Basketball

Hoffentlich gut versichert - Nowitzkis Kniefall

Von Anno Hecker
13.08.2003
, 18:22
Wertvoller Körper, wichtiger Spieler: Dirk Nowitzki
Tausende von Eintrittskarten sind verkauft. Für das Spiel am Freitag in Nürnberg, für Samstag in Frankfurt. Deutschlands Basketballfreunde hatten wohl keine Zweifel, daß ihr Star zum Ball greifen würde. Doch es war eine teure Zitterpartie.
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Tausende von Eintrittskarten sind verkauft. Für das Spiel am Freitag in Nürnberg, für Samstag in Frankfurt. Deutschlands Basketballfreunde hatten wohl keine Zweifel, daß ihr Star zum Ball greifen würde. Aber erst seit Mittwoch abend hat es Dirk Nowitzki schriftlich: Er darf tatsächlich spielen, denn nun endlich ist sein wertvoller Körper versichert.

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So ist das mit einem Multimillionär im Sport. Er scheint fast alles zu haben. Nur eines nicht: Das Recht, dann Basketball zu spielen, wenn es ihm in den Kram paßt. Seit Wochen schon schwitzt der Würzburger in der Heimat, um ein paar Defizite auszuräumen. Er will schneller werden beim Antritt im Spiel eins gegen eins, noch höher springen, um sich unter dem Korb besser durchsetzen zu können. Das soll natürlich zu allererst ihm und seiner Karriere in der amerikanischen Profiliga NBA zugute kommen. Dem Spiel in der Nationalmannschaft bei der Europameisterschaft Anfang September in Schweden wird die individuelle Vorbereitung wohl auch nicht schaden. Nur durfte Nowitzki bis Dienstag abend nicht zusammen mit den deutschen Kollegen üben. Erst die E-Mail aus Dallas befreite ihn vom Solotraining. Am Mittwoch traf er den EM-Kader zur ersten gemeinsamen Übungsstunde. Nowitzki ist an Bord.

"Das war ein hartes Stück Arbeit", sagt Wolfgang Brenscheidt, der Sportdirektor des Deutschen Basketball-Bundes (DBB). Hinter ihm liegt ein fast viermonatiger Verhandlungsmarathon mit Juristen, Versicherungsagenten und nicht zuletzt Nowitzkis Klub. Garantien wollten alle Beteiligten. Damit die Investition in einen der besten NBA-Spieler nicht mit einem Fehltritt verpufft. Wer Millionen zahlt, will nichts riskieren, nur weil sein Star weit weg in Europa um die Olympiaqualifikation kämpft. Weil die NBA als Dachorganisation aber am Auftritt ihrer Profis auf anderen Kontinenten interessiert ist, besteht mit dem Basketball-Weltverband seit einiger Zeit ein Versicherungsabkommen. Für 28000 Dollar Prämie, getragen je zur Hälfte von beiden Verbänden, erhält jeder Spieler eine Freigabe. Es sei denn, er ist nicht fit von Kopf bis Fuß. Dann müssen Zusatzpolicen ausgehandelt werden. Weil Nowitzki vor einiger Zeit eine Sprunggelenksverletzung erlitt, wurde der betreffende Fuß ausgeschlossen. Im Fall einer neuen Verletzung an gleicher Stelle würde die NBA/FIBA-Vereinbarung also nicht greifen. Deshalb stieg Mark Cuban, der Besitzer der Dallas Mavericks, schon im vergangenen Jahr auf die Barrikaden. Zumal der Versicherungsschutz nur die halbe Saison umfaßt. "Soll ich das ganze Risiko tragen?" Nach der rhetorischen Frage erinnerte Cuban seine Gesprächspartner an die Grundvoraussetzung des Elite-Basketballs: "Das ist Business hier."

Wer will, kann es schwarz auf weiß haben. So steht in einer Art Standardvertrag der NBA, daß ein Spieler keine weitere Sportart ausüben darf, die seine Sicherheit gefährden könnte. Bei Autorennen, Drachenfliegen, Boxen oder Skydiving leuchtet die Ausschlußklausel ein. Aber ein NBA-Profi darf auch weder "Basketball (!), Football, Baseball, Hockey, Lacrosse oder anderen athletischen Sport" ohne besondere Erlaubnis betreiben. Der Einfluß der Klubbesitzer reicht sogar darüber hinaus. Jedenfalls erklärte Jerry Krause einem gewissen Michael Jordan Mitte der achtziger Jahre die Eigentumsverhältnisse bei den Chicago Bulls: "Du gehörst dem Klub. Wir können dir sagen, was du machen darfst und was du nicht machen darfst", so wird Krause im Jordan-Buch "For the love of the game" zitiert. Hintergrund war ein Streit um Jordans Spiellust. Er wollte nach einem Beinbruch unbedingt wieder aufs Parkett zurück. Krause hatte andere Vorstellungen. Jordan ließ deshalb später eine Klausel in seine Verträge einfügen. Fortan war es ihm erlaubt, immer dann Basketball zu spielen, wann er es für richtig hielt: "Ich gehöre euch nicht."

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Noch genießt Nowitzki nicht die Freiheiten eines Jordan. Eine Erklärung nach der anderen hatte der Flügelspieler mit einem Händchen für Distanzwürfe deshalb zu unterzeichnen. Wenn man so will, war es ein Kniefall vor den Institutionen. Denn nachdem die Dallas Mavericks zufrieden waren mit dem Arrangement des DBB-Unterhändlers Brenscheidt, hob der Versicherer in London den Finger. Das letzte Bild, das man von Nowitzki in Europa via Bildschirm gesehen hatte, zeigte nämlich einen sich auf der Spielfläche krümmenden Menschen, wie er sich mit schmerzverzerrtem Gesicht ans Knie griff. Daß es doch nur eine Bänderdehnung war, ließen sich die Londoner mit zahlreichen medizinischen Gutachten belegen. "Es müssen dreißig Seiten gewesen sein", schildert Brenscheidt. Andernfalls hätte auch das empfindliche Scharniergelenk gesondert versichert werden müssen. Der DBB hätte dann weit über 200000 Euro zahlen müssen. Im Etat des beileibe nicht mit Reichtümern gesegneten Verbandesstanden für den Fall Nowitzki aber maximal so viel Geld bereit.

Brenscheidt umschiffte die Klippe mit Hilfe von Nowitzkis Mentor Gschwindner und der Hamburger Marine Assekuranz. 190000 Dollar Versicherungsprämie zahlt der DBB nun. Dafür ist fast das ganze Jahresgehalt für Nowitzki von den Dallas Mavericks versichert. Darüber hinaus sind Spieler und Verband dank der unfassenden Untersuchungen und Bulletins um eine wertvolle Erkenntnis reicher: Nowitzki ist kerngesund. Das gilt auch für seinen Fuß. Nur war die NBA nicht bereit, für das Sprunggelenk schon so lange vor dem Saisonbeginn im Oktober eine Expertise anzuerkennen.

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Autorenporträt / Hecker, Anno
Anno Hecker
Verantwortlicher Redakteur für Sport.
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