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Tränen bei Simone Biles

Ein Flug-Genie am Boden

Von Evi Simeoni
Aktualisiert am 07.04.2020
 - 08:02
Die Luft ist ihr Zuhause: Simone Biles will ihr großes Ziel, die Olympischen Spiele in Tokio, nicht aufgeben.
Turnstar Simone Biles wollte nach den Spielen von Tokio die Karriere triumphal beenden. Nun ist der Countdown angehalten, und vor der Amerikanerin liegt ein weiteres hartes Jahr.

Simone Biles kann abheben wie eine personifizierte Explosion. Beim Anblick ihrer ungeheuren Sprünge kann man sich eigentlich nur die Augen reiben. Wie ist das möglich? Ein kleiner, kompakter Körper, der wie aus Sprungfedern zusammengeschweißt zu sein scheint und permanent der Schwerkraft davonschnellt. Wie ein Über-Menschlein kann sie Salti und Schrauben kombinieren in einer Weise, die ihr niemand auf dieser ganzen Welt nachmachen kann. Der Turnerin, die seit ein paar Jahren in ihrer Mission als Medaillen- und Titelsammlerin rund um den Erdball unterwegs ist, schien bis gerade eben die Sportwelt nicht nur zu Füßen zu liegen, sondern tief unter ihrer Flugbahn.

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Bei den Olympischen Spielen, die für diesen Sommer geplant waren, schienen mindestens fünf Goldmedaillen für ihren Triumphzug bereitzuliegen. Tokio war schon dabei, die Bühne zu bereiten für Simone Biles, sie sollte den Sommerspielen 2020 ihren Stempel aufdrücken. Und jetzt?

Simone Biles hütet jetzt ihr Zuhause in Montgomery County, Texas. Sie spielt mit ihrer französischen Bulldogge Lilo, versucht, ein Weilchen vor dem Fernseher stillzuhalten und eine Serie zu schauen, doch gleich schnellt sie wieder hoch auf ihre muskelbepackten Beine und fängt an zu putzen. „Ich sage meinen Freunden, ich weiß wirklich nicht, was ich machen soll, weil ich noch nie nichts gemacht habe“, sagte sie in einem von mehreren Interviews, die sie nach der Olympia-Verschiebung und ein paar Tagen Bedenkzeit vergangene Woche amerikanischen Medien gab. „Jetzt müssen wir buchstäblich zu Hause sitzen. Ich weiß nicht wirklich, wer ich als Person bin neben meiner Identität als Athletin.“ Das muss sie jetzt lernen.

Simone Biles hält sich zu Hause nach der Anleitung ihrer Trainer Cecile und Laurent Landi fit, mit denen sie über Textnachrichten und Facetime verbunden ist. Sie macht Reha-Training, was bei einer Turnerin eigentlich permanent sinnvoll ist, tanzt wild zu Videos auf Youtube und versucht, die innere Balance nicht zu verlieren, jetzt, da der Countdown bis Tokio plötzlich angehalten wurde. Danach wollte sie ihre Karriere beenden. Sie freute sich auf die Zeit danach, wenn die jahrelange Spannung von ihr abfallen, ihr Körper sich ausruhen und sie ein neues, fröhliches Leben beginnen würde. Doch dann kam die Corona-Krise, das Leben winkte ab. Nicht vier, nein, noch einmal fünfzehn Monate würde sie sich quälen müssen für ihr großes Ziel. Ihr stockte der Atem. Doch nach ein paar Tagen wurde ihr klar, dass sie ihre Karriere so nicht beenden wollte. „Ich bin so weit gekommen. Ich kann jetzt nicht aufgeben. Ich habe zu hart gearbeitet, um das jetzt alles wegzugeben.“ Es ist zu erwarten, dass sie weitermacht.

Als sie am 24. März, damals noch in der Trainingshalle, von der Verschiebung der Olympischen Spiele auf das Jahr 2021 hörte, traten Simone Biles Tränen in die Augen. Sie habe nicht gewusst, was sie fühlen solle, sagte sie. Sie schaute auf die vielen Trainingsjahre zurück, die eigentlich bald hätten zu Ende gehen sollen, und alles war plötzlich anders. Sie ist jetzt 23 Jahre alt. Vor 15 Jahren, als sie acht war, erkannte die amerikanische Spitzentrainerin Aymee Boorman das Talent des quirligen Mädchens und baute es systematisch zur Spitzenturnerin auf. Ihre Muskulatur, ihre Sprungkraft waren vielversprechend. Doch es gab erhebliche Defizite: nach innen gedrehte Füße und krumme Knie.

Daran wurde professionell gearbeitet, die Stunden und Strapazen, die das gekostet hat, sind nur schwer vorstellbar. 2013, mit sechzehn Jahren, gewann Simone Biles ihre ersten beiden Weltmeistertitel. 2016, bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro, holte sie vier Goldmedaillen. Im vergangenen Jahr, bei der WM in Stuttgart, stockte sie ihre Sammlung an WM-Medaillen bis auf 25 auf und setzte zwei neue, nach ihr benannte Elemente im Bodenturnen und am Schwebebalken noch obendrauf. Man sah sie dort lachen und herumalbern, sie gab sich spielerisch und federleicht. Aber im Turnen ist das wie bei vielen Unterhaltungsprofis: Man sieht nur ihre Zirkusgesichter.

Die physischen Anforderungen in diesem Sport sind unerbittlich. Wer nicht permanent im Hamsterrad bleibt, kann weit zurückgeworfen werden. Wie beschwerlich der Weg zurück nach einer Verletzung ist, weiß so gut wie jeder Turner. Und doch ist es Simone Biles schon einmal gelungen, nach einer Auszeit in erstaunlicher Geschwindigkeit wieder fit für den Wettkampf zu werden. Nach mehr als einem Jahr Pause, das sie sich im Anschluss an die Spiele von Rio gegönnt hatte, zeigte sich das ganze Ausmaß ihres Mega-Talents: Schon nach drei Monaten beherrschte sie ihre schwersten Elemente wieder. „In körperlicher Hinsicht habe ich keinen Zweifel, dass meine Trainer mich wieder in Form bringen werden“, sagte sie vergangene Woche. „Aber mental werde ich dem zusätzlichen Jahr Tribut zollen müssen.“ Sie sei ja schon auf dem Weg gewesen, den Tank bis Tokio vollends leer zu fahren.

Ein Jahr mehr – das bedeutet, dass Simone Biles sich auch länger als gedacht mit dem amerikanischen Turnverband arrangieren muss, zu dessen schärfsten Kritikern sie gehört. Sie macht schon lange kein Geheimnis mehr daraus, dass sie zu den Opfern des Arztes Larry Nassar gehört, der jahrelang Turnerinnen sexuell missbrauchte, ohne dass die Verantwortlichen gegen ihn vorgegangen wären. Um eine gerichtliche Auseinandersetzung um Schadenersatz zu regeln, hat der Verband Insolvenz angemeldet. Als „USA Gymnastics“ ihr am 14. März zum 23. Geburtstag gratulierte mit den Worten „du wirst uns weiter erstaunen und Geschichte schreiben“, ließ Simone Biles noch einmal ihren ganzen Frust heraus und antwortete: „Wie wäre es, wenn ihr mich erstaunt und das Richtige macht – eine unabhängige Untersuchung?“

Am vergangenen Wochenende wäre Simone Biles ursprünglich beim Weltcup in Tokio am Start gewesen. Stattdessen kurvte sie am Haus ihre Eltern vorbei und holte sich ihren Anteil am Abendessen, das ihre Mutter Nellie gekocht hatte, vom Straßenrand. Das Familiendinner ist eigentlich eine feste Einrichtung bei den Biles’. Aber zurzeit nicht möglich. Die aktuell beste Turnerin der Welt kann zwar springen wie ein Korken aus der Champagnerflasche. Aber auch ihr Radius ist geschrumpft, und sie muss sich sammeln, um Herrin ihrer Lage zu bleiben. „Wir wissen nicht, wie lange das dauern wird“, sagte sie. „Wir müssen einen Tag nach dem anderen leben. Ich habe das Gefühl, so war es immer: Man kontrolliert, was man kontrollieren kann. Was sonst kann man tun?“

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Simeoni, Evi
Evi Simeoni
Sportredakteurin.
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