Reit-EM in Aachen

Die Schüchternheit der Debütanten

Von Evi Simeoni, Aachen
13.08.2015
, 08:55
Jessica von Bredow-Werndl auf ihrem Hengst Unée
Die deutschen Dressurreiter führen bei der Europameisterschaft in Aachen. Auch Debütantin Jessica von Bredow-Werndl überzeugt mit ihrem Hengst Unée – es ist der Lohn für viele Jahre harte Arbeit.
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„Tosender Applaus“ habe die Dressurreiterin und ihr Pferd empfangen im weitläufigen Reitstadion in der Aachener Soers, sagt sie. In Wirklichkeit waren die Tribünen, die 40.000 Leute fassen können, nur spärlich gefüllt. Aber es kommt ja nicht so sehr auf Zahlen und Phon-Stärken an, sondern auf das, was man empfindet. Jessica von Bredow-Werndl und ihr schwarzer Hengst Unée jedenfalls waren tief beeindruckt bei ihrem Championats-Debüt. „Das ist eine andere Liga“, sagte die 29 Jahre alte Reiterin. Und Unée stolzierte nicht etwa zum in der Mitte des Rasenplatzes aufgeschütteten Championats-Viereck, sondern versuchte, sich klein zu machen.

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„Er war schon ein bisschen eingeschüchtert“, sagte sie. Aber beide rissen sich zusammen, es galt schließlich, eine gute Vorgabe hinzulegen für die deutsche Dressur-Equipe, die bei den Europameisterschaften im eigenen Land ihren Titel verteidigen will. Ein paar Schnitzer waren unter diesen Umständen unvermeidlich, die fliegenden Zweier-Wechsel gelangen nicht perfekt, das Rückwärtsrichten geriet ein bisschen schief, aber die Gesamtleistung war gut. 75,200 Prozentpunkte. Nach den ersten beiden von vier Paaren führen die Deutschen – Isabell Werth mit Don Johnson erhielt 74,786 Prozentpunkte, macht zusammen 149,986. Matthias Rath mit Totilas und Kristina Bröring-Sprehe mit Desperados werden an diesem Donnerstag erwartet. Erst wenn die Paare, die 80 Prozentpunkte und mehr erreichen können, ihre Leistung abgeliefert haben, wird sich zeigen, ob die Deutschen ihr erwartetes Gold wirklich holen.

Jessica von Bredow-Werndl war aber schon vorher entschlossen, die Europameisterschaft als Erfolg zu sehen. „Es ist ein Geschenk, das ich mir selbst gemacht habe, dass ich hier überhaupt starten darf“, sagte die zierliche Blondine – zusammen mit ihrem Mentaltrainer hat sie sich das klargemacht. „Das ist der Lohn für die viele harte Arbeit der vergangenen Jahre.“ Die 29 Jahre alte Reiterin von Gut Aubenhausen in Bayern ist die größte Aufsteigerin im deutschen Team. Bisheriger Höhepunkt war der dritte Platz mit Unée im April beim Weltcupfinale in Las Vegas. Bei den deutschen Meisterschaften im Juni in Balve hat sie sich für die Nationalequipe empfohlen, im Juli bei der zweiten Sichtung in Hagen ihre Form bestätigt.

„Sie werden alle beide immer besser“, sagte Bundestrainerin Monica Theodorescu in Aachen. „Seit dem letzten Winter haben sie unheimlich an Routine dazugewonnen.“ Theodorescus Vorgänger Jonny Hilberath, mit dem sie eng zusammenarbeitet, kommt einmal im Monat nach Aubenhausen und bringt sie und ihren Bruder Benjamin Werndl weiter. Der Grand Prix am Mittwoch dürfte ein weiterer Erfahrungssprung für Reiterin und Pferd gewesen sein. Wenn die beiden am Samstag, beim Grand Prix Special, nur noch auf eigene Rechnung unterwegs sein werden, will Jessica von Bredow-Werndl forscher auftreten. „Nun geht es volle Kraft voraus. Ich habe nichts zu verlieren und kann Vollgas geben.“

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Mit großem Ehrgeiz auf die Weltbühne

Zu Hause in Aubenhausen führt sie zusammen mit ihrem Bruder einen Ausbildungsstall – als Kinder aus reichem Hause konnten sie sich ihren Traum erfüllen und den Ponyhof ihrer Tante zu einem Dressurzentrum umgestalten. Auch der ein Jahr ältere Bruder startet bei Turnieren, allerdings nicht ganz so erfolgreich wie die Schwester. Das mag an Unée liegen, dem Hengst, den sie von der ehemaligen Dressurrichterin Beatrice Bürchler-Keller zur Verfügung gestellt bekommt. Der schmucke Vierzehnjährige stammt von dem niederländischen Hengst Gribaldi ab und hat damit den gleichen Vater wie Totilas.

In der Dressur-Weltrangliste von Ende Juli rangiert Jessica von Bredow-Werndl bereits auf Rang fünf. Und ihr Ehrgeiz ist noch lange nicht gestillt. Der Mental-Coach hat ihr genau gesagt, wie sie damit umgehen soll. „Mein Ziel ist es, immer meinen besten Grand Prix, meinen besten Grand Prix Special oder meine beste Kür zu reiten.“ Am Mittwoch ist ihr das nicht gelungen – angesichts der beeindruckenden Kulisse kann sie sich das aber verzeihen. „Ich muss selbst den Druck heraus nehmen“, sagte sie.

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„Sonst geht der Schuss nach hinten los.“ Denn: „Dies soll nicht mein letztes Championat bleiben.“ Am Vorabend ihres Debüts traf sie beim Essen den Niederländer Eduard de Wolff van Westerrode, der tags darauf als Richter fungierte. Er fragte: Reitest du etwa auch morgen? Mit solchen Szenen, dazu ist Jessica von Bredow-Werndl fest entschlossen, soll es jetzt vorbei sein.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Simeoni, Evi
Evi Simeoni
Sportredakteurin.
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