Basketball-Profi Jason Granger

Ein Weltbürger findet seine Heimat

Von Michael Reinsch, Berlin
17.04.2021
, 14:30
Eigentlich ist Jason Granger eine Nummer zu groß für Alba Berlin – doch der Basketball-Klub hat die Wette auf ihn gewonnen. Granger sagt: „Wir wissen bis heute nicht, zu was wir in der Lage sind.“

Zwei Jahre habe sein Sport ihm geraubt, sagt Jason Granger. Er lächelt, wie man ihn kennt in dieser Saison. „Berlin hat mir das Glück zurückgegeben“, sagt er. „Darum habe ich gekämpft: wieder Freude zu haben beim Spiel.“ Schmerz und Verzweiflung infolge einer Fußverletzung und des Risses seiner Achillessehne brachten den Basketball-Profi mehrmals so weit, dass er seine Karriere aufgeben wollte.

Die Unterstützung seiner Frau und die Arbeit mit einer Psychotherapeutin bewahrten ihn davor. An diesem Wochenende kann Granger beim Pokalturnier in München seinen ersten Titel mit Alba Berlin gewinnen. Dabei hat er längst erreicht, was er sich für sein Comeback vorgenommen hatte: sich und der Basketball-Welt zu beweisen, dass er immer noch zu den besten Aufbauspielern Europas gehört.

Auch Jugend ist ansteckend

Ausgerechnet beim Sieg über Baskonia Vitoria im Januar in der EuroLeague, das Team, mit dem er vor seinem Wechsel nach Deutschland spanischer Meister wurde, machte Granger dies mit 21 Punkten und vier Ballgewinnen deutlich. Bei der folgenden Niederlage gegen Maccabi Tel Aviv erreichte er damals, als sein Team durch Krankheit und Verletzungen auf neun Spieler reduziert war, seinen Karriere-Höchstwert von elf Assists. Größter Triumph jener Tage war das überraschende 85:72 in der Meisterschaft über Bayern München. Granger war mit elf Punkten und zehn Assists Mann des Abends.

Eigentlich ist Granger eine Nummer zu groß für das Budget von Alba Berlin. Für Estudiantes Madrid spielte er, für Málaga, Efes Istanbul und Baskonia. Berlin verpflichtete ihn auf die Gefahr hin, dass der Fuß nicht stabil bleiben würde. Der Klub hat die Wette auf Granger gewonnen. Dieser selbst erlebte in Berlin, wo der 74 Jahre alte Coach Aíto den Ball und die Verantwortung gern mal in die Hände 19 und 21 Jahre alter Spieler wie Malte Delow und Jonas Mattisseck gibt, dass nicht nur gute Laune ansteckend ist, sondern auch Jugend.

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Mal schwärmt Granger, mit 31 der Senior des Teams, dass er sich, was seine Leidenschaft für den Sport angeht, wie ein Zwölfjähriger fühle, mal konstatiert er, dass er die Fitness eines Zwanzigjährigen habe. Zusätzlich zum Pass von Uruguay, wo er geboren und aufgewachsen ist, hält Granger wie sein Vater die amerikanische Staatsbürgerschaft und wie sein Großvater die italienische. Seine Frau ist eine spanische Fernsehreporterin, die in wenigen Wochen erwartete kleine Schwester des gemeinsamen Sohnes wird Berlinerin sein. Der Weltbürger Granger hat eine Heimat gefunden.

Die Freude und die Leichtigkeit, mit der Granger und sein Team durchs Spiel gehen, kontrastieren aufs schönste mit den Strapazen dieser Saison. Trainer und Sportdirektor von Bayern München, Andrea Trinchieri und Daniele Baiesi, schimpfen und klagen vor dem Pokal-Wochenende. Statt sich auf die am Dienstag beginnenden Playoffs in der Euro-League vorzubereiten, auf bis zu fünf Spiele gegen Armani Mailand, sind sie Gastgeber des Pokalturniers.

Titelverteidiger Alba spielt an diesem Samstag gegen die BG Göttingen (19.30 Uhr), die Bayern müssen, um das Finale am Sonntag zu erreichen, Ratiopharm Ulm besiegen. Uli Hoeneß, dem die Basketball-Abteilung der Bayern ihren Höhenflug verdankt, erinnerte öffentlich an den Herbst, als die Meisterschaft in München ausgespielt wurde – und die Bayern sang- und klanglos ausschieden. Der Pokal sei der einfachste Titel, weil man nur zwei Siege für den Erfolg brauche, sagte Hoeneß, noch dazu zu Hause: Man müsse fast gewinnen.

Solche Art von Druck herrscht in Berlin nicht. Nach der Punktrunde der Euro-League mit 34 Spielen und zwölf Siegen (Bayern: 21) ist die Mannschaft raus, auch weil im Oktober für vierzehn Tage Stillstand herrschte in Berlin. Granger war einer von sieben Spielern, die sich mit dem Coronavirus infiziert hatten. „Ich hatte keinerlei Symptome“, sagt er. „Vielleicht fühlte ich mich an einem Tag ein bisschen schwach.“

Um die ausgefallenen Spiele nachzuholen, hetzte das Team seitdem durch Europa mit drei, vier Spielen wöchentlich. Im Februar brach Granger sich – im Spiel gegen Göttingen – die linke Hand. „Ich habe gelernt, Geduld zu haben. Dies war eine kleinere Verletzung; ich war nur fünf Wochen raus“, sagt er. „Wenn du verletzt bist, musst du weiterarbeiten. Das ist Teil deines Jobs.“

Die Rückschläge, die nicht nur Granger trafen, können sich als Vorteil erweisen. „Vor der Quarantäne hatten wir bei ZSKA Moskau gewonnen, danach verloren wir gegen Barcelona mit dreißig Punkten. Jedes Mal, wenn wir in Schwung kamen, passierte etwas“, sagt Granger. „Wir wissen bis heute nicht, zu was wir in der Lage sind.“

Nach Corona-Fall: Basketball-Finalturnier in München verlegt

Das Finalturnier um den deutschen Basketball-Pokal in München ist knapp eine Stunde vor dem geplanten Beginn für dieses Wochenende abgesetzt worden. Nach einem Corona-Fall bei einem ungenannten Spieler der teilnehmenden BG Göttingen sollen die Spiele zu einem späteren Zeitpunkt stattfinden, wie die Bundesliga am Samstag mitteilte.

Das Gesundheitsamt München habe entschieden, dass wegen der ermittelten Kontakt- und unklaren Gesamtsituation das Team aus Niedersachsen nicht spielen dürfe, hieß es weiter. Die BG sollte am Abend (19.30 Uhr) im zweiten Halbfinale auf Titelverteidiger Alba Berlin treffen. Göttingen stellte einen Antrag auf Verlegung der Partie. Diesem stimmte die Basketball-Bundesliga zu. Ein neuer Termin im engen Spielkalender soll nach Angaben der BBL nun frühestmöglich bekanntgegeben werden.

Der Bus mit dem Team der Bayern war knapp zwei Stunden vor dem geplanten Beginn der Halbfinal-Partie gegen ratiopharm Ulm am Samstagnachmittag bereits am Audi Dome vorgefahren, die Spieler gingen in die Halle. Knapp 60 Minuten vor dem avisierten Start erfolgte dann die offizielle Absage durch die Liga. (dpa)

Quelle: F.A.Z.
Michael Reinsch - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Michael Reinsch
Korrespondent für Sport in Berlin.
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