Dämpfer für Bryson DeChambeau

Der Golf-Kraftprotz und eine Todsünde

Von Wolfgang Scheffler
11.03.2021
, 08:21
Aus-Grenzen gegen das Unkonventionelle: Bryson DeChambeau muss wie seine Konkurrenten spielen.
Geld verdient man auf den Grüns: Die PGA Tour will den für seine wuchtigen Schläge bekannten Bryson DeChambeau zähmen. Der aber ist nur einer von vielen Favoriten bei der Players Championship.
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Zumindest eines hat die PGA Tour verhindert: Bryson DeChambeau wird bei der an diesem Donnerstag beginnenden Players Championship in Ponte Vedra Beach (Florida), dem inoffiziellen fünften Major im Golf, nicht wie bei seinem Sieg in der Vorwoche beim Arnold Palmer Invitational in Orlando eine Abkürzung über einen See nehmen. Am Dienstag verkündeten die Regel-Offiziellen, dass sie links des Wasserhindernisses eine Aus-Grenze legen.

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Der 27 Jahre alte DeChambeau hatte im Vorfeld mit dem Gedanken gespielt, dem 18. Loch, das als eines der schwersten Schlusslöcher auf der PGA Tour gilt, mit einem gewaltigen Hieb auf die neunte Spielbahn alle Schwierigkeiten zu nehmen, um von dort aus das 18. Grün anzuspielen. Aus-Grenzen innerhalb eines Platzes gelten in der Golf-Architektur zwar als Todsünde, werden aber auch aus Sicherheitsgründen immer wieder einmal bei großen Turnieren gelegt, vor allem um Mitspieler, Offizielle und Zuschauer zu schützen.

Was fast nie erwähnt wurde

Dass den Regelhütern der PGA Tour allein die Andeutung von DeChambeau reichte, um schnell zu reagieren, zeigt vor allem eines: Nach seinem Sieg in Orlando am vergangenen Sonntag dreht sich wieder einmal alles um den kalifornischen Kraftprotz mit Wohnsitz Dallas. Seine beiden gewaltigen Abschläge über den See am 6. Loch der Bay Hill Club and Lodge – der längste wurde mit 377 Yards (345 Meter) gemessen – sorgten selbst in Medien für Schlagzeilen, die sonst nie oder höchst selten über Golf berichten. Was allerdings fast nie erwähnt wurde: Keiner der beiden spektakulären Hiebe brachte DeChambeau entscheidende Vorteile.

Der Kraftprotz hatte entgegen seiner Ankündigung an diesem Par-5-Loch nicht die direkt Linie zum Grün gewählt, sondern aus Sicherheitsgründen etwas weiter rechts angehalten. Einmal landete der Ball im hohen Gras, dann in einem Bunker. Am Sonntag lag der Ball seines 47 Jahre alte englischen Mitspielers Lee Westwood nach dem Drive zwar 154 Meter hinter dem von DeChambeau, aber den dritten Schlag führten beide fast von derselben Stelle aus. Beide spielten ein Birdie. Die entscheidenden Vorteile verschaffte sich der Amerikaner beim Putten. Im Gegensatz zu Westwood, der am Ende als Zweiter nur einen Schlag mehr benötigte, schob er den Ball in wichtigen Augenblicken immer ins Loch. Wieder einmal zeigte sich: Länge ist im Golf zwar von Vorteil, aber Geld, in diesem Fall 1,7 Millionen Dollar, verdient man auf den Grüns.

Mit seinem achten Sieg auf der PGA Tour, dem neunten weltweit und dem ersten nach seinem US-Open-Sieg im Juni 2020 rückte der „Mad Scientist“ (verrückter Wissenschaftler) in der Weltrangliste von Rang elf auf Platz sechs vor. Allein diese Zahlen zeigen, dass der manchmal angeführte Vergleich mit der Dominanz von Tiger Woods (noch?) übertrieben ist. An den ersten beiden Tagen geht DeChambeau beim höchstdotierten (15, davon 2,7 Millionen Dollar für die Sieger) und am besten besetzten Turnier der Welt (von den Top 50 der Weltrangliste sind 48 am Start) auf die beiden ersten Runden.

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Der Düsseldorfer Martin Kaymer, der dieses Turnier 2014 gewonnen hatte, ist diesmal bei diesem Treffen der Weltelite nicht mit von der Partie. Der 50 Jahre alte Amerikaner Phil Mickelson dagegen darf mitspielen, obwohl er als Nummer 101 erstmals seit 1993 nicht mehr unter den Top 100 der Weltrangliste geführt wird. Auch der Sieger von 2019, also Titelverteidiger Rory McIlroy, ist zurückgefallen. Erstmals seit drei Jahren wird der 31 Jahre alte Nordire als Elfter nicht mehr unter den Top Ten geführt.

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Während McIlroy zu den „Längsten“ auf der Tour gehört, zählt Webb Simpson, der Sieger von 2018, nicht zu den Longhittern. In der Statistik belegt der amerikanische Weltranglistenzehnte mit einer durchschnittlichen Abschlaglänge von 268 Metern nur Rang 133, knapp dreißig Meter hinter Spitzenreiter DeChambeau (296), ein Beleg, dass auf diesem Platz vor allem Präzision zählt. „Ich kann auf diesem Platz nicht einfach draufprügeln. Länge ist nur auf wenigen Löchern ein Vorteil“, sagt DeChambeau, der wohl nicht mehr als sechs Mal pro Runde zum Driver greifen wird. Deshalb ist der Muskelprotz auch nur einer von vielen Favoriten.

Vor einem Jahr war dieses Flaggschiff-Turnier der PGA Tour an deren Hauptquartier wegen der Corona-Pandemie nach der ersten Runde abgebrochen worden, zum Leidwesen des Japaners Hideki Matsuyama, der damals mit 63 Schlägen den Platzrekord eingestellt hatte. Diesmal dürfen wie schon in der Vorwoche eine begrenzte Zahl von Fans das Geschehen vor Ort verfolgen. Statt der üblichen 45.000 werden nur 10.000 Tickets pro Tag verkauft. Offiziell müssen die Zuschauer zwar Masken tragen und einen Mindestabstand von sechs Fuß (rund 1,80 Meter) einhalten, aber in der Vorwoche, als erstmals 6000 Fans zuschauen durften, hielt sich kaum einer daran. Vor allem dann nicht, als die gewaltigen Abschläge von DeChambeau frenetisch bejubelt wurden.

Quelle: F.A.Z.
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