Rückkehr der Profiboxer

Der schwierige Kampf des Jack Culcay

Von Michael Eder, Berlin
Aktualisiert am 12.06.2020
 - 16:54
Trotz Corona dieser Tage kampfbereit wie hier 2017 in Newark: Jack Culcay
Trotz Corona so fit wie immer: Jack Culcay tritt als Hauptkämpfer beim Comeback des Boxsports auf der öffentlichen Bühne an. Dabei warten aber nicht nur auf den Hessen besondere Herausforderungen.

Nichts wird sein, wie es war. Wenn Jack Culcay an diesem Freitag (19.30 Uhr) in den Berliner Havelstudios in den Boxring steigt, bestreitet er den Hauptkampf einer Premiere. Es ist der erste Profi-Kampfabend in Zeiten von Corona, eine deutsche Premiere, eine europäische dazu. Möglich gemacht hat sie Culcays Promotor Agon, zu dem er 2018 von Sauerland gewechselt war. Acht Kämpfe stehen in Berlin auf dem Programm, im Hauptkampf trifft der 34 Jahre alte Culcay im Halbmittelgewicht auf den drei Jahre älteren Franzosen Howard Cospolite. Gekämpft wird um den International-Titel des Verbandes WBO, nicht gerade die Goldene Ananas, aber auch kein Gürtel, von dem ein Kämpfer wie Culcay träumt.

Der Profi aus dem südhessischen Pfungstadt, der mit Partnerin und kleiner Tochter in Berlin heimisch geworden ist, gewann 2009 bei den Amateuren den WM-Titel im Weltergewicht, als Profi wurde er von 2016 bis 2017 als Weltmeister im Halbmittelgewicht nach Version des angesehenen Verbandes WBA geführt, nachdem der Kubaner Erislandy Lara zum sogenannten Superchampion aufgestiegen war. Den Titel verlor Culcay 2017 in Ludwigshafen gegen den Amerikaner Demetrius Andrade.

Culcay gilt als exzellenter Boxer, technisch auf hohem Niveau, aber ohne die extreme Schlagkraft, den harten Punch, der im Ring für Spektakel und vorzeitige Entscheidungen sorgt. Bei Sauerland, dem einst ruhmreichen und seit längerem in Schwierigkeiten steckenden deutschen Boxstall, fand Culcay letztlich wenig Unterstützung, deshalb auch die Trennung, deshalb der Wechsel zu Agon. Bei den Berlinern fühlt er sich aufgehoben, die Atmosphäre ist familiär, die Betreuung professionell. Und der Traum, noch einmal Weltmeister zu werden, ist noch nicht ausgeträumt, wenn auch weit weg im Moment. Um noch einmal eine Chance zu bekommen, ganz oben anzugreifen, muss Culcay gegen Cospolite gewinnen, klar und deutlich, wenn möglich. Dann kann er im Laufe des Jahres auf einen weiteren Kampf hoffen, auf die nächste Stufe des beschwerlichen Aufstiegs zum Herausforderer einer der aktuellen Weltmeister in einem der ernstzunehmenden Verbände.

Nichts wird sein, wie es war an diesem Freitag in den Berliner Havelstudios? Doch, manches schon. Manches wird doch so sein wie vor vielen, vielen Jahren. „Es wird sein, wie ich es früher gekannt habe, bei den Amateuren“, sagt Culcay. „Es werden so gut wie keine Zuschauer da sein.“ Rund fünfzig Leute werden in den Havelstudios Zeuge des Comebacks der Berufsboxer sein, dort, wo sonst Fernsehproduktionen aufgezeichnet werden. Boxer, Trainer, Ärzte, Ring- und Punktrichter, Manager, ein paar Techniker. Mehr lassen die Auflagen in Zeiten von Corona nicht zu. Alle Boxer sind in einem Hotel untergebracht, für sie gilt eine einwöchige Quarantäne.

Am Montag stand für sie ein erster Corona-Test auf dem Programm, am Donnerstag folgte ein zweiter. Das offizielle Wiegen der Gegner, sonst eine öffentlich zelebrierte Veranstaltung, fand in kleinem Rahmen im Agon-Gym statt. Die Vorkämpfe werden von 17.30 Uhr an auf dem Youtube-Kanal von Agon gestreamt, Culcays Fight ist anschließend auch bei Bild+ zu sehen. Im Fernsehen wird der Geisterbox-Abend auch übertragen, allerdings nur in Slowenien und der Ukraine, wohin Agon TV-Lizenzen verkaufen konnte.

Die Vorbereitung auf den Kampf verlief für Culcay zumindest in den letzten drei Wochen halbwegs normal. Sparring war erlaubt, „das hat ganz gut geklappt“, sagt er. Zuvor war an ein normales Boxtraining lange nicht zu denken, die Gyms waren geschlossen. „Ich bin viel gelaufen“, sagt Culcay. „Für zu Hause hatten wir Pläne bekommen, und ich habe trainiert, so gut es ging.“ Mit erstaunlichem Erfolg offenbar. Bevor es mit dem Training wieder losging, standen Leistungs- und Schlagtests auf dem Programm, und Culcays Werte waren auf dem gewohnten Niveau. „Ich habe mich nicht verschlechtert“, sagt er. „Ich bin so fit wie immer. Der Kampf kann kommen.“

Quelle: F.A.Z.
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