Dartmeister

Phil Taylor und seine fliegenden Freunde

Von Daniel Meuren
19.06.2013
, 10:21
Phil Taylor ist der Großmeister des Darts. Zu seinen Wurfgeräten pflegt er nur während der Wettkämpfe eine innige Beziehung. Danach will er sie nicht mehr sehen.

Tok. Tok. Tok. Dreimal bohrt sich die Spitze der Darts in die anvisierten Felder: Dreifach-20, Dreifach-20, Dreifach-20. 180 Punkte, Maximalpunktzahl für eine Aufnahme im Darts. Während Phil Taylor an der Trainings-Dart-Scheibe über seine Beziehung zu seinen Pfeilen plaudert, wirft er entspannt im Drei-Sekunden-Rhythmus einen Pfeil nach dem anderen. Scheinbar ohne Konzentration, ganz beiläufig gelingt ihm, wovon der ambitionierte Hobbyspieler träumt.

Nach den drei Würfen einer Aufnahme zieht der 52 Jahre alte Rekordweltmeister die Pfeile wieder aus den Sisalfasern, aus denen Dartbretter hergestellt werden. Tok, tok, tok. Jetzt sind es ausnahmsweise nur 83 Punkte. So kann die Legende des Darts nicht die Kurzvorführung für den Fotografen beenden. Also noch eine Runde. Tok, tok, tok. 180. Passt. Taylor steckt seine Sportgeräte in die Brusttasche seines Hemdes, das seinen Oberkörper angesichts der stolzen Leibesfülle wie ein Zelt überspannt. Und dann trinkt der Engländer einen Schluck Tee und erzählt über sein Leben mit den Pfeilen, den ewigen Kampf gegen die 501 Punkte, die er pro Spiel schneller herunterspielen muss als sein Gegner.

Sechzehnmal Weltmeister

“Die Darts sind für mich Mittel zum Zweck des sportlichen Erfolgs, mehr nicht. Ich hänge nicht an ihnen, ich nehme sie auch nicht mit ins Bett. Ich gebe ihnen keine Namen. Ich brauche eine Distanz zu ihnen, damit ich ganz nüchtern mit ihnen arbeiten kann und im Zweifel auch Verbesserungen vornehmen kann.“

Phänomenale sechzehnmal ist Taylor, Szene-Künstlername „The Power“, mit dieser akribischen und leidenschaftslosen Beziehung zu seinen Pfeilen seit 1990 Weltmeister geworden. Er hegt seine drei Mitspieler nicht, er pflegt sie auch nicht, da sein Ausrüster Unicorn nach jedem Turniertag ein neues seiner im Handel fast 100 Euro teuren Sets zur Verfügung stellt, „weil der Grip an den Griffflächen sich schon nach einem Spiel verändert“.

Eine Box, in der jeder Hobbyspieler seine Darts wie einen kleinen Schatz liebevoll bettet und ihnen ein komfortables und geschütztes Nest bietet, hat der Engländer nur seines Sponsors zuliebe, damit der Firmenname beim Einmarsch zum Snap-Song „The Power“ besser zu lesen ist. Und selbst wenn die Darts für ihn zu größten Triumphen fliegen, werden sie umgehend aussortiert.

Zusammenarbeit mit Ballistiker

Die Sportgeräte bestehen aus einer Nickel-Wolfram-Legierung an Spitze und Grifffläche, einem Kunststoffschaft und den daran befestigten Flügeln für die nötigen Flugeigenschaften. Sie sind zumindest bei Phil Taylor das Ergebnis jahrzehntelangen Feintunings. Taylor arbeitet mit einem Ballistiker, der vor seiner Pensionierung fürs britische Militär bei der Konstruktion von Raketen mitgewirkt hat. Er untersucht die Pfeile und arbeitet an der Gewichtsverteilung und auch den an Bauteilen des Darts, nur das Gewicht ist bei Taylor mit 26 Gramm (gestattet sind bis zu 50 Gramm) bislang immer gleich.

Derzeit erwägt er aber, bei seinem Fachmann für die Detailarbeit drei Darts mit unterschiedlichem Gewicht und Volumen in Auftrag zu geben, was die Spielregeln zulassen würden, aber eine Revolution im Darts bedeuten würde. Der erste Pfeil könnte dann wie bisher 26 Gramm wiegen, der zweite wäre mit 25 Gramm etwas kleiner. Hinzu käme ein Exemplar mit 24 Gramm. Die kleineren Pfeile würden etwas weniger Platz im Dreifach-20-Feld benötigen und somit nach Taylors Rechnung noch häufigere Maximal-Würfe ermöglichen.

Sosehr der Ballistiker auch experimentiert und rechnet und Schwerpunkte verlagert, um Taylors Wurf auf die im Mittelpunkt 1,73 Meter hoch hängende und 2,37 Meter entfernte Darts-Scheibe zu perfektionieren: den Härtetest muss ein potentieller neuer Dart in den Händen von Taylor bestehen. So hält es der 52 Jahre alte Superstar des auf den Britischen Inseln, aber auch in Deutschland mehr und mehr auch als hochdotierter Profisport beliebten Kneipenspiels schon immer.

Wenn Taylor, der sich zuletzt am Neujahrstag nach zwei Jahren Pause mal wieder den Weltmeistertitel zurückerobert hat, seine Suche nach dem perfekten Pfeil beschreibt, dann verwendet er immer wieder das Wort „Dedication“, Hingabe.

“Du musst mit totaler Hingabe an deinem Spiel arbeiten. Du musst immer weiter vorangehen wollen, immer besser werden wollen, auch beim Material. Ich habe zu Beginn meiner Karriere mindestens 30 verschiedene Darts ausprobiert, bis ich irgendwann welche gefunden hatte, die zu mir passen. Das dauerte sicher drei oder vier Jahre, aber eigentlich endet diese Suche nie. Zusammen mit meinem Ausrüster arbeite ich ständig daran, die Pfeile weiter zu verbessern. 99 Prozent mögen perfekt sein, aber ein Prozent sind immer zu verbessern. Perfekt wird das aber nie sein, da auch ich mich wiederum verändere. Meine Wurftechnik verändert sich vielleicht nur minimal, oder das Auge wird schlechter und beeinflusst die Hand-Auge-Koordination. Dann muss der Dart das vielleicht ausgleichen. Und ganz abgesehen davon, halten mich neue Darts auch frisch im Kopf, das hält die Spannung hoch.“

Kurz vor der jüngsten Weltmeisterschaft, einem zweiwöchigen Turniermarathon mit sieben, oft stundenlangen Duellen mit den besten Gegnern der Welt, hat der durch seinen Sport zum vielfachen Millionär avancierte Taylor zu einem Zeitpunkt seine Darts gewechselt, an dem wohl keiner seiner härtesten Konkurrenten den Mut zu solch einer gravierenden Veränderung gehabt hätte.

Versteigerungen für wohltätige Zwecke

Während Taylor meist mindestens einmal im Jahr seine Pfeile wechselt, halten die meisten anderen Profispieler oft viele Jahre an ihren liebgewonnenen Darts fest. Geringste Veränderungen würden ihn zu sehr verunsichern, sagt beispielsweise Adrian Lewis, der wie Taylor aus Stoke-on-Trent kommt und 2011 sowie 2012 Weltmeister wurde. Immer sei bei der nächsten Niederlage im Hinterkopf, ob es eben an den neuen Pfeilen gelegen habe. Taylor ist bei diesem Thema völlig emotionslos. „Wenn ich Darts wechsle, dann wechsle ich sie aus voller Überzeugung. Dann gibt es keine Zweifel und kein Zurück zu den alten.“

Taylor hebt sich auch aus diesem Grund nicht einmal einen Satz an Pfeilen auf, mit dem er beispielsweise Weltmeisterschaften gewonnen hat. Stattdessen gibt er sie direkt nach dem Spiel seinem Trainingspartner, Fahrer und Kumpel Mick Raymond, der die Darts für Versteigerungen zu wohltätigen Zwecken verschenkt. „Die alten Darts sollen von mir aus ins Museum, aber nicht bei mir zu Hause im Trainingsraum sein. Sonst kommt man vielleicht doch mal in die Versuchung, zurückzugehen zu alten Pfeilen. Das würde nur stören.“

So viel Entwicklungspotential auch im Wurfgerät stecken mag, so viel Kontinuität sichert das zweite Sportgerät, das Taylor für seine Erfolge braucht: Die Dartscheibe hat 82 verschiedene Wertungsfelder, sie misst vom einen Rand des äußeren Rings bis zum gegenüberliegenden Ende des Kreises 34 Zentimeter, sie ist 2,37 Meter von der Abwurflinie, dem „Ocke“, entfernt. Und ihr Mittelpunkt, das Bull’s Eye, hängt stets exakt in 1,73 Meter Höhe, was passenderweise genau der Körpergröße von Phil Taylor entspricht. Ist diese Scheibe, die Taylor so zielsicher wie kein anderer bewirft, nun zu erlegender Feind oder vertrauter Freund?

„Die Darts sind definitiv während des Spiels meine Freunde, aber auch die Dart-Scheibe ist kein Feind. Sie ist kein Gegner, auch wenn sie mir manchmal die falschen Felder anbietet. Aber sie ermöglicht mir doch erst das Spiel, bei dem ich solch großartige Erfolge feiern kann. Ich glaube auch nicht, dass sie es mir übelnimmt, wenn ich sie in die Dreifach-20 treffe.“

Tok, tok, tok. Wieder trifft Taylor dreimal in Serie ins wertvollste Feld. Wenigstens trotzt ihm das perfekte Zusammenspiel mit Darts und Scheibe jetzt ein mildes Lächeln ab. Die Magie des Darts hält auch für den Magier doch immer wieder Grund zur leisen Freude bereit.

Darts-EM in Mühlheim

Das nächste große Turnier in Deutschland mit Phil Taylor findet vom 4. bis 7. Juli in Mühlheim an der Ruhr statt. Auch diese Darts-EM hat Taylor bereits viermal gewonnen. Zuletzt 2012 hieß der Sieger indes Simon Whitlock.

Quelle: F.A.S.
Daniel  Meuren - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Daniel Meuren
Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.
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