Werbedeals in Millionenhöhe

Die überraschende College-Revolution

Von Jürgen Kalwa, New York
16.07.2021
, 08:51
Erfolgreiche Social-Media-Präsenz: Turnerin Olivia Dunne, hier 2018
Keine Amateure mehr: Lange durften sich College-Athleten in den Vereinigten Staaten nicht selbst vermarkten, eine neue Regel ermöglicht das nun. Für manche bedeutet das das große Geld – für andere nicht.
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Er ist knapp zwei Meter groß, bringt 140 Kilogramm auf die Waage und erfüllt damit die wichtigsten Voraussetzungen, um in Amerikas populärster Sportart als Offensive Lineman seinen Mann zu stehen. Doch Nouredin Nouili bringt noch etwas mehr mit. Und das reicht aktuell für einen Platz im Kader der Footballmannschaft der University of Nebraska. Die Leistungsprognose des 20-Jährigen ist bestens. „Er wird ein richtig guter Spieler“, glaubt sein Coach Greg Austin.

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Solch ein Leben ist nicht gerade billig. Weshalb der gebürtige Frankfurter, der vor seinem Wechsel in die Vereinigten Staaten bei den KIT SC Engineers in Karlsruhe gespielt hatte und als sogenannter „Walk-on“ kein Stipendium erhält, Ende des letzten Monats auf seiner Facebook-Seite einen Appell an seine deutschen Anhänger richtete. Der Hintergrund: eine für den amerikanischen College-Sport revolutionäre neue Regel, die den Amateurstatus aufhebt. „Damit haben wir die Chance, Geld zu bekommen durch verschiedene Produkte, die wir vermarkten wollen“, schrieb Nouili. „Also wenn ihr jemanden kennt, der gerne seine Firma größer rausbringen will ... Lasst es mich wissen!“

Marktwert im siebenstelligen Bereich

Doch die Hoffnung auf Einnahmequellen aus der Heimat zerplatzte schnell. Nur kurz darauf fand Nouili heraus, dass für ihn aufgrund seines Studentenvisums in den Vereinigten Staaten noch ganz andere Gesetze gelten. Sein Aufenthaltsrecht schließt nämlich keine Arbeitserlaubnis ein. „Als ich das herausgefunden habe, war ich natürlich frustriert“, sagte er der Lokalzeitung, dem Lincoln Journal Star. „Als Sportler aus dem Ausland könnte ich besonders hier in Nebraska eine ordentliche Summe Geld verdienen.“ Denn das Team ist die größte sportliche Attraktion in dem footballbegeisterten Bundesstaat. Es füllt bei Heimspielen das Memorial Stadium auf dem Universitätsgelände mit 85.000 Zuschauern.

Schon in den ersten Tagen, nachdem die alten Amateurregeln aufgehoben waren, gaben eine Reihe von Sportlern bekannt, welche Firmen und Produkte sie in Zukunft vermarkten werden. Über die ganz großen Geschäftsabschlüsse gibt es allerdings derzeit nur Spekulationen. Wie etwa über das, was die Turnerin Olivia Dunne von der Louisiana State University auf die Beine stellen wird. Sie hat Millionen von Fans in den sozialen Medien, die ihre TikTok-Videos und Instagram-Fotos abonniert haben. Ihr Marktwert schoss mit der Regeländerung vom 1. Juli in den siebenstelligen Bereich.

Neue Chancen: künftige College-Footballer, hier Ronnie Harrison (links) und Artavis Scott 2016, dürfen eigene Einnahmen erzielen.
Neue Chancen: künftige College-Footballer, hier Ronnie Harrison (links) und Artavis Scott 2016, dürfen eigene Einnahmen erzielen. Bild: AP

Dass die National Collegiate Athletic Association (NCAA), die den sportlichen Wettbewerb zwischen den amerikanischen Hochschulen organisiert und mithilfe von Fernsehlizenz- und Werbeverträgen zu einer Geldmaschine ausgebaut hatte, die jedes Jahr Milliarden von Dollar einspielt und an die Universitäten ausschüttet, zu diesem Schritt bereit war, überraschte viele Beobachter.

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Denn jahrelang hatte die Institution in teuren gerichtlichen Auseinandersetzungen ihren hundert Jahre alten Grundsatz zu verteidigen versucht. Danach sei Collegesport nur so lange überlebensfähig und ein Magnet für ein Millionenpublikum, wie die Aktiven als lupenreine Amateure gegeneinander antreten. Alle Einnahmen könnten deshalb nur an die Bildungseinrichtungen gehen, selbst die für die Vermarktungsrechte der Sportler an ihrem eigenen Namen.

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In derselben Zeit explodierten kurioserweise die Gehälter für die Trainer in den populärsten Sportarten. Die aktuelle Hitparade wird von Nick Saban angeführt, dem Football-Coach der Universität von Alabama. Sein Salär liegt bei 9,1 Millionen Dollar im Jahr. Und natürlich durfte er schon immer seinen Namen daneben noch auf lukrative Weise versilbern.

Anklagen wegen Bestechung und Geldwäsche

Andere profitierten ebenfalls, wenn auch auf illegale Weise. Ein typisches Beispiel deckte die Bundesstaatsanwaltschaft in New York 2017 auf, als sie Anklagen wegen Bestechung und Geldwäsche erhob. Das System hatte im Laufe der Jahre ein Geflecht hervorgebracht, in dem Sportausrüsterfirmen den Universitäten im Rahmen von Sponsorenverträgen enorme Summen überweisen, gleichzeitig unter dem Tisch Trainer sowie hochbegabte junge Athleten und deren Familien dafür bezahlen, dass sie sich an die betreffenden Bildungseinrichtungen binden.

Solche Praktiken wird es in Zukunft nicht mehr geben. Und das gleich aus zwei Gründen. So hatte der Oberste Gerichtshof in Washington erst im Juni in einer einmütigen Präzedenzentscheidung im Streit zwischen der NCAA und Shawne Alston und anderen ehemaligen College-Athleten klargemacht, dass die NCAA dem amerikanischen Kartellrecht unterliegt und sich mit ihrem Amateurdiktat wettbewerbswidrig verhält. Mindestens ebenso wichtig, so sagt Marc Edelman, Jura-Professor an der City University in New York, war ein Gesetz, das 2019 in Kalifornien beschlossen wurde und in diesem Bundesstaat den Studenten ausdrücklich das Recht zugestand, sich selbst zu vermarkten: „Das hat auf die Hochschulen, die in der NCAA zusammengeschlossen sind, erheblichen Druck ausgeübt.“

Denn auf einmal grassierte die Sorge in anderen Teilen der Vereinigen Staaten, dass man für den profitablen Sportbetrieb nicht mehr die talentiertesten Athleten anlocken kann, weil die in Kalifornien die Chance auf zusätzliche Einnahmen nutzen. „Die Entscheidung des Supreme Court hat zusätzlich der NCAA Zügel angelegt. Denn das Gericht machte klar, dass die NCAA, sollte sie gegen Universitäten in Kalifornien vorgehen, mit dem Sherman Act in Konflikt gerät.“ Mit jenem Gesetz, das seit einem Jahrhundert Monopole und Kartelle verbietet. Die kalifornische Initiative hatte zwischendurch in zahlreichen anderen Bundesstaaten die Gesetzgeber zu ähnlichen Reformen inspiriert. Zusätzlich wurde im letzten September im Kongress in Washington ein Entwurf eingebracht, der die Praxis landesweit vereinheitlichen soll.

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„Das ist mittlerweile gar nicht mehr nötig“, sagt Edelman, der die ersten beiden Wochen der neuen Ära mit den Worten beschrieb: „Nichts von dem Schrecklichen, wovor die NCAA gewarnt hat, ist eingetreten. Hat die NCAA nicht behauptet, davon würden nur männliche Elite-Athleten profitieren und nicht die weiblichen? Einige der größten Deals haben weibliche Athleten abgeschlossen. Die NCAA behauptete, dass College-Athleten anfangen würden, für Produkte zu werben, die ihr Bildungsanliegen torpedieren. Die Realität sind Abschlüsse mit Telefongesellschaften und Unternehmen wie Unilever, also dem gleichen Typ von Unternehmen, mit dem die NCAA Geschäfte gemacht hat.“

Nur für zwei Problemgruppen bedeuten die Veränderungen keine Hilfe. Die Delinquenten aus dem Bestechungskomplott von 2017, die nach heutigem Verständnis vermutlich gar nicht erst belangt worden wären, haben aufgrund der neuen Lage keine Aussichten auf Erfolg in einem Berufungsverfahren. Und ausländische Studenten wie der Footballspieler Nouili gehen bis auf Weiteres leer aus.

Quelle: F.A.Z.
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