Gießen-46ers-Trainer Koch

Die Galionsfigur geopfert

Von Jörg Daniels
20.04.2021
, 19:42
Überraschendes Ende der dritten Dienstzeit: Die Gießen 46ers versuchen es in Zukunft ohne Michael Koch.
Zu teuer, zu wenig Erfolg: Der Bundesligaverein Gießen 46ers trennt sich von seiner Basketball-Institution Michael Koch – der Nachwuchs hat Vorrang!

Als Michael Koch Anfang März des vergangenen Jahres seine Arbeit als Geschäftsführer und Sportdirektor bei den Gießen 46ers aufnahm, herrschte beim Basketball-Bundesligaverein große Aufbruchstimmung, was dessen zukünftige Ausrichtung mit dem Europameister von 1993 anging. An seiner alten Wirkungsstätte als Spieler – mit 17 wechselte der gebürtige Licher zum MTV Gießen – sollte der heute 55-Jährige zur neuen Galionsfigur werden und dem Traditionsverein mit seiner Reputation zu neuer Strahlkraft verhelfen. Im Gießener Basketball-Kollektiv wollte der 140malige Nationalspieler an exponierter Stelle daran mitarbeiten, „eine Basketball-DNA für diesen phantastischen Standort herauszuarbeiten und weiterzuentwickeln“ – so lauteten damals seine vielversprechenden Worte.

Doch ein Jahr später steht fest, dass einer der erfolgreichsten Basketballspieler Deutschlands dem Gießener Projekt nicht seinen Stempel aufdrücken konnte. Aktuell stehen die Mittelhessen mehr für Misserfolg, denn fünf Spieltage vor Ende der Hauptrunde müssen sie als Tabellenvorletzter mit dem Abstieg in die zweitklassige Pro A rechnen. Und Koch ist trotz seines Renommees zum Auslaufmodell geworden: Vom 1. Juli an werden sich die Wege von ihm und dem Verein wieder trennen – selbst wenn Gießen in der Bundesliga bliebe.

Finanzielle Gründe

Für den beruflichen K.o. von Koch, der einen unbefristeten Vertrag gehabt haben soll, nennt der Aufsichtsrat des Klubs finanzielle Gründe. In einer zukünftig vermutlich „sehr schlanken Struktur“ bestehe nicht die Möglichkeit, „gleichzeitig unseren Schwerpunkt in der Nachwuchsarbeit aufrecht- und neben dem sonstigen unabdingbaren Geschäftsbetrieb auch einen Sportdirektor beizubehalten. Die Entscheidung fiel zugunsten der Nachwuchsarbeit.“ Dabei sei die Trennung von Koch „dann fast schon tragisch“, weil er die „Gießener Basketball-DNA wie kein anderer“ verkörpere und den 46ers „wichtige Impulse zur Weiterentwicklung geliefert“ habe, hieß es in einer Mitteilung des Aufsichtsrates.

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Auch Koch sah in der Nachwuchsförderung ein hohes Gut. Nur: Das Aushängeschild des Klubs, die Bundesliga-Mannschaft, hinkte den Ansprüchen hinterher. Die Schatten der Zusammenarbeit zwischen Koch und den 46ers offenbarten sich auf dem Spielfeld. Mit der Zusammenstellung der Mannschaft konnte er in den harten Zeiten der Corona-Pandemie kein Empfehlungsschreiben in eigener Sache abliefern. Den Run-and-gun-Basketball, den der im Dezember 2020 entlassene Headcoach Ingo Freyer spielen ließ, vermochten die Basketballprofis nicht erfolgreich umsetzen. Und der aktuelle Coach, das Trainer-Eigengewächs Rolf Scholz, der im Hauptberuf Polizeibeamter ist, beißt sich an den Schwächen seiner Mannschaft beim Verteidigen die Zähne aus.

Ihr fehlen die Homogenität und der Zusammenhalt. Zu oft ließ das Team die nötige Mentalität im Abstiegskampf vermissen. Nachverpflichtungen wie die von Center John Bryant brachten ebenfalls nicht den erhofften Umschwung. Wie es aussieht, muss der fünfmalige deutsche Meister zum zweiten Mal nach 2013 absteigen. Damals traten die Gießener als letztes Gründungsmitglied der Bundesliga nach 46 Jahren erstmals den Gang in die Zweitklassigkeit an. 2015 gelang der Wiederaufstieg.

Schneller Bruch

Zu seinem bevorstehenden Weggang äußerte sich Koch bisher nicht. In seiner Heimat Mittelhessen sollten für ihn aller guten Dinge drei werden: Nach seiner aktiven Karriere im In- und Ausland mit großer Titelsammlung – 2000 holte er mit Panathinaikos Athen den Europapokal der Landesmeister – und seinen Trainerjahren unter anderem in Bonn und Bayreuth wollte Koch nun auf Managementebene in seinem nächsten Basketball-Lebensabschnitt durchstarten. Mit dem schnellen Bruch der Arbeitsbeziehung wird die Gießener Identifikationsfigur am wenigsten gerechnet haben. Sein Standing, sein Fachwissen und seine Erfahrung reichten jedoch offensichtlich nicht aus, um den Basketball in Mittelhessen auf ein tragfähiges Zukunfts-Fundament zu stellen.

Immerhin soll der Neuaufbau wirtschaftlich auf keinen wackligen Füßen stehen. Stephan Dehler, der Gesellschafter und ehrenamtlich arbeitender Geschäftsführer bei den 46ers ist, kündigte an, dass der Klub das Geschäftsjahr mit einer schwarzen Null abschließen werde. Im Fall des Erstliga-Abstiegs wollen die Gießener in beiden Divisionen der zweiten Liga, also in der Pro A und der Pro B, jeweils mit Teams vertreten sein. Vor seinem Wechsel auf den Cheftrainerposten hatte Scholz die Depant Gießen 46ers Rackelos in der Pro B erfolgreich betreut. Der gebürtige Gießener genießt in allen Vereinsgremien und bei den Anhängern hohes Ansehen und ist deshalb ein Trainerkandidat für die ranghöchste Mannschaft in der neuen Saison.

Das Team, in dem nach Angaben des Aufsichtsrates viele deutsche Spieler als „Zeichen zur Entwicklung des Basketballnachwuchses in Deutschland“ stehen sollen, wird dann wahrscheinlich mit dem Projekt Wiederaufstieg befasst sein. Der Projektleiter wird aber nicht mehr Michael Koch heißen. Was so verheißungsvoll mit ihm und seinem großen Namen begann, endete für alle Seiten mit einer herben Enttäuschung.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Daniels, Jörg
Jörg Daniels
Redakteur in der Sportredaktion
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