Halbfinale im Davis Cup

Tim Pütz und der Frieden im Doppel

Von Peter Heß
04.12.2021
, 10:36
Stehen mit der deutschen Mannschaft im Halbfinale des Davis Cup: Tim Pütz (rechts) und Kevin Krawietz
Tim Pütz wird zu einer Stütze des deutschen Tennis-Teams im Davis Cup. Dabei ist die erfolgreiche Zusammenarbeit mit Partner Kevin Krawietz keine Selbstverständlichkeit.
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Bange machen gilt nicht, und Pessimismus würde nur als Schwäche ausgelegt werden: Also betonten die Mitglieder des deutschen Davis-Cup-Teams vor dem Halbfinale an diesem Samstag (13.00 Uhr bei Servus TV) gegen Russland bei jeder Gelegenheit, dass sie eine echte Chance besitzen, ins Endspiel einzuziehen. Realistisch betrachtet, gilt das nur, wenn es den Spielern von Teamchef Michael Kohlmann irgendwie gelingt, dass das abschließende Doppel auch ausgespielt wird.

Dazu bedarf es eines Punktes in den beiden Einzeln. Dass jedoch Jan-Lennard Struff (Nr. 51 der Welt) den Weltranglistenzweiten Medwedew bezwingt, ist genauso unwahrscheinlich wie ein Sieg von Dominik Köpfer (54) über den Weltranglistenfünften Rubljow. In den Gruppenspielen gegen Serbien und Österreich sowie im Viertelfinale gegen Großbritannien gelangen einmal Köpfer und zweimal Struff der Punktgewinn. In allen drei Begegnungen vollendete dann das Doppel Kevin Krawietz und Tim Pütz zum Matchgewinn. „Ich würde fast sagen, das Doppel ist im deutschen Team der stärkste Punkt“, meinte Boris Becker Anfang der Woche. Keine gewagte Aussage angesichts der Ergebnisse und der Leistungen.

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Der 30 Jahre alte Coburger und der 34 Jahre alte Frankfurter belegen in der Doppel-Weltrangliste die Plätze 14 und 18. Sie haben sich die Positionen nicht gemeinsam erkämpft, sondern mit unterschiedlichen Partnern. Lediglich bei Olympia in Tokio spielten sie zusammen, schieden dort jedoch im Achtelfinale aus. Die gemeinsame Erfahrung war insofern wichtig, dass die beiden wie der Rest der deutschen Mannschaft in einem kleinen Appartement des Olympischen Dorfes zusammengepfercht waren, was sich als hervorragende Teambuildingmaßnahme herausstellte.

Dass sich Krawietz und Pütz außergewöhnlich gut verstehen, ist keine Selbstverständlichkeit, denn es war Krawietz, der die Davis-Cup-Karriere von Pütz unterbrach, die 2017 wie aus dem Nichts begonnen hatte. Teamchef Kohlmann war für die Branche überraschend auf den Frankfurter gekommen, um die damals notorische Doppelschwäche der deutschen Auswahl zu beenden. Die einzige Referenz von Pütz, dessen Tennis-Karriere bis dahin unauffällig verlaufen war: Er spielte mit Struff ein erfolgreiches Bundesligadoppel für Aachen.

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Eine aufregende Alternative

Kohlmann landete einen Volltreffer. Der Nobody gewann an der Seite Struffs nicht nur das erste Doppel gegen Portugal, was half, den Abstieg aus der Weltgruppe zu verhindern, sondern auch die nächsten drei Davis-Cup-Matches unter anderem gegen Schwergewichte wie Australien und Spanien. Doch trotz der makellosen Bilanz endete danach der Höhenflug des unter dem Spitznamen „Tim und Struffi“ firmierenden Doppels.

Eine Änderung des Davis-Cup-Spielmodus führte dazu, dass Struff Einzel und Doppel nacheinander hätte spielen müssen. Zudem bot sich plötzlich eine aufregende Alternative an: Krawietz und sein Partner Andreas Mies hatten sich unverhofft zu einer Weltklasse-Kombination entwickelt und gewannen unter anderem 2019 und 2020 den Grand-Slam-Titel der French Open.

„Es wäre gelogen, wenn ich sagen würde, es hätte nicht weh getan, dass ich nicht mehr im Davis Cup spielen konnte. Aber es war dennoch für mich leicht zu akzeptieren. Als Teamchef hätte ich genauso gehandelt“, sagte Pütz der F.A.Z. am Donnerstag. „Und ich habe mich auch immer weiter als vollwertiges Teammitglied gefühlt.“ Als Mies wegen eines Knorpelschadens ausfiel, war es keine Frage für den Hessen, bei Olympia an der Seite von Krawietz für Deutschland zu spielen und nun im Davis Cup.

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2017 hatte Kohlmann den Frankfurter überreden müssen, seine Zukunft im Doppel zu sehen. „Ich wusste, ich kann ganz gut Doppel spielen, aber es interessierte mich nicht. Einzel macht viel mehr Spaß.“ Nur um für die Davis-Cup-Doppel mit Struff in Form zu bleiben, meldete der Hesse bei den Turnieren auch im Doppel. Widerwillig. „Erst Ende 2018 habe ich mit dem Doppelspielen meinen Frieden gemacht.“

Weil ganz im Gegensatz zu seiner Einzelkarriere (beste Platzierung 163) die Ergebnisse immer besser wurden. In diesem Jahr gelang ihm der Durchbruch. Mit seinem neuen Partner, dem Neuseeländer Michael Venus, bildet Pütz eine der weltbesten Kombinationen. Die beiden gewannen kürzlich das Masters von Paris-Bercy. Und wie der Davis Cup zeigt, muss sich Pütz auch mit Krawietz vor keinem Gegner fürchten.

Der Hauptgrund für seinen späten Aufstieg? „Ich habe gelernt zu akzeptieren, dass ich auf das Spiel viel weniger Zugriff habe, weil nun mal ein Partner da ist. Ich habe mich früher im Doppel so viel geärgert, dass die Konzentration darunter litt.“ Jetzt ist das Fokussieren eine seiner besonderen Stärken. Mit Krawietz gewann Pütz alle vier Tie-Breaks, die sie in dieser Davis-Cup-Kampagne spielen mussten. Den letzten gegen die Briten Skupski/Salisbury 7:5 nach 0:5-Rückstand. „Wie wir das machten, weiß ich heute noch nicht. Aber früher hätte ich vor lauter Ärger über den Rückstand sicher irgendeinen Unsinn gemacht und das Spiel nicht mehr gewonnen.“

Quelle: F.A.Z.
Peter Heß - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Peter Heß
Sportredakteur.
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