Niners Chemnitz

Aufschwung Ost in der Basketball-Bundesliga

Von Stefan Koch
09.01.2022
, 12:01
Alles im Griff: Chemnitz-Trainer Rodrigo Pastore
Die Niners Chemnitz sind auf dem Weg, als erstes ostdeutsches Basketball-Team die Play-offs der Bundesliga zu erreichen. Das hat viel mit Trainer Rodrigo Pastore zu tun.
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Basketball in Ostdeutschland zu etablieren galt lange Zeit als ein schwieriges, mitunter sogar aussichtsloses Unterfangen. Spätestens nach dem Entschluss des DDR-Ministerrates 1969, Sportarten ohne Medaillenchance bei den Olympischen Spielen in der Förderung massiv zu beschneiden, war das Schicksal der Korbjäger bis zur Wiedervereinigung besiegelt. Ohne Breite, Tradition und letztlich auch finanzielle Ressourcen taten sich die Vereine nach 1990 extrem schwer, sich auf Bundesliganiveau zu etablieren. Der Mitteldeutsche BC aus Weißenfels galt über zwei Jahrzehnte hinweg als das Aushängeschild des ostdeutschen Basketballs, hat seinen Platz aber mittlerweile den Niners Chemnitz räumen müssen.

Der Derbysieg der Chemnitzer am vergangenen Sonntag unterstrich noch einmal, wer mittlerweile die Rolle des Platzhirsches innehat. Der MBC kämpft wie üblich gegen den Abstieg, macht aber auch keinen Hehl daraus, dass der Standort keine größeren Ambitionen zulässt. Mit Rostock und Jena stehen derzeit zwei aufstiegswillige Projekte an der Spitze der zweiten Liga, sodass im besten Falle in der kommenden Saison vier ostdeutsche Teams im Oberhaus an den Start gehen könnten. Damit wäre die Rekordzahl von drei Mannschaften aus der Spielzeit 2017/2018 übertroffen.

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Kontinuität und Qualität

Bislang hat es noch kein Team geschafft, in die Play-offs einzuziehen. Dies könnte Chemnitz jetzt ändern. Aktuell, vor dem Spiel an diesem Sonntag (15.00 Uhr bei MagentaSport) beim FC Bayern, stehen die Niners auf dem siebten Platz, den sie aufgrund der bislang gezeigten Leistungen auch zu Recht einnehmen. Nach einer beeindruckenden Debüt-Saison in der BBL legen die Sachsen im zweiten Jahr eindrucksvoll nach. Kontinuität und Qualität auf der Trainerposition zählen zu den Erfolgsgrundlagen.

Der Argentinier Rodrigo Pastore ist bereits seit 2015 für die Niners tätig und identifiziert sich voll mit dem Programm. Der 49-Jährige, der Deutschland aus seiner Zeit als Spieler kennt (Landshut, Bayreuth und Bonn), ließ sich auch von zwei knapp verpassten Aufstiegen nicht entmutigen und führte Chemnitz 2020 in die höchste Spielklasse. Nachdem er in der zweiten Liga zweimal zum Trainer des Jahres gewählt worden war, hat er sich auch in der höchsten Spielklasse als einer der besten Coaches etabliert. Seine Mannschaften verfügen über eine klare Struktur, und seine taktischen Anpassungen während des Spiels sind ideenreich und präzise.

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Aber nicht nur der Coach, auch die Mannschaft hat Play-off-Format. Es zeigt sich immer mehr, wie wichtig es ist, über ein stabiles deutsches Gerüst zu verfügen. Kapitän Malte Ziegenhagen ist ein Dreipunktewerfer, der als Spezialist eine wichtige Joker-Rolle einnimmt. Der 22 Jahre alte Nelson Weidemann entwickelte sich bis zu seiner Verletzung (Bruch des rechten Handgelenks) zu einem wertvollen Rotationsspieler. Das Prunkstück bilden aber die beweglichen Niklas Wimberg und Jonas Richter, die beide 2,06 Meter groß und extrem vielseitig sind. Nationalspieler Wimberg kann drei verschiedene Positionen bekleiden und strahlt auch Gefahr von der Dreipunktelinie aus. Eigengewächs Richter ist so vielseitig, dass er im Schnellangriff den Ball vordribbeln und auch einmal gegen einen dreißig Zentimeter kleineren Aufbauspieler verteidigen kann.

Nachdem Gerald Robinson Ende November seine Ausstiegsklausel wahrnahm und nach Italien wechselte, erwarteten viele Beobachter einen Einbruch, zumal mit Frantz Massenat der einzig verbliebene Spielmacher an Rückenpro­blemen laborierte. Doch die Chemnitzer überstanden diese schwierige Phase und haben mittlerweile ihren Kader wieder aufgefüllt. Zunächst nahmen sie mit Trent Lockett einen erfahrenen und hochkarätigen Flügelspieler unter Vertrag, bevor sie dann zum Jahreswechsel mit Eric Washington den Robinson-Nachfolger präsentierten. Für den besten Korbwerfer der zweiten französischen Liga zahlten die Niners eine Ablösesumme, was ihre Ambitionen und finanziellen Möglichkeiten unterstreicht.

Neben den beiden Neuen sind auch die anderen Ausländer überdurchschnittlich gut. Massenat fungiert als Stabilisator, der Litauer Mindaugas Susinkas wird immer stärker und erzielte in den letzten vier Begegnungen mehr als 19 Punkte im Schnitt. Isiaha Mike ist einer der athletischsten Spieler der Liga und Darion Atkins einer der besten Center. Alle diese Profis verfügen über viel Variabilität, sodass Chemnitz phasenweise vier Spieler über zwei Meter auf das Feld schicken kann.

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Wie viel Potential in dieser Mannschaft steckt, bewies sie im Viertelfinale des Pokals, in dem sie den Euroleague-Teilnehmer Bayern München bezwang. Im Halbfinale müssen die Chemnitzer im Februar beim deutschen Meister Alba Berlin antreten. In dieser Begegnung werden die Niners dann Außenseiter sein, im Rennen um die Play-off-Plätze sind sie es nicht.

Der Autor ist zweimaliger Trainer des Jahres.

Quelle: F.A.Z.
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