mehr als 63 Würfe je Begegnung, aktuell sind es immerhin schon neun. Dazu gehört auch Iisalos ehemaliges Team aus Crailsheim.

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Dort hat Sebastian Gleim nun das sportliche Sagen und eine Metamorphose durchlebt, die sinnbildlich für die Entwicklung stehen könnte. Nachdem er in der vergangenen Spielzeit in Frankfurt noch das langsamste Tempo der Liga hat spielen lassen, hat er sich nun vom Bummelzug verabschiedet und ist in den ICE umgestiegen. Genauso wie die Bonner verfügt er über den perfekten Lokführer für diesen Stil.

Kleiner Spielmacher: Parker Jackson-Cartwright (links)
Kleiner Spielmacher: Parker Jackson-Cartwright (links) Bild: Imago

Mit den kleinen Spielmachern Parker Jackson-Cartwright (1,80 Meter, Bonn) und Timothy Shorts (1,75 Meter, Crailsheim) haben beide Mannschaften atemraubende Pacemaker in ihren Reihen. Diesen Spielern gelingt es immer wieder, über ihre Geschwindigkeit sowohl im Umschaltspiel als auch im Halbfeldangriff Lücken in die gegnerische Verteidigung zu reißen, die dann eigene Korberfolge oder hervorragende Abschlussmöglichkeiten für ihre Mitspieler nach sich ziehen. Der kleine Wirbelwind, der selbst punkten kann, ist zurück auf der BBL-Bühne.

Mit dem nur 1,73 Meter großen Justin Robinson zieht bei Brose Bamberg ein weiterer Akteur die Fäden, der genau in diese Kategorie passt. Diese drei Spieler gehören bislang zu den Attraktionen der Liga, sie sind spektakulär und weisen exzellente Zahlen auf. Robinson gelangen bislang 15,7 Punkte und 8,0 Assists, Jackson-Cartwright 19,0 Zähler und 6,7 Assists und Shorts sogar 20,0 Punkte und 9,3 Korbvorlagen.

Daneben gibt es mit Stephen Brown (Göttingen) und Kyan Anderson (Gießen) noch zwei Spieler dieses Typs, die bislang aber noch nicht auf diesem extrem hohen Niveau agieren konnten. Während in der Euroleague die Top-Spielmacher Nick Ca­lathes (FC Barcelona) und Vasilije Micić (Anadolu Istanbul) an den zwei Metern kratzen, erlebt die Bundesliga die Renaissance des kleinen, wendigen und nicht kalkulierbaren Kreativspielers. Auch deshalb verspricht diese Saison einen hohen Unterhaltungswert.

Der Autor war zweimal BBL-Trainer des Jahres.

Quelle: F.A.Z.
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