Bilanz der Paralympics

Sieger-Kuss vom Sohn

05.09.2021
, 16:05
Gänsehaut-Moment: Edina Müller bekommt einen Sieger-Kuss von ihrem Sohn Liam.
Das deutsche Team erlebt noch einige große Momente zum Abschluss der Paralympics. Doch als Zwölfter wird das Ziel verpasst. Defizite in der Nachwuchsförderung sind nicht zu übersehen.
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Es war vielleicht der größte deutsche „Gänsehaut-Moment“ bei den Paralympics in Tokio: Als Edina Müller noch im Boot einen Sieger-Kuss von ihrem Sohn Liam bekam, waren all die Mühen und all der Ärger der vergangenen Monate nichtig. „Da war alles andere vergessen“, sagte die Hamburgerin, die neun Jahre nach Gold im Rollstuhlbasketball diesmal mit dem Kanu triumphierte.

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Monatelang hatte die 38-Jährige dafür kämpfen müssen, den Zweijährigen als stillende Mutter überhaupt mit nach Japan nehmen zu dürfen. Weil er keine Akkreditierung für das Dorf bekam, wohnte Edina Müller mit ihm und ihrem Partner im Hotel, musste dauernd pendeln. Doch zum Finale am Samstag war der Sohn an der Strecke.

Für ein deutsches Highlight sorgte am Abend auch noch Lindy Ave. Die 23-Jährige, die an einer Cerebralparese leidet, siegte über 400 Meter im strömenden Regen mit Weltrekordzeit von genau 1:00,00 Minute. „Regenwetter ist man gewohnt, wenn man an der Ostsee wohnt“, sagte die Greifswalderin lachend.

Noch einmal große deutsche Momente also bei den Paralympics in Tokio, die am Sonntag zu Ende gingen – und die Deutschen waren weitgehend positiv gestimmt. Zum Beispiel Friedhelm Julius Beucher, der Präsident des Deutschen Behindertensportverbandes (DBS). „Definitiv mehr Licht“ habe er aus deutscher Sicht bei diesen Paralympics gesehen, behauptete Beucher. Und auch Deutschlands Chef de Mission Karl Quade ist grundsätzlich zufrieden. Nach auch programmbedingt schwachem Start „hatten wir die erwartet starke zweite Woche“, sagt Quade: „Wir bewegen uns ungefähr an der Stelle, an der wir uns vorher gesehen haben.“

Doch das deutsche Abschneiden muss man differenziert betrachten. Mit 43 Medaillen waren es sechs mehr als die 37 bei Olympia. Mit zwar deutlich weniger Athleten, aber in deutlich mehr Entscheidungen. Mit 13 Mal Gold holte das DBS-Team drei mehr als die Olympioniken, allerdings auch fünf weniger als in Rio de Janeiro. Dort war Deutschland noch Sechster im Medaillenspiegel gewesen, nun wurde als Zwölfter das Ziel Top 10 knapp verpasst. Statt in nur drei Sportarten wie in Rio holten die deutschen Behindertensportler in Japan in sieben Sportarten Gold. Doch im Radsport (drei statt acht) und in der Leichtathletik (vier statt neun) gab es deutlich weniger Titel.

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„Das war nicht zu kompensieren“, sagt Quade. Es bleiben allerdings viele Geschichten und Gesichter. „Leuchttürme für ihre Sportart, aber auch für die Gesellschaft“ – so nennt Beucher diese Athleten. Wie etwa Prothesen-Sprinter Johannes Floors, der sich nach Gold über 400 Meter nun „Fastest man on no legs“ nennen darf – schnellster Mann ohne Beine. Wie der 19 Jahre alte Schwimmer Taliso Engel. Oder Edina Müller.

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Beucher sieht Perspektiven. Dennoch, das sagte er ebenfalls, sei schon „vor der Analyse klar zu sagen, dass wir ein Defizit in der Nachwuchsförderung und Nachwuchssichtung haben“.

Quelle: F.A.Z.
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