Darts im Wohnzimmer der Stars

Live-Sport mit Nine-Darter

Von Daniel Meuren
Aktualisiert am 18.04.2020
 - 18:33
TV-Sport: Die Pfeile fliegen wieder - wenn auch in verschiedenen Wohnzimmern.
Darts nutzt die Corona-Krise: Bei der Home Tour spielen die Profis über Internet in Wohnzimmern und Küchen und werfen sogar Nine-Darter. Das aus der Not geborene Format hat Charme – und bringt ganz profane Probleme mit Nachbarn mit sich.

Eine schnöde, noch nicht einmal verputzte Wand, eine kunterbunte Board-Konstruktion im Disco-Look, eine Dartsscheibe in einem mit Holz vertäfelten Hobbyraum umringt von Sammlerstücken eines Motorrad-Nostalgikers: Allein die Einblicke in die privaten Wohnverhältnisse der Teilnehmer der Home Tour des Profi-Dartsverbands PDC haben ihren Reiz. „Meine Scheibe hier hängt direkt neben der Tür zum Schlafzimmer“, verriet beispielsweise Jamie Lewis. Und Gerwyn Price trainiert tatsächlich großteils in der Küche seines Hauses, wie er verriet.

Während der Sportfan früher bei den legendären Spielen von Boris Becker in Wimbledon in dem vom Tennissstar zu seinem „Wohnzimmer“ verklärten Center Court dabei war, erhält der Dartsfan nun tatsächlich Einblicke in die Wohnsituation der Spieler. Bei den Partien, bei denen sich Lewis am Freitagabend in einer Vierergruppe auch gegen Weltmeister Peter Wright durchsetzte, waren die Zuschauer tatsächlich im echten Wohnzimmer ihrer Helden zu Gast. Nur die extrovertierte Irokesen-Frisur des Weltmeisters Wright, der seinen Haarschnitt passend zur Corona-Krise mit einer Widmung an das englische Gesundheitssystem NHS verzierte, erinnerte an die großen TV-Turniere. Wright hat in der so frisurenfeindlichen Corona-Zeit das Glück, dass seine Frau als Friseurin arbeitet und sich stets um seinen an jedem Abend neuen Auftritt kümmert.

Andere Probleme hat der Weltranglistenerste Michael van Gerwen: Der 31-jährige Niederländer berzichtet auf eine Teilnahme, weil er es mit einem kleinen Baby und Haustieren für schwer möglich hält, sich konzentrieren zu können. „Es muss leise sein, aber mit einem neugeborenen Baby, einem zweieinhalb Jahre alten Kind und drei Hunden funktioniert das nicht wirklich", sagte er dem TV-Sender RTL7.

Die sportliche Bedeutung hält sich ohnehin in Grenzen, da die Spiele in keine offizielle Wertung eingehen. Preisgelder gibt es auch nicht, sondern lediglich Antrittsprämien.

Nine-Darter im Wohnzimmer

Dennoch: Wie wohl keine andere Sportart außer Schach taugt Darts , das seit März wie alle anderen Sportarten die Wettbewerbe aussetzen muss, einen analog ausgeübten Sport über Internet nahezu ohne Verlust an Spiel- wie auch Übertragungsqualität digital ins Internet zu verlagern. Wenn nicht gerade die Server überlastet sind: Am ersten Abend hatte die PDC jedenfalls auf der eigenen Plattform mit technischen Anlaufschwierigkeiten zu kämpfen. In einem Statement entschuldigten sie Aussetzer im ersten Spiel des Abends.

Die Übertragungsqualität aus den Häusern der Spieler ist zudem sehr davon abhängig, wie gut die Internetverbindung vor Ort ist. Pixelige Bilder, auf denen der Einschlagsort der Pfeile kaum zu erkennen war, mussten die Zuschauer also akzeptieren. Die PDC arbeitet nach eigenen Worten gemeinsam mit den Spielern an Verbesserungen. Gary Anderson aber musste seine Teilnahme vorerst zurückziehen, da er keine hinreichende Bandbreite erzielen kann.

Beim deutschen Darts-Sender DAZN hingegen lief alles reibungslos. Lediglich eine einzige Kamera wird bei jedem der Spieler eingesetzt, dank Splitscreen und einem wohltuend zurückhaltenden Moderator reicht das völlig für ein Fernseh-Sportvergnügen. Im geteilten Bildschirm sieht man nun jeweils eine Scheibe, während man üblicherweise ein Board und das Gesicht des jeweils Werfenden sieht. „Es ist vor allem erst einmal schön, dass wir in dieser Zeit mal wieder zurück können zu unserer Arbeit“, sagte Wright. „Das ist ein kleines Stück Normalität.“

Die Dartsspieler werfen unter den an sich gleichen, jeweils im eignen Trainingsraum natürlich individuell gestalteten Bedingungen wie auf den großen Bühnen: Die Scheibe hängt 2,37 Meter vom Oche, der Abwurflinie, entfernt und in 1,73 Metern Höhe. Allein der Gegner steht nicht hinter einem beim Wurf, sondern weit entfernt in seinem Zuhause. Und die Zuschauer fehlen natürlich, die durch ihre Kostümshow und Sangesfreude ihren Teil beitragen zum Boom, des Kneipenspiels als Fernsehevent in den vergangenen Jahren.

Die aus der Not der Corona-Krise geborene Idee der PDC um den immer wieder innovativen Chef Barry Hearn hat aber besonderen Charme. Das Spiel selbst wird puristisch reduziert aufs Pfeilewerfen, weil der Lärm der Fans in den stets vollen Arenen des Dartszirkus weg fällt. Stattdessen hört man die Spieler, wie sie sich gegenseitig für gelungene Aufnahmen von jeweils drei Würfen gratulierten oder auch mal einen Scherz über die Audio-Leitung zum Gegner schicken.

Das Format, das die PDC an allen folgenden Abenden von 20:30 Uhr (kostenlos live auf der Homepage der PDC und bei DAZN) jeweils mit vier Spielern fortsetzt, ehe sich an die Gruppenphase eine K.-o.-Phase mit den 32 Gruppensiegern anschließen soll, überzeugte auf Anhieb trotz einer an sich puristischen Aufmachung: Bei den Partien der Profis sah es tatsächlich nicht anders aus als bei Duellen über Plattformen wie Webcam-Darts, wo ambitionierte Hobbyspieler in der Corona-Krise immer zahlreicher ihr Hobby pflegen. „Das Spiel ist nicht anders als normal, wenn ein Gegner neben dir steht“, sagte Weltmeister Peter Wright.

Tatsächlich lag die Qualität der Durchschnittswerte der Spieler auch auf dem Niveau, das Weltklassespieler bei großen Turnieren erreichen. Luke Woodhouse gelang am Samstagabend beim 5:0-Sieg gegen Gerwyn Price sogar ein Nine-Darter, der bestmögliche Weg, um ein Einzelspiel von 501 Punkten mit nur neun Pfeilen in drei Aufnahmen auf Null herunterzuspielen..

Gerade ältere Spieler werden sicher einen Vorteil zu schätzen wissen: Immer wieder berichten gerade Akteure seine Alters von den Anstrengungen, die die ständigen Reisen zu den im immer dichteren Rhythmus veranstalteten Turnieren mit sich bringen.

Das bleibt den Spielern erspart. Wright kann sich aber sowieso schonen. Der Weltmeister ist am ersten Abend als Gruppenzweiter knapp ausgeschieden. Jamie Lewis wird stattdessen wieder ans Board treten dürfen. Bis zu seinem nächsten Einsatz dauert es freilich vier Wochen. Genug Zeit, um an der Gestaltung seines Trainingsraums zu arbeiten.

Der Österreicher Rowby-John Rodriguez hat derweil ein sehr profanes Problem zu lösen: Er musste seine Nachbarn darum bitten, dass er am Samstagabend ausnahmsweise einmal spielen dürfe. In der Regel fühlen sie sich von den über die dünnen Wände in die Nachbarwohnung getragenen Ploppgeräuschen am Abend zu sehr gestört. Für die Home Tour bekam Rodriguez eine Ausnahme.

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Quelle: FAZ.NET
Daniel  Meuren - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Daniel Meuren
Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.
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