Comeback von Henning Fritz

„Er lacht immer, das mag ich“

Von Frank Heike
02.06.2021
, 06:13
Senioren-Torwart Henning Fritz: „Ich habe nicht alles verlernt, was ich 25 Jahre gemacht habe.“
Mit 46 Jahren kehrt Henning Fritz überraschend noch einmal ins Handball-Tor zurück. Der Weltmeister von 2007 hilft der SG Flensburg-Handewitt – und brennt auf seinen Einsatz.
ANZEIGE

Das Haar ist licht, die Schultern sind schmaler – aber ein paar Bälle hat Henning Fritz im Training schon noch abgewehrt. Und der bekannte Humor ist auch geblieben: „Das Erwärmungsfußballspiel habe ich gut überstanden. Dann haben die Jungs mich unterstützt, indem sie mich ein paar Mal getroffen haben.“

3 Monate F+ für nur 3 €

Zum Geburtstag von F+ lesen Sie alle Artikel auf FAZ.NET für nur 3 Euro im Monat.

JETZT F+ LESEN

Die Stimmung in der Duburghalle im Norden der Stadt soll prächtig gewesen sein, als dort vergangenen Samstag Henning Fritz auflief, 46 Jahre alt. „Er lacht immer, das mag ich“, sagt Torbjörn Bergerud, 20 Jahre jünger und derjenige, den Fritz unterstützen soll: Nachdem beim ersten Torwart der SG Flensburg-Handewitt, Benjamin Buric, vor zehn Tagen ein Muskel im Oberschenkel angerissen war, fahndete die SG nach Ersatz. Felix Backhaus aus der A-Jugend wollte man nicht zumuten, Bergeruds Vertreter im Titelrennen mit Tabellenführer THW Kiel zu sein.

ANZEIGE

Als sich in Skandinavien niemand fand, kam Flensburg über die familiäre Bande an diese spektakuläre Verpflichtung: Henning Fritz‘ Frau und Maik Machullas Gattin sind Schwestern. So trainiert der SG-Coach jetzt für ein paar Wochen seinen Schwager. Fritz und Machulla sind seit Jahren Freunde; sie spielten zusammen beim SC Magdeburg.

„Das glaubt uns kein Mensch“

„Als Maik anrief, musste ich nicht lange überlegen“, sagt Fritz, „ich stelle hier keinen Anspruch auf Spielanteile, sondern will Torbjörn und Felix mit Rat und Tat zur Seite stehen.“ Es ist jedoch wahrscheinlich, dass Fritz ein paar Minuten auftreten wird bis zum Saisonende am 27. Juni – vielleicht schon an diesem Mittwoch, wenn das reizvolle Duell mit seinem früheren Klub aus Sachsen-Anhalts Hauptstadt ansteht.

ANZEIGE

Weltmeister 2007: Darum drehte sich fast alles in der Karriere des Henning Fritz. Als Stammtorwart der DHB-Auswahl spielte er ein starkes Heimturnier, bis er sich im Finale gegen Polen verletzte und Johannes Bitter kam. Unvergessen seine Sätze im Dokumentarfilm „Wintermärchen“, als er kurz nach Abpfiff fast erschrocken in die Kamera sagt: „Wir sind Weltmeister, das glaubt uns kein Mensch.“

„Er lacht immer, das mag ich“, sagt Stammtorwart Torbjörn Bergerud (rechts) über seinen Backup Fritz.
„Er lacht immer, das mag ich“, sagt Stammtorwart Torbjörn Bergerud (rechts) über seinen Backup Fritz. Bild: dpa

Vor allem für ihn war das unglaublich, denn beim THW Kiel setzte Trainer Noka Serdarusic von 2006 an auf Thierry Omeyer. Fritz saß auf der Bank und hatte mit einem chronischen Erschöpfungssyndrom zu kämpfen, hervorgerufen durch die vielen Reisen. Aus dem eigenen Leid, dem Umgang damit und der Heilung hat Fritz inzwischen ein Unternehmen gemacht, das sich mit verbesserter Regeneration befasst. Auch als Buchautor zum Thema (und zum Torwartspiel), Motivationstrainer sowie als Fachmann bei „Sky“ ist er nach seiner aktiven Karriere aufgetreten, die 2012 im Trikot der Rhein-Neckar Löwen endete. Im Kraichgau lebt die Familie seitdem.

ANZEIGE

Sein vorerst letztes Spiel als TV-Experte absolvierte Fritz kurioserweise vor einer Woche beim 29:29 der SG gegen die Löwen. Am nächsten Tag verkündete Flensburg stolz die Verpflichtung eines Weltmeisters. Und eine Hotel-Nacht später übte Fritz schon erstmals mit den neuen Kollegen. „Es ist nicht so einfach, jemanden für acht Spiele zu bekommen, der frei und fit ist“, sagt Machulla. „Mit seiner Erfahrung und der nötigen Ruhe hilft er uns enorm.“ Flensburg versucht alles, um Kiel einzuholen – das war das Signal. Der THW selbst hat in dieser Saison mehrmals auf die Dienste des 43 Jahre alten Torwarttrainers Mattias Andersson zurückgreifen müssen.

Henning Fritz brennt derweil auf seinen Einsatz: „Ich bin nicht als Torwarttrainer oder Berater hergekommen, sondern will auf der Platte mithelfen. Ich habe zwar das letzte Mal 2012 auf diesem Level gespielt und das Altstar-Spiel ist auch ein Jahr her, aber ich habe nicht alles verlernt, was ich 25 Jahre gemacht habe.“ Und mit dem bekannt verschmitzten Grinsen lässt er einen Satz folgen, der ihn direkt ins Herz der SG-Fans transportiert: „Es wäre ein Traum, dem THW noch den Titel wegzuschnappen.“

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot
ANZEIGE