Turnerin Nia Dennis

„Das nenne ich heftig! Du bist ein Star“

Von Michael Wittershagen
02.02.2021
, 06:57
Es ist zuletzt einiges durcheinandergeraten im Leben der 21 Jahre alten Turnerin Nia Dennis.
Lange wurde das Frauenturnen von Weißen dominiert. Noch immer gibt es die alten Rollenbilder. Nia Dennis will ihre Sportart davon nun befreien. Ein besonderer Auftritt fasziniert viele Millionen Menschen. Er ist ein Aufschrei.
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Es war am vergangenen Dienstagmittag in Los Angeles, als Nia Dennis in ihrer Instagram-Story einen dieser besonderen Momente ihres Lebens öffentlich machte. „Oh my God!“, ist während des kurzen Videos zu hören, Stimmen sprudeln durcheinander, die Kamera wackelt hin und her. Gerade hat Michelle Obama auf Twitter einen Tweet veröffentlicht: „Das nenne ich heftig! Du bist ein Star! @DennisNia!“, schreibt die Frau des 44. Präsidenten der Vereinigten Staaten. Nia Dennis kann ihr Glück in diesem Moment kaum begreifen.

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Es ist zuletzt einiges durcheinandergeraten im Leben der 21 Jahre alten Turnerin, die 2015 in den erweiterten WM-Kader der Vereinigten Staaten berufen worden war, die aber noch nie so sehr im Scheinwerferlicht stand wie in den vergangenen Tagen. Dabei wurden die Tribünen in der Halle in Los Angeles am vorvergangenen Wochenende mit blauen Planen verdeckt, Zuschauer waren aufgrund der vielen Corona-Infektionen in Los Angeles nicht zugelassen, als Nia Dennis eine Boden-Choreographie gelang, die seitdem nicht nur die Turnwelt fasziniert. „Black Excellence“, so hat sie diese außergewöhnlichen knapp zwei Minuten überschrieben. Inzwischen haben sich mehr als zehn Millionen Menschen das Video dazu auf Twitter angeschaut.

Der Hochschulwettkampf der University of California in Los Angeles (UCLA) gegen die Arizona State Sun Devils sollte für sie nicht nur ein Sportauftritt sein, es sollte ein Statement werden, ein Aufschrei. Den Soundtrack dazu lieferte ein Medley verschiedener Songs von Kendrick Lamar, Beyoncé, Missy Elliott, Tupac Shakur oder Megan Thee Stallion. Nia Dennis zeigte – nur wenige Monate nach ihrer Schulteroperation – einen mächtigen doppelten Rückwärtssalto, sie zeigte Schrauben und Drehungen, ein bisschen Tanz, ein bisschen Hiphop, ganz viel Freestyle.

Dabei würdigte sie auch den in Ungnade gefallenen Footballspieler Colin Kaepernick, als sie niederkniete. Und sie erinnerte an Tommie Smith und John Carlos, als sie die erhobene Faust, den „Black Power salute“, zeigte. Es war ein Auftritt, der die schwarze Kultur feierte. Und das in einem Land, in dem es noch oft eines Kampfes bedarf, dieses Schwarzsein öffentlich zu vertreten.

Nia Dennis hat diesen Kampf ganz leicht aussehen lassen, sie wirkt, als habe sie gerade, genau in diesen knapp zwei Minuten, die beste Zeit ihres Lebens. Mit fabelhaften 9,95 Punkten wurde diese Leistung belohnt. „Dieser Auftritt spiegelt definitiv alles wider, was ich heute als Frau bin. Und natürlich musste ich viele Teile meiner Kultur mit einbeziehen. Ich wollte eine Tanzparty haben, weil das meine Persönlichkeit ist“, sagte sie danach der „Los Angeles Daily News“.

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Über Jahrzehnte wurde das Frauenturnen von Weißen dominiert. Die Musik war zumeist klassisch, und es galt lange als offenes Geheimnis, dass die internationalen Punkterichter vor allem Athletinnen aus Russland bevorzugten. Erst Simone Biles, die herausragende Turnerin der vergangenen Dekade, stellte diese Welt auf den Kopf – zumindest vordergründig. Hinter den Kulissen toben oftmals noch immer die alten Rollenbilder. Erst im vergangenen Jahr machte Tia Kiaku, eine ehemalige Turnerin aus Alabama, öffentlich, wie oft sie Mobbing oder rassistische Witze ihrer ehemaligen weißen Teamkolleginnen oder Trainer hat erdulden müssen.

Nia Dennis, geboren und aufgewachsen in Columbus, Ohio, kennt diese Probleme. Schon im vergangenen Jahr wurde einer ihrer Auftritte zum viralen Hit, als sie unter anderem zu Beyoncés „Crazy in Love“ geturnt hat. Kurz danach wurde sie in die Talkshow von Ellen DeGeneres eingeladen. Schüchtern saß sie da und erzählte unter anderem, dass sie beinahe längst aufgehört hätte mit dem Turnen.

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Denn während der Vorbereitung für die Olympischen Spiele 2016 erlitt sie einen Riss ihrer Achillessehne. „Ich war verzweifelt“, sagte sie: „Ich hatte das Gefühl, dass alles, was ich geopfert habe, alles, was meine Familie geopfert hat, verloren war.“ Sie machte weiter – in dem Wissen, dass sie es bis an die internationale Spitze nicht schaffen würde. Sie hat sich einem anderen Kampf gewidmet, und sie macht nicht den Eindruck, als sei dieser bereits vorbei.

Quelle: F.A.S.
Michael Wittershagen - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Michael Wittershagen
Zuständig für den Sport in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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