Die Zukunft des Basketballs

Großer Wurf – oder nichts?

Von Anno Hecker
27.04.2020
, 07:05
Weggehen oder angreifen? Crunchtime in der Basketball-Bundesliga
Die Basketball-Bundesliga steht vor der Entscheidung zwischen Spielen in Quarantäne und Abbruch der Saison. Ist das eine Chance für den Sport oder eine riskante Partie?
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Crunchtime im Basketball. Das ist die Phase wenige Minuten vor Ablauf der Spielzeit. Nichts ist entschieden, aber die Zeit drängt, die Hektik wächst, die Spannung steigt bis zum Bersten. Ein Fehler könnte der letzte sein. Es geht um alles oder nichts. An diesem Montag soll das so sein. Weitab vom Spielfeld, wenn sich die Klubs der Basketball-Bundesliga (BBL) mit Präsidium und Geschäftsführung des Verbandes zum virtuellen Match „treffen“, zu einer brisanten Schaltkonferenz. Es geht, je nach Perspektive, um die nahe Zukunft oder grundsätzlich um das Überleben des deutschen Spitzenbasketballs in Zeiten der Pandemie. Die Saison sofort absagen, sie regulär fortsetzen wollen oder eine verkürzte Version an bis zu drei Spielorten bieten? Die Lage ist prekär. In einem Brief der BBL wurden die Klubs an die übliche Verschwiegenheitsklausel erinnert. Diesmal will die Ligaführung im Fall eines Verstoßes durchgreifen. Die Strafe könnte bis zu 50.000 Euro betragen.

Der Verweis auf Selbstverständliches deutet an, wie heikel die Situation ist. Nachdem der Deutsche Eishockey-Bund, die Volleyball-Liga und zuletzt auch der Deutsche Handballbund die jeweilige Saison für beendet erklärt haben, gibt es im Basketball eine starke Strömung gegen diesen Trend. Ob sie ausreicht, ein Sondermodell auf die Beine zu stellen und die Politik davon zu überzeugen? Das soll im ersten Schritt am Montag geklärt werden. Sicher ist nur, dass sich einige Vereine nicht kampflos der Pandemie ergeben wollen und wie der Fußball, aber auch der Verband „Deutscher Galopp“, smarte Lösungen erarbeiten für Spitzensport ohne Zuschauer.

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Andere Sportarten haben Vorteil

Der Dachverband für Vollblutzucht und Rennen strebt die Aufnahme seiner „Leistungsprüfungen“ zum 1. Mai an und hat längst ein umfassendes Hygienekonzept vorbereitet. Die Deutsche Fußball-Liga ist laut eigener Darstellung bereit, zum 9. Mai sogenannte Geisterspiele auszutragen, falls die Ministerpräsidenten zusammen mit Kanzlerin Angela Merkel am kommenden Donnerstag zustimmen sollten. Beide haben gegenüber dem Basketball einen auf den ersten Blick wesentlichen Vorteil: Sie werden unter freiem Himmel Sport treiben. Die unter Zockern beliebte Freiplatzvariante ist in der BBL nicht vorgesehen. Das Hygienekonzept müsste deshalb über das des Fußballs hinausgehen. Ohne ein Quarantäne-Modell, also einer Kasernierung der Mannschaften im Spielbetrieb, wird die Liga kaum antreten können, will sie die Zustimmung der Politik gewinnen. Obwohl sich bei einem Bundesligamatch kaum hundert Menschen in einer Halle verlieren würden, die sonst Tausenden Platz bietet. Deshalb gibt es Pläne, die Saison an drei oder auch nur an einem Ort zu Ende zu spielen. Mit allen Teams oder mit der Hälfte in einer Play-off-Runde.

Weder Liga-Führung noch die interessierten Vereine wollten vor der Konferenz am Montag konkret Stellung nehmen. BBL-Geschäftsführer Stefan Holz tritt für die Fortsetzung ein. Auch die Ligagrößen Bayern München und Alba Berlin sind daran interessiert, Frankfurt ebenfalls. Bamberg und Bayreuth fordern seit Wochen den Abbruch der Saison.

„Es kann sein, dass uns ein Saisonabbruch viel mehr weh tut als Spiele ohne Publikum“, sagte Michael Koch, Europameister von 1993 und Geschäftsführer der Gießen 46ers. Die Motive der Gegner sind nicht alle durchsichtig. Manche drückte die Sorge, mit Spielen ohne Zuschauer die Kosten in die Höhe zu treiben, ohne dass zahlendes Publikum und lokale Sponsoren signifikant zu den Einnahmen beitragen. Es mag auch sein, dass der drohende Abstieg zögern lässt oder Mäzene die Krise dazu nutzen wollen, die Nabelschnur zu kappen. Gunnar Wöbke, der geschäftsführende Gesellschafter der Fraport Skyliners Frankfurt, drängt in eine andere Richtung: „Warum sollten wir nicht versuchen, das Beste aus der Krise zu machen? Wir können viel daraus lernen für die Zukunft.“

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Die Pandemie als Chance: Das setzte eine gewisse Risikobereitschaft voraus. Die Vereine müssten Geld in die Hand nehmen, um ein überzeugendes Hygienekonzept finanzieren zu können, geschätzt etwa 150.000 Euro. Wer wagt das, wenn ihm das Wasser schon jetzt bis zum Hals steht? Andererseits wird die Telekom, die mit ihrem Sender Magenta TV Bundesliga-Basketball quasi rund um die Uhr überträgt und von Experten kommentieren lässt, kaum Geld für Spiele zahlen, die nicht stattfinden, so wie der Hauptsponsor easyCredit. Was aber, wenn sich die Liga oder wenigstens ein gehöriger Teil der Teams auf die Herausforderung einließen, statt passiv auf die Freigabe der Politik zu warten? Wöbke denkt an den Mehrwert des analogen Live-Sports in Zeiten des Mangels. Deutscher Basketball könnte ein Gewinn sein für Fernsehsender, die danach lechzen, die Konserven wieder ins Regal zu stellen. Sponsoren tauchten wieder auf, und die Vereine könnten nicht nur auf frische Einnahmen zurückgreifen. Sie machten auch als Erste die Erfahrung, was es bedeutet, Mannschaftssport auf nationalem Spitzenniveau ohne Zuschauer auszutragen. Denn wer garantiert den Verweigerern, die versichern, nur mit Publikum über die Runden kommen zu können, im Herbst wieder Zuschauer in die Hallen lassen zu dürfen?

Nach Lage der Dinge wird es Massenveranstaltungen, die eine Bierzeltdichte bieten (Oktoberfest), bis zum Ende des Jahres nicht geben, also auch keine Basketballmatches in vollen Hallen. Vereine, die am Montag strikt gegen jedes Fortsetzungsmodell votierten, würden damit quasi ihren Rückzug auf unbestimmte Zeit erklärten. Sie hätten vorerst keine Zukunft. Auch wenn Sponsoren in diesen Wochen Treue schwören. Neue Verträge wird es nicht geben. Es wird zwar auch schwierig werden, in die Heimat zurückgekehrte Profis zum Spiel in Deutschland zu bitten. Aber wäre das nicht endlich die Gelegenheit, den vielen deutschen Talenten mehr Vertrauen zu schenken und zu prüfen, was sie drauf haben, wenn sie dürfen und müssen?

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Die Crunchtime im Basketball ist so beliebt, weil sie den Blick freigibt auf die großen Charaktere, auf die Typen, die unter dem größten Druck cool bleiben und im allerletzten Moment das Spiel entscheiden. Dafür braucht man vor allem Selbstvertrauen und Mut.

Lernen für die nächste Saison

An diesem Montag wird sich bei der Videokonferenz der Ligaspitze auch zeigen, wie groß die Geschlossenheit im deutschen Profibasketball in Zeiten der Corona-Pandemie ist. „Mir ist wichtig, dass wir uns in der Krise als Einheit präsentieren. Und wenn sich diese Einheit dann so aufteilt, dass die, die spielen wollen, spielen werden und die anderen nicht, dann ist das in Ordnung – solange die Nichtspielenden keinen Nachteil erlangen“, sagte der Gießener Geschäftsführer Philipp Reuner der F.A.Z. Er schätzt, dass etwa die Hälfte der Vereine für Geisterspiele plädieren könnte. „Vieles ist denkbar“, sagt sein Kollege Gunnar Wöbke von den Skyliners, der im Fortführen der Runde eine große Chance für den deutschen Basketball sieht. Es werde aber „weniger darum gehen, zu irgendeiner Abschlusstabelle zu gelangen, weil es zum Beispiel in der kommenden Saison mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit keine europäischen Wettbewerbe geben wird außer vielleicht der Euroleague. Vielmehr geht es darum, in der vorgegebenen Zeit eine möglichst große Anzahl von Spielen durchzuführen, um daraus für die kommende Saison zu lernen in puncto Durchführbarkeit der Spiele unter den notwendigen Auflagen, Vermarktbarkeit für die Sponsoren und Attraktivität der Spiele für die Fernsehzuschauer“, so Wöbke. (die.)

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Hecker, Anno
Anno Hecker
Verantwortlicher Redakteur für Sport.
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