Drama bei Ultramarathon

Tod im Eisregen

Von Michael Reinsch, Berlin
24.05.2021
, 12:31
Bei einem Ultramarathon in China sterben 21 Läufer. Überlebende schildern teilweise erschütternde Details. Vorwürfe an die Veranstalter kommen auf. Die sagen: „Wir fühlen uns zutiefst schuldig.“

Was eine sportliche Herausforderung in spektakulärer Landschaft werden sollte, hat sich für Teilnehmer und Veranstalter eines 100-Kilometer-Laufes in China in eine Katastrophe verwandelt. 21 Läuferinnen und Läufer starben, als sie am Samstagnachmittag beim 100 Kilometer langen Huanghe Schilin Gebirgs-Marathon durch den Steinwald am Gelben Fluss in Baiyin, einer staatlich geschützten Touristenattraktion im Kreis Jingtai in der nördlich an die Innere Mongolei grenzenden Provinz Gansu, von einem Sturm mit Eisregen und Hagel überrascht wurden.

Da waren sie etwa dreißig Kilometer vom Start entfernt, den sie bei Sonnenschein genommen hatten, und hatten den gebirgigen, rund 2000 Meter hoch gelegenen Teil der Strecke erreicht. Viele der 172 Teilnehmer verliefen sich schutzlos in dem unwegsamen Gelände. Mehr als tausend Helfer, unter ihnen Militäreinheiten, suchten die ganze Nacht nach Überlebenden und Opfern des Wetterumschwungs und setzten dabei Radar und Drohnen mit Wärmesensoren ein.

Acht Läufer und Läuferinnen wurden stark unterkühlt ins Krankenhaus gebracht. Zu den Todesopfern gehören nach Berichten der staatlichen Medien Liang Jing, ein bekannter Ultra-Marathon-Läufer aus China, und der gehörlose Huang Guanjun, der 2019 den Marathon bei Chinas nationalen Paralympischen Spielen gewann.

„Kommt in die Berge, um die Leute zu retten“

Die Zeitung South China Morning Post veröffentlichte Interviews, in denen Überlebende berichteten, dass der Sturm so stark war, dass sie sich nicht auf den Füßen halten konnten. Ein Läufer beschrieb, im Bett des Krankenhauses von Baiyin in der Provinz Gansu liegend, wie er, obwohl mit Walking-Stöcken ausgestattet, zu Boden geworfen worden sei. Ein anderer beschrieb, wie er in der schneidenden Kälte kriechend sich auf Zunge und Lippe gebissen und ins Gesicht geschlagen habe, um nicht das Bewusstsein zu verlieren.

Die Veranstalter des seit vier Jahren ausgetragenen Laufs schreiben zwar vor, dass die Teilnehmer eine Schutzdecke mit sich führen müssen. Doch der Sturm habe diese, wenn Teilnehmer sie denn entfaltet hätten, fortgerissen. So waren die meisten der Läuferinnen und Läufer Sturm und Eis in Shorts und ärmellosen Laufhemden ausgesetzt. Ein Teilnehmer sagte dem TV-Sender CNN, dass Rettungskräfte ihn in eine Berghütte in dem für Fahrzeuge unerreichbaren Gebiet gebracht hätten; insgesamt seien dort schließlich rund fünfzig Läuferinnen und Läufer versammelt gewesen. Zu zwei kürzeren Rennen am selben Ort hatten insgesamt knapp zehntausend Teilnehmer gemeldet.

Mit Textnachrichten versuchten entkräftete, unterkühlte und orientierungslose Läuferinnen und Läufer Hilfe zu rufen. „Kommt in die Berge, um die Leute zu retten“, zitiert die Deutsche Presseagentur eine SMS: „Zu viele frieren und haben sich verlaufen.“ Eine andere lautete: „Wir sind in einer Schlucht. Eine Läuferin leidet unter Unterkühlung und kann sich nicht mehr bewegen.“ Von Bewusstlosen war die Rede, von Zusammengebrochenen mit Schaum vor dem Mund. Die Verzweiflung wurde immer deutlicher: „Es ist tragisch“ und „Kommt so schnell wie möglich!“

Für das Wochenende war für große Teile der Provinz Gansu ein Temperatursturz vorhergesagt worden. In Sozialen Medien werden die Veranstalter dafür kritisiert, sich nicht ausreichend vorbereitet zu haben. Ein Nutzer schrieb: Es sei die Frage, ob dies wirklich eine Naturkatastrophe oder eine von Menschen verursachte gewesen sei.

Die Provinzregierung setzte eine Sonderkommission ein, um die Vorfälle zu untersuchen. „Als Organisatoren der Veranstaltung fühlen wir uns zutiefst schuldig und machen uns Vorwürfe“, sagte Zhang Xuchen, der Bürgermeister von Baiyin, am Sonntag. Am Tag zuvor hatte er den Startschuss zum Rennen gegeben. „Wir sprechen den Opfern und ihren Familien unser tiefes Mitgefühl aus.“ Die Suche sei am Sonntagmorgen abgeschlossen worden, teilte er mit. Alle Vermissten seien gefunden worden, 151 Teilnehmer in Sicherheit.

Quelle: F.A.Z.
Michael Reinsch - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Michael Reinsch
Korrespondent für Sport in Berlin.
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