Basketballer Maodo Lo

Ein Tänzer zwischen den Körben für Alba Berlin

Von Michael Reinsch, Berlin
19.02.2022
, 16:36
Er macht das Spiel – und noch viel mehr: Maodo Lo
Einen wie ihn gibt es in Europa nicht noch einmal: Basketballprofi Maodo Lo besticht in seinem Spiel durch ein virtuoses Spiel mit Tempo und Distanz. Jetzt will er mit Alba Berlin den Pokal holen.
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„Er ist ein Killer“, behauptet Luke Sikma. Das Lob gilt seinem Berliner Mannschaftskameraden Maodo Lo, einem Basketball-profi, der nun ganz und gar nichts Bedrohliches an sich hat: ein eleganter Athlet, keine zwei Meter lang, schlank, schnell auf den Beinen und noch schneller im Kopf. An diesem Wochenende wollen die beiden mit Alba Berlin Pokalsieger werden.

Dazu müssen sie im Halbfinale am Samstag (19.30 Uhr bei Magenta Sport) die Niners Chemnitz besiegen und am Sonntag das Endspiel gegen Crailsheim oder Braunschweig gewinnen. Als Alba vor zwei Jahren zum zehnten und bislang letzten Mal in diesem Wettbewerb siegte, spielte Lo für Bayern München und war im Achtelfinale ausgeschieden.

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Nun sind Lo und Berlin Favoriten. Titelverteidiger Bayern hat es wieder nicht ins Top Four geschafft. „Wäre cool zu siegen“, sagt Lo. „Ich habe den Pokal erst einmal gewonnen.“ Das war, als er vor sechs Jahren vom College in Amerika in die legendäre Bamberger Euroleague-Mannschaft mit Nikos Zisis, Nicolo Melli und Darius Miller gewechselt war. Seitdem ist er dreimal Meister geworden, mit Bamberg, mit den Bayern und im vergangenen Jahr mit Alba. Seine Lehrjahre sind zu Ende. Alba hat die Mannschaft um den 29-Jährigen formiert.

Einen wie Lo gibt es in der Liga und in der Euroleague nicht noch einmal. Er ist Sohn einer Künstlerin, und man hat den Eindruck, dass man es sieht. 13,3 Punkte erzielt er in dieser Euroleague-Saison durchschnittlich pro Spiel; in den sieben internationalen Partien seit der Pause im Januar, die einen Corona-Ausbruch im Team nach sich zogen, hat er seine Ausbeute auf durchschnittlich 15 Punkte gesteigert bei 3,5 Assists. 21 Punkte erzielte er bei der knappen Niederlage gegen Real Madrid. Maodo Lo aus Berlin, von den Scouts Albas und den Auswahltrainern übersehen, als er heranwuchs in der Stadt, gehört zu den besten Spielmachern Europas – mit ganz eigener Handschrift.

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Die spektakulären Finten von Lo

Alba spiele, wie Jackson Pollock gemalt habe, sagte Lo, als der „Tagesspiegel“ ihn gemeinsam mit seiner Mutter Elvira Bach porträtierte. Sie zählt zu den jungen Wilden, und in einigen ihrer Gemälde finden sich die Gesichtszüge des Sohnes. Pollock, der Held des Action Painting, der Farbe auf die Leinwand tropfte und spritzte: Steht er für wilden, unangestrengten Basketball? „So ist es nicht“, erwidert Lo. „Pollock hat eine Struktur und eine Herangehensweise, an die er sich gehalten hat.“ Die gebe es auch in seinem Team: „Das Spiel wird gelesen, und man improvisiert, entscheidet situationsbedingt, statt sich an ein System zu halten.“

Der Maler Pollock hatte einen Rhythmus, und auch der Basketballer hat einen. „Rhythmus ist ein Gefühl“, sagt Lo. „Das hat mit dem Tempo des Teams zu tun und dem, in dem man selbst spielt. Rhythmus kann auch so etwas wie Momentum sein, etwas nicht Greifbares, eine Atmosphäre. Etwas, das man spürt.“ Aus dem aufreizenden Dribbeln des vergleichsweise kleinen Maodo, seiner Angewohnheit, den Ball immer noch mal zwischen den eigenen Beinen hindurch zu spielen, ist die Kunst geworden, Gegenspieler in einen Tanz zu zwingen, bei dem sie selten gut aussehen.

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Da ist der unglaubliche Antritt, ein erster Schritt, mit dem er so schnell am Gegner vorbeizieht, dass dieser ihn nur mit einem Foul stoppen kann. Lo bestraft das mit 88-prozentiger Sicherheit beim Freiwurf. Lässt der Verteidiger ihn ziehen, spielt er sich, mit rechts, mit links, mit schnellen Schritten und Drehungen um die Längsachse, durch die dichteste Verteidigung. Korbleger und Würfe aus Nahdistanz trifft er mit großer Sicherheit (47,8 Prozent), Distanzwürfe ebenfalls (45,69).

Aus dem Dilemma, ihn entweder am Zug zum Korb, am Pass oder am Wurf zu hindern, macht Lo eine spektakuläre Finte. Er täuscht den Antritt an, tritt zurück hinter die Drei-Punkte-Linie, und während sein Gegenspieler die Bewegung nachholt oder sich, schlimmer noch, vom Boden aufrappelt, wirft Lo. „Ich war immer ein Spieler, der nicht so gern in den Kontakt gegangen ist“, erinnert er sich. „Ich war klein und schmächtig. Deshalb war es immer mein Interesse, auf dem Feld so wenig Kontakt wie möglich zu haben. Unbewusst versuche ich bis heute, Kontakt zu vermeiden. Das versuche ich durch die Täuschungen, durch Agilität.“

Ein Spiel mit Tempo und Distanz

Ein anderer Move: Ein Mannschaftskamerad stellt einen Block, an dem Lo seinen Gegenspieler abstreifen kann. Er aber wählt den entgegengesetzten Weg. „Ich beobachte, wie der Verteidiger antizipiert, dass ich über den Block gehe, und wenn ich sehe, wie er schon die Augen dorthin bewegt, ist dies für mich das Signal: Ich gehe auf die andere Seite.“

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Sein Dribbling, die Kunst des Spiels mit Tempo und Distanz, hat Lo auf dem Freiplatz gelernt. Erst mit zwölf meldeten sein Vater, der aus Senegal stammt, und seine Mutter ihn im Verein an. „Ich habe schon immer so gespielt. In der Jugend wurde ich dafür kritisiert: Das ist doch kein Streetballturnier, was wir hier spielen“, erzählt er. „Daran habe ich nie gearbeitet, das hat nie jemand mit mir trainiert. Das ist einfach so.“ Unangreifbar ist Lo, seit er den Abschluss perfektioniert hat. Denn Sport ist, selbst in seiner elegantesten Ausprägung, nicht l’art pour l’art. Es geht um Sieg oder Niederlage, ums Treffen und Punkte machen. „Viele Wiederholungen“, sagt Lo: „Wurf und Lay Ups (Korbleger/d.Red.), daran kann man feilen. Das hat mir sehr geholfen. Jetzt ist es eine Waffe.“

Bei Alba machen sie kein Geheimnis daraus, dass die Entscheidung von Lo für Berlin ein Glücksfall war. Geld allein hätte als Argument nie ausgereicht; davon haben die meisten Euroleague-Klubs mehr. Lo reizte, als München Coach An­drea Trinchieri verpflichtete, das System von Trainer Aito, das inzwischen Israel Gonzalez weiterführt. Und er wollte zurück nach Berlin, die Stadt seiner Kindheit und Jugend, deren Vitalität und Vielfalt ihn immer noch fasziniert. Er wollte bei der Mutter sein, als sein großer Bruder Lamine tödlich verunglückt war.

Lo mit seinem spektakulären Spiel dürfte einer der begehrtesten Spieler Europas sein. Sein Vertrag in Berlin gilt noch ein drittes Jahr. Das ist keine Garantie dafür, dass Lo bleibt. Immerhin würde er Alba eine Ablösesumme verschaffen, wenn einer der finanzstarken Klubs Lo zum Tanz auf seinem Parkett bittet.

Quelle: F.A.Z.
Michael Reinsch - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Michael Reinsch
Korrespondent für Sport in Berlin.
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