Start der Vendée Globe

„Hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht“

Von Sebastian Reuter
07.11.2020
, 09:13
Nonstop und alleine um die Welt: Die Vendée Globe gilt als härteste Segelregatta. Auch ein Deutscher und eine Deutsch-Französin haben sich monatelang auf die Gefahren auf hoher See vorbereitet. Wie gehen sie das Rennen an?

Es ist eine außergewöhnliche Vorstellung von Glück, sich auf mehr als 70 Tage in einem lauten, feuchten, wackligen und oft auch ziemlich zugigen Käfig zu freuen. Der in vielen Stunden zudem alle paar Sekunden so hart auf ein Meer aus eiskaltem Salzwasser aufschlägt, dass man sich „wie ein Pfannkuchen in der Pfanne“ fühlt. Wie man es schafft, unter diesen Bedingungen zu essen, zu schlafen und generell den Überblick zu behalten? Sechs Frauen und 27 Männer – unter ihnen erstmals auch die Deutsch-Französin Isabelle Joschke, von der dieser Vergleich stammt, sowie der Hamburger Boris Herrmann – werden sich dieser haarsträubenden Aufgabe von diesem Sonntag an stellen. Und versuchen, bei der Vendée Globe so schnell wie möglich nonstop und allein einmal um die Welt zu segeln.

Wissen war nie wertvoller

Vertrauen Sie auf unsere fundierte Corona-Berichterstattung und sichern Sie sich mit F+ 30 Tage freien Zugriff auf FAZ.NET.

JETZT F+ KOSTENLOS SICHERN

Vom Hafenstädtchen Les Sables d’Olonnes an der französischen Atlantikküste aus begeben sich so viele Skipperinnen und Skipper wie bei keiner Vendée zuvor mit ihren Yachten auf die abenteuerliche und beschwerliche Reise – und können aufgrund der verschärften Corona-Einschränkungen im Land erstmals nicht von zehntausenden Zuschauern verabschiedet werden. Und das, obwohl die Vendée im Westen von Frankreich fast genauso beliebt ist wie die Tour de France oder die Fußball-WM.

Mit romantischer Segel-Atmosphäre nur wenig zu tun

Mehr als 20.000 Seemeilen werden sie in ihren jeweils etwa 18 Meter langen und mit mehreren hundert Quadratmetern großen Segeln ausgestatteten Imoca-Yachten ohne jede Hilfe von außen zurücklegen und dabei Weltmeere durchqueren, den Äquator passieren und das Kap der Guten Hoffnung, Kap Leeuwin und Kap Hoorn umrunden. Kurz gesagt: All jene Mystik erleben, von der Seglerinnen und Segler auf dem ganzen Planeten oft ein Leben lang träumen. Dabei hat eine Weltumrundung mit einer hauptsächlich aus einem superleichten sowie ziemlich flachen Kohlefaser-Rumpf bestehenden Rennyacht nur wenig mit romantischer Segel-Atmosphäre zu tun. Mit lähmender Windstille gepaarte Hitze und heftige Stürme bei eisigen Temperaturen werden die Seglerinnen und Segler auf eine harte Probe stellen.

Von den 97 Teilnehmern, die sich seit der ersten Auflage im Jahr 1989 am „Everest der Meere“ – wie die Vendée ehrfurchtsvoll genannt wird – versucht haben, sind nur 66 ins Ziel gekommen. Drei Skipper verloren auf hoher See ihr Leben, viele mussten gerettet werden, weil ihre Boote havarierten. Als „pure Wildnis“ hat der 39 Jahre alte Herrmann die Zustände im Südpolarmeer, wo die Segler teilweise mehr als 2000 Kilometer vom australischen oder südamerikanischen Festland entfernt sind, gegenüber dieser Zeitung einmal beschrieben. Trotzdem träumt er seit seinem 16. Lebensjahr von der Teilnahme an der Regatta und verkündet nun voller Vorfreude: „Nach Jahren der Vorbereitung und des Trainings, ist nun alles bereit, bis ins letzte Detail. Ich kann es kaum erwarten, endlich zu starten.“

Zwar startet auch Herrmann mit dem Ziel, am Ende als einer der ersten zehn Segler wieder in Les Sables d’Olonnes anzukommen, als absoluter Top-Favorit geht allerdings der Brite Alex Thomson ins Rennen, der die Regatta 2012 und 2016 jeweils als Dritter und Zweiter beendet hat. „Jeder, der die Vendée Globe beendet, ist ein Gewinner“, sagt Thomson in aller Bescheidenheit. Mit einem Sieg würde der 46 Jahre alte Waliser allerdings als erster Vendée-Gewinner, der nicht aus Frankreich stammt, in die Segel-Geschichte eingehen. „Ich arbeite nun schon fast seit 20 Jahren darauf hin. Da können die letzten Tage vor dem Start nochmal ziemlich nervenaufreibend sein.“

Um unterwegs überhaupt so etwas wie Ruhe und Erholung zu finden, haben sich Herrmann und die Vendée-Teilnehmer spezielle Sitze und Matratzen in ihre millionenteuren Yachten einbauen lassen. Kopfhörer mit Filtern sollen den Lärm von Wind, Wellen und Segeln so gut wie möglich ausblenden und das knapp zehnwöchige Leben an Bord erträglicher machen. 300 Kilogramm an Verpflegung, persönlichen Dingen und Ersatzteilen nehmen die Skipper mit an Bord. Möglichst handlich verpackt, denn: Je nachdem wie Wind und Segel stehen, gilt es das Gewicht unter Deck zu verlagern, damit die Yachten im optimalen Winkel auf ihren tragflächenähnlichen „Foils“ mit Geschwindigkeiten von bis zu 70 Kilometern in der Stunde über das Wasser fliegen.

Ein Autopilot, laufend aktualisierte Wetterdaten sowie ein Satellitentelefon, über das Kontakt zu Team und Familie aufgenommen werden kann, helfen, bei der Planung der Route und der notwendigen Ablenkung im Alltag allein auf hoher See. Viele Boote sind zudem mit einem speziellen Frühwarnsystem ausgestattet, das sich mithilfe von Thermo-Sensoren meldet, wenn beispielsweise ein Wal den Yachten zu nahe kommt. Außerdem erhalten die Skipper auf ihrer Reise durch das Südpolarmeer Updates über den Verlauf der Eisberggrenze, die sie nicht überqueren dürfen, um die Gefahr einer Kollision zu vermeiden. „Unsere Boote haben so viele Sicherheitsnetze eingebaut, dass sie fast unsinkbar sind“, sagt Boris Herrmann. „Aber vor manchen Dingen kann man sich einfach nicht schützen. Hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht.“

So sind die Yachten für den Fall eines irreparablen Schadens durch Zusammenstöße mit verloren gegangenen Schiffscontainern oder einem unbeleuchteten Fischerboot auch mit zwei sogenannten Überlebensanzügen sowie einer in Sekunden aufgeblasenen Rettungsinsel ausgestattet. Die meisten der 33 Teilnehmer haben sich im Vorfeld zudem mit Ärzten und Psychologen auf die Regatta und ihre Gefahren vorbereitet, um zu lernen, wie sie Verletzungen an sich selbst behandeln können und es schaffen, in Ausnahmesituationen Ruhe zu bewahren und Strategien für einen Ausweg aus gedanklicher oder sportlicher Misere zu entwickeln.

„Die Vendée Globe ist wie das Leben selbst, nämlich alles andere als einfach. Ich weiß, dass ich unterwegs Dinge erleben werde, die alles andere als lustig sind“, sagt zum Beispiel die 43 Jahre alte Isabelle Joschke, die in München geboren wurde, aber schon seit vielen Jahren an der Atlantikküste in Lorient lebt und seit 2015 auf die Teilnahme an der Regatta hingearbeitet hat. Als eine von sechs Frauen am Start sieht sie ihre Chancen im Januar wieder in Les Sables d’Olonnes an Land zu gehen, bei etwa fünfzig Prozent.

„Ich wäre sehr glücklich, unter die Top Ten zu kommen“, sagt Joschke, der vor zwei Jahren bei einer anderen Regatta mitten auf dem Ozean der Mast ihrer Yacht brach und deren 2007 gebautes „MACSF“-Boot eines der ältesten im Feld ist. „Ich will mich aber nicht ständig selbst übertreffen, sondern möchte dieses Abenteuer in vollen Zügen genießen, Fähigkeiten an mir entdecken, die ich noch nicht kenne und stolz auf mich sein“, sagt Joschke. „Diese Reise wird mich tief berühren.“

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Reuter, Sebastian
Sebastian Reuter
Redakteur vom Dienst.
FacebookTwitter
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot