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Spitzensportler mit Kindern

„Ich drehe schon durch“

Aktualisiert am 03.04.2020
 - 12:50
Vedad Ibisevic kickt mit seinem Filius Ismail im Garten. „Durch den Fußball kann ich sonst nicht immer so viel Zeit mit ihnen verbringen.“
Die Leichtathletinnen Christina Schwanitz und Julia Harting haben jeweils Zwillinge – und sind in der Corona-Krise besonders gefordert. Fußballprofis entdecken, wie das so ist mit dem Nachwuchs.

Der tiefe Seufzer von Christina Schwanitz dringt durchs Handy. „Ich drehe schon durch“, sagt die frühere Kugelstoß-Weltmeisterin. Bis man die Zwillingsmutter überhaupt ans Ohr bekommt, dauert es – obwohl sie immer daheim ist. „Sie spielt draußen mit den Kindern, bitte in zehn Minuten nochmal anrufen“, sagt ihr Mann Tomas. Sie dann: „Ich muss jetzt erst mal den Kleinen Essen kochen und sie zum Mittagsschlaf hinlegen. Bitte in einer Stunde nochmal anrufen.“ Es folgt eine Kurznachricht („In zehn Minuten“), dann erzählt Schwanitz. Wie das so ist: Home Training mit voller Kinderbetreuung.

Für viele Leistungssportler etwas ganz Neues. Sie teilen ihr Los in der Corona-Krise mit Millionen Arbeitnehmern, deren Nachwuchs das Homeoffice zur Herausforderung machen kann. So mancher Fußballprofi entdeckt plötzlich, wie das so sein kann den ganzen Tag mit dem Nachwuchs. „Die krabbelt schon ganz anständig und räumt das ganze Haus aus. Da muss man schon immer hinterher sein“, berichtete Schalke-Stürmer Guido Burgstaller über seine Tochter. „So ein Tag ist schon anstrengender als manchmal zwei Mal Training.“

Bei manchen Stars fällt wegen der Kontaktsperre auch das Kindermädchen aus. Die Trainer sitzen ebenfalls viel in den eigenen vier Wänden – und beschäftigen sich ausgiebig mit dem Nachwuchs. Zum Beispiel bei den Hausaufgaben. „Meine Frau und ich teilen uns dabei gut auf. Je nachdem, wer sich bei den entsprechenden Themen am Besten an seine Schulzeit zurück erinnern kann“, berichtet Chefcoach Markus Gisdol vom 1. FC Köln. „Mein Sohn ist in der dritten Klasse, da hat die Lehrerin ausdrücklich gesagt, wir sollen ihn allein machen lassen. Das findet er nicht so toll. Und bei meiner Tochter bin ich völlig überfordert: Die ist jetzt in der elften Klasse. Da bin ich eine größere Hilfe, wenn ich im Büro bleibe.“

Vedad Ibisevic, Stürmer von Hertha BSC und dreifacher Familienvater, kickt mit seinem Filius Ismail im Garten. „Durch den Fußball kann ich sonst nicht immer so viel Zeit mit ihnen verbringen. Natürlich genieße ich das jetzt sehr intensiv“, sagte der ehemalige bosnische Fußball-Nationalspieler. Wohl dem, der einen Garten hat, in dem gekickt werden kann.

Auch der dreimalige Ironman-Weltmeister Jan Frodeno nutzt die Zeit, „um mit meinen Kids abzuhängen und meine Fähigkeiten auf dem Trampolin zu verbessern“. Der 38-Jährige lebt mit seiner Frau und zwei Kindern im spanischen Girona, wo Ausgangssperre herrscht, was er für das spezielle Abenteuer eines Triathlons „at home“ nutzen will.

Kugelstoßerin Schwanitz wohnt auf einem Hof bei Chemnitz. Im Keller hat sie vom Sportforum ausgeliehene Hanteln, aber derzeit ganz andere Herausforderungen und Gewichte zu stemmen – „zwischen 14,5 und 16,5 Kilo schwer“: ihre beiden zweieinhalb Jahre alten Zwillinge, Junge und Mädchen, deren Kita natürlich geschlossen ist. Schwanitz liebt ihre „Krümel“ über alles, aber die 34-Jährige aus dem Erzgebirge bekennt in ihrer schnodderigen Art: „Im Moment beneide ich alle, die keine Kinder haben.“

Auch Diskuswerferin Julia Harting hat – zusammen mit ihrem Ehemann, dem Diskus-Olympiasieger Robert Harting - Zwillinge. Gerade mal zehn Monate alt. Die 30 Jahre alte EM-Zweite von 2016 arbeitet an ihrem Comeback, soweit es die Umstände zulassen. „Ohne Hilfe ist es im Moment ganz schön schwer. Wir gehen ein-, zweimal am Tag spazieren. Am Weißenseer See ist es ja sehr schön“, sagt die Berlinerin. „Zum Glück sind wir zu zweit. Die Zwillinge sind wirklich super süße liebe Babys.“ Nur zur Zeit schlafen beide schlecht. „Sie haben gerade Zähne bekommen und wurden geimpft. Da müssen wir eben durch. Wir sehen das sportlich - außer, wenn sie sich zwischen drei und vier Uhr nachts melden.“

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Harting trainiert acht- bis zehnmal in der Woche im Sportforum, das für Olympia-Kandidaten weiter geöffnet ist. Auf die Doppelbelastung mit Kindern und Leistungssport hat sie sich eingestellt: „Ich wollte das so, und ich habe mich so entschieden! Und Robert und ich wussten ja, dass Babys nachts nicht zwölf Stunden schlafen.“

„Bitte, lass das!“

Voll ins Training einsteigen, das schafft Schwanitz „körperlich gerade gar nicht“. Die WM-Dritte des vergangenen Jahres muss und will auch noch ihrem Ehemann im Homeoffice den Rücken frei halten. „Ich bespaße den ganzen Tag die Kinder, damit er in Ruhe arbeiten kann“, sagt die deutsche „Sportlerin des Jahres“ von 2015, dem Jahr, in dem sie Weltmeisterin wurde „Es ist schon etwas seltsam: Auf der einen Seite heißt es in Deutschland: Macht Kinder! Dann hat man Kinder und stellt sich in der jetzigen Situation die Frage: Wie soll man sich, wenn man konzentriert zuhause arbeiten soll, um die Kinder kümmern?“

Einen Kugelstoßring hat Schwanitz übrigens nicht auf dem Hof, aber: „Fehlende Bewegung ist im Moment nicht mein Problem.“ Nur mit dem Ermahnen kommt sie manchmal bei ihren kleinen Rackern nicht hinterher. „Wenn sie älter wären und lesen könnten, würde ich mir ein Pappschild wünschen: Bitte, lass das!“

Quelle: ad./dpa
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