Darts-WM

„Das ist wie vier Stunden Elfmeterschießen“

03.01.2015
, 15:43
Die Darts-WM in London geht ins Finalwochenende: Der deutsche Master Caller mit dem Künstlernamen Gordon Shumway erklärt die Faszination des Sports.

Gordon Shumway ist durch seine Tätigkeit als Master Caller und Master of Ceremonies der für die in Deutschland zuständigen Turniere der PDC Europe auf deutschen Darts-Bühnen bekannt geworden. Im Interview spricht der Autor von „111 Gründe, Darts zu lieben“ , des bestverkauften Darts-Buchs in deutscher Sprache, über die WM des Profi-Darts-Verbands PDC in London und das bevorstehende Duell seiner beiden Kumpels Phil Taylor und Raymond van Banrneveld an diesem Samstagabend (live in Sport 1, um 20.10 Uhr beginnt das erste Halbfinale zwischen Titelverteidiger Michael van Gerwen und Gary Anderson)

Wundern Sie sich nicht selbst manchmal, warum Sie stundenlang beim Werfen zuschauen, statt selbst ans Board zu gehen?

Eigentlich wundere ich mich nie. Ich bin schon so lange dabei, habe seit Kindertagen selbst gespielt. Es gibt immer noch nichts Tolleres. Mir geht es eher so, dass ich nach der WM in ein Loch falle. Gewissermaßen ist es natürlich immer das Gleiche, 501 Double out (so heißt das übliche Spiel, bei dem 501 Punkte runtergespielt werden und mit einem Doppelfeld beendet werden müssen) zu spielen. Aber es ist eben auch jedes Spiel immer neu. An sich klingt es langweilig. Aber kein Spiel ist gleich. Der Inhaber der PDC Europe, Werner von Moltke, sagte einmal was sehr Wahres: Darts ist wie vier Stunden Elfmeterschießen. Dazu ist es eben das Urprinzip jedes Wettkampfs: Es geht Mann gegen Mann. Zudem hat jeder, der zuschaut, sicher seine Lieblingsspieler, denen man die Daumen drückt.

Im Gespräch: Dart-Experte Gordon Shumway
„Taylor ist wie Schumacher, Pelé, Woods zusammen“
© FAZ.NET - Daniel Meuren, FAZ.NET - Daniel Meuren

Sie kennen Ihre Lieblingsspieler sogar privat und bezeichnen den sechzehnmaligen Rekordweltmeister Phil Taylor und Raymond van Barneveld, die am Samstagabend das zweite Halbfinale bestreiten, als Freunde: Was geht in den beiden Weltmeistern nun vor in einem solchen Spiel?

Zunächst einmal: Die beiden sind auch gut befreundet und respektieren sich als faire Sportsmänner.

Trotz des Remplers von Taylor auf offener Bühne nach seinem Sieg gegen van Barneveld vor zwei Jahren?

Ich habe die SMS von Taylor gesehen nach dem Spiel. Ihm tat das leid, das war dumm. 20 Minuten später war alles wieder okay. Auf der Bühne ändert das aber nichts an ihrer Rivalität. Sie verstehen sich aber gut und können nach dem Match vielleicht auch gemeinsam was trinken gehen. Wobei Raymond ein nicht so guter Verlierer ist. Er sagt immer: ‚Ein schlechter Verlierer wird nie ein echter Champion.‘ Taylor ist da etwas lässiger.

Wenden Taylor und Barneveld auf der Bühne eigentlich fiese Psycho-Tricks an?

Nein. Das haben beide gar nicht nötig. Das ist eher ein Phänomen des Niveaus, auf dem ich mich als ambitionierter Amateur bewege. Die Jungs ließe so was alles kalt.

Zu wem halten Sie dann heute Abend?

Ich drücke heute ganz klar meinem besten Freund „Barney“ die Daumen. Wir haben eine wirklich enge Freundschaft, und er ist einfach mal wieder dran, nachdem er in diesem Jahr schon in der Premier League of Darts Taylor besiegt hatte.

Barney, wie van Barneveld auch offiziell mit Spitznamen heißt, hat im Viertelfinale gegen Stephen Bunting überrascht, als er im vierten Satz plötzlich eine Brille aus der Tasche holte. War das ein Trick?

Nein. Das geht auch gar nicht. Das würde Barney eher stören. Er musste klarer sehen. Er sieht durch seine Diabetes gelegentlich verschwommen. Man sieht ihn deswegen auch oben essen. Traubenzucker oder ähnliches. Er muss da sehr aufpassen.

Sie beschreiben die beiden Superstars des Darts im Buch sehr unterschiedlich: Taylor ist der Arbeitseifrige, Barneveld der Auserwählte, der es auch ohne Training kann. Stimmt das wirklich?

Raymond ist mit Sicherheit das größte Talent in der Weltspitze. Er kann jeden beliebigen Dart gleich welchen Gewichts werfen, den man ihm hinhält. Er kann auch mal zwei Wochen keinen Dart in die Hand nehmen und wirft dann sofort einen 180er. Barneys Wurfbewegung wird in England als „Rolls-Royce“-Style bezeichnet, weil es keinen eleganteren Wurfstil gibt. Er hat einen natürlichen Wurf, alles wirkt nicht so angestrengt. Die meisten anderen drücken den Pfeil ins Ziel. Bei Barney stehst Du nur daneben und staunst. Das macht mich, wenn ich das sehe, nicht nur fassungslos, sondern auch sauer, weil ich das auch gerne können würde Aber er hat erkannt, dass er mittlerweile auch mehr machen muss, weil alle anderen besser werden.

Rückt die Weltspitze tatsächlich enger zusammen? Die WM erweckt den Eindruck, dass die Vorherrschaft der Briten und besonders der Engländer schwindet. Waren es vor Jahren noch sieben oder gar acht Engländer im Viertelfinale, waren es dieses Jahr nur noch zwei plus drei Schotten. Ist nun das erstmalige Vordringen zweier Niederländer ins Halbfinale und ein mögliches holländisches Finale endgültig das Ende der englischen Dominanz?

Das muss man sehen. In jedem Fall aber betreiben die Holländer eine sensationelle Arbeit, gerade im Jugendbereich. Benito van de Pas ist bei dieser WM auch aufgefallen als ein weiteres Talent. Die Engländer müssen aufpassen, dass sie nicht überrollt werden. Die Holländer haben das wirklich wie ein Sportverband aufgebaut als Leistungssport. Dazu können Sie eben auch auf ihre Helden wie Barney und van Gerwen bauen. Und eines halte ich für nicht unwichtig: Die Holländer können besser rechnen als die Engländer. Sie lernen das regelrecht in ihrer Jugendarbeit. Ihnen passiert es nie, dass sie auf einem sogenannten Bogey-Feld landen, von dem aus man ein Spiel nicht mit drei Würfen beenden kann, also die Zahlen 159, 162, 163, 165,166,168,169. Selbst Taylor landet schon gelegentlich dort, weil er sich verrechnet.

Woran liegt es, dass die Briten und Holländer so dominant sind?

In Deutschland bekommt ein Vierjähriger einen Fußball. In England werden vier Jahre alte Jungs mit Darts beschenkt. In Holland ist das ähnlich, weil 95 Prozent der Holländer „Barney“ kennen, weil er als Erster Weltmeister wurde. Das hat dort was ausgelöst wie bei uns Beckers Wimbledonsieg. Er ist ein Superstar in seiner Heimat.

Erstmals waren zwei Deutsche in Runde zwei. Max Hopp hat ein sehr starkes Spiel gezeigt gegen den Topspieler Mervyn King. Braucht Deutschland nur noch einen großen Erfolg für den Durchbruch?

Die Jungs rücken immer näher heran. Ich weiß aber nicht, ob ein großer Erfolg so viel verändern würde. Wir sind wohl gesättigt an Stars. Deshalb würde vermutlich auch ein deutscher Weltmeister nicht alle zum Durchdrehen bringen wie damals in Holland bei Barney. Dafür sind wir zu fußballlastig.

Max Hopp versucht einen neuen Weg: Er hat 25 Kilogramm abgenommen, die er sich seit einer Verletzung beim Handball eingehandelt hatte. Andererseits sind die meisten der allerbesten Spieler immer noch übergewichtig. Geben Sie Hopp Chancen auf dem „athletischen“ Weg, oder braucht es die Ruhe des Gewichts?

Das Spiel wird sich über kurz oder lang so ändern, dass die Jungs fitter werden. Das Spiel ist eine große Belastung. Wer körperlich fitter ist, ist auch mental fitter. Auf Dauer wird sich Max Hopp deshalb durchsetzen können, wenn er seinen Trainingseifer behält und das als richtigen Job ansieht. Das ist eine Disziplin, die du entwickeln musst. Er hat ein phantastisches Talent, aber der Weg ist weit. Er muss es ernst nehmen.

Wenn Darts also athletischer und somit sportlicher im klassischen Sinn wird, würden Sie dann um das Raue ihres Spiels fürchten, dass Sie in Ihrem Buch loben?

Nein. Darts wird immer irgendwie aus der Kneipe kommen. Das Raue wird bleiben. Ein echter Champions muss eine Type sein und eben so was wie Ally Pally überstehen. Einen angepassten, langweiligen Weltmeister wird eh nicht geben. Du musst einen Wahnsinn entwickeln. Ob das dann aussieht wie bei van Gerwen oder Barney oder Taylor, das ist egal. Du musst Emotionen ausleben. Du kannst innerhalb von wenigen Sekunden vom Riesenerfolg einer 180 in das Tief einer 1 fallen.

In Ihrem Buch schildern Sie sehr schön das Verhältnis des Spielers zu seinen Darts. Was sind die kuriosesten Beziehungen, die Sie kennen?

Da gibt es sehr verschiedene: Van Gerwen spielt mit einem uralten Satz Darts. Er wird wahnsinnig, wenn er diesen Satz Darts nicht findet. Er geht immer wieder zu diesem Satz zurück. Die sind völlig verdonnert und zerkratzt. Aber es sind seine Pfeile. Würdest du ihm diesen Satz wegnehmen und er müsste mit neuem Satz antreten, dann hätte er keine Chance. Das ist Aberglaube. Aber eben auch Abhängigkeit. Der geht ab, wenn einer mal seine Darts versteckt. Er hat sie immer in der Hosentasche. Legt sie nie weg. Er hat übrigens auch noch eine andere Marotte: Er hat sein Handy auf der Bühne dabei. Das sieht man auch, wenn man beim Fernsehen genau hinschaut.

Ein Phil Taylor hingegen hat gar keine Beziehung zu seinen Pfeilen und hält nie lange an einem Satz fest, eher er einen neuen nimmt. Er spielt die Darts, gewinnt eine WM und gibt sie her. Das ist ihm wurscht. Und es würde ihn sogar eher stören, wenn er zuhause alte Pfeile hätte, weil er dann in die Versuchung käme, in einer Krise auf sie zurückzugreifen.

In Ihrem Buch nennen Sie einen tollen Trainingstipp mit einer Schnur, die man als „Ziel“ vom Bull’s Eye mittig durch das 20-er-Feld ziehen soll als Zielmarke: Haben Sie ein paar Tipps für verzweifelte Hobbyspieler wie mich?

Das ganze Trainieren beim Darts hat mit Visualisieren zu tun: Man kann beispielsweise Reißzwecken auf dem Board verteilen und versuchen, sie zu treffen. Die Zwecken sollten weiß sein. Dann merkt man, dass man so einen Punkt anders fixieren kann als ein Feld. Gewissermaßen macht Taylor das im Spiel ähnlich: Er fixiert zum Beispiel im Triple 20 etwas an, ein Loch oder eine Faser, die rausschaut.

Darf man eigentlich behaupten, dass man beim Darts nicht denken darf?

Wenn du anfängst zu denken, hast du fast verloren. Du musst Automatismen entwickeln und das Spiel beherrschen. Du darfst nicht mehr denken am Board. Die Spieler auf unteren Ebenen machen sich grundsätzlich mehr Gedanken als die oben. Das ist vermutlich unser Fehler.

Sie zitierten vorhin, dass Darts wie Elfmeterschießen ist. Haben Sie eine Idee, warum dann ausgerechnet die Engländer, wo fast jeder einmal ernsthaft den Volkssport Darts betrieben hat, Elfmeter nicht beherrschen?

Vermutlich haben sie dann doch zu wenige Darts-Spieler in ihrer Fußball-Nationalmannschaft. Oder vielleicht ist auch gerade für England als Darts-Nation der Druck zu hoch, weil das Fußballtor zu groß ist im Vergleich zum Darts-Feld.

Das Gespräch führte Daniel Meuren.

Quelle: FAZ.NET
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