Dressur-WM in Dänemark

Franziskus ist ein Macho mit Papst-Namen

Von Evi Simeoni, Herning
08.08.2022
, 08:47
Auf einem neuen Level: Ingrid Klimke bestreitet mit Franziskus ihr erstes Dressur-Championat.
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Bei der Dressur-WM gilt Ingrid Klimkes volle Aufmerksamkeit einem einzigen Pferd: dem imposanten Hengst Franziskus. Das genießt es, im Mittelpunkt zu stehen, und dankt es ihr mit einer Bestleistung.
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Eine Weltmeisterschaft im Dressurreiten ist eine ernste Sache – Franziskus aber scheint Urlaub zu machen in Dänemark, so wie viele Deutsche. Er genieße auf dem Gelände in Herning im mittleren Jütland sein Wellnessprogramm, sagt seine Reiterin Ingrid Klimke. Rund um die Uhr wird der Hannoveraner-Hengst von Pferdepflegerin Carmen verwöhnt.

Endlich einmal ist er allein mit ihr, seiner Reiterin und deren Familie auf Reisen, und die Stallgefährten müssen zu Hause warten, bis alle wiederkommen. „Wir gehen viel raus“, sagt Klimke. „Franziskus liebt es, sich hier umzuschauen. Er steht dann einfach da und genießt die Aussicht – ein wenig so, wie ich am Meer stehe und auf die Wellen schaue.“

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Schon im Trainingslager in Schleswig-Holstein, das der WM vorausging, seien sie und Franziskus so richtig zur Ruhe gekommen. Normalerweise nämlich ist Ingrid Klimke ständig in Eile, ihre Tage sind durchgetaktet. Ihre Turniereinsätze werden oft zur Probe aufs Exempel, ob die Kunst der Allgegenwart vielleicht doch zu erlernen ist, denn Starts in einer Disziplin reichen ihr nicht.

Viele Medaillen

Manchmal, wenn ein Turnier es hergibt, ist sie sogar in drei Disziplinen am Start, in der Dressur, im Springen und in der Vielseitigkeit, dann rückt auch der prächtige Franziskus in Reih und Glied. Ihr Plan, sich in diesem Jahr gleich in zwei Disziplinen für Weltmeisterschaften zu qualifizieren, machte die Saison auch nicht einfacher. Doch nun heißt es für sie mitten im WM-Stress: durchatmen.

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Das Ergebnis: Persönliche Bestleitung mit Franziskus im Grand Prix am Samstag mit 75,683 Prozentpunkten. Damit lieferte sie die erhoffte stabile Grundlage für das deutsche Quartett im Mannschaftswettbewerb, genau wie ihre Aufgabe als erste Starterin es erforderte. Das Debüt ist gelungen: Herning ist ihr erster Einsatz bei einem Dressur-Championat. Ihre vielen internationalen Medaillen hat die 54 Jahre alte Klimke alle in der Vielseitigkeit gewonnen. Doch dieses Jahr, in der Umbruchphase des deutschen Erfolgsteams, wurde sie auch im Spezial-Viereck gebraucht, um den erwarteten Medaillengewinn abzusichern. Es wurde, dem aktuellen Leistungsstand entsprechend, Bronze. Gold gewann Dänemark, die Silbermedaille ging nach Großbritannien.

Ingrid Klimke strahlt über das ganze Gesicht nach ihrem Ritt bei der Weltmeisterschaft.
Ingrid Klimke strahlt über das ganze Gesicht nach ihrem Ritt bei der Weltmeisterschaft. Bild: dpa

Franziskus kann es nur recht sein. Als aktiver Zuchthengst hat er seine Macho-Ansprüche voll entwickelt, er will sich gerne in Bewunderung sonnen und liebt es, wenn sich alles um ihn dreht. Ein hektischer Beginn einer Prüfung geht dem vierzehnjährigen Vatertier mit dem Papst-Namen auf die Nerven, was sich besonders bei der Sichtung vor fünf Wochen beim CHIO in Aachen zeigte: Kleine Zwischenfälle oder plötzliche Eile beim Einreiten in das lebhafte Stadion in der Soers beeinträchtigten seine Leistungen.

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Auch diesmal dachte Ingrid Klimke beim Einreiten: „Alles ist möglich.“ Man wisse manchmal nicht, „wenn man reinkommt, ob er dann irgendwie den Schalk im Nacken hat“. Diesmal schallte den beiden der Applaus für die Schwedin entgegen, die mit ihrem Pferd vor ihnen im Viereck gewesen war, und Franziskus machte einen kleinen Satz. „Ich dachte: Oh, bitte nicht zu laut klatschen“, sagt Klimke.

Absolute Highlights

Sie habe viele Möglichkeiten ausprobiert, wie sie am besten mit solchen Situationen umgehen sollte. Früher habe sie schon mal gedacht, sie müsse das Zusammenzucken ihres Pferdes überspielen und frisch vorwärtsgaloppieren. Aus der Vielseitigkeit habe sie ohnehin einen automatischen Vorwärtsdrang. „Doch diesmal habe ich angehalten, einen Moment gewartet, und dann dachte ich: So, jetzt atmet er durch, und er war total bei mir.“

In der Ruhe liegt die Kraft, und Ingrid Klimke hatte das Gefühl, als Dressurreiterin noch einmal einen neuen Level erreicht zu haben. Die ausdrucksvollen fliegenden Galoppwechsel von Sprung zu Sprung, die dem Dunkelbraunen ohnehin liegen, gehörten zu den Höhepunkten ihrer Vorführung. Absolutes Highlight aber war der starke Trab auf der letzten Diagonale, wo er seinen ganzen Schwung in die Waagschale warf und über den Boden hinweg zu schweben schien.

© Youtube

„Ich habe schon in der Ecke gemerkt, dass er weiß, was kommt. Da ging die Kruppe runter, und los ging’s.“ Nachdem alles geklappt hatte wie erträumt, strahlte sie so glücklich und zufrieden wie selten. Auch die dänische Sonne spielte mit und kam hinter den Wolken hervor an diesem regnerischen Tag bei Höchsttemperaturen unter zwanzig Grad – sodass man als Gast aus Deutschland zuweilen das Gefühl hatte, das inzwischen dort schmerzlich vermisste alte Sommerwetter wäre nach Dänemark umgezogen.

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Und die Vielseitigkeitspläne? Aufgrund des Einsatzes in Herning ist es Ingrid Klimke unmöglich geworden, an der abschließenden deutschen WM-Sichtung in Haras du Pin in Frankreich am kommenden Wochenende teilzunehmen. Beim Grand Prix Special in Herning an diesem Montag, an dem die 30 Besten des Grand Prix um Einzelmedaillen reiten dürfen, wird sie wohl dabei sein. Zwar wird es eng für die Kür der Top 15 am Mittwoch, weil dann nur drei Reiter pro Nation zugelassen sind.

Nächste Raketenstufe

Aber ein so ex­tremes Turnier-Hopping käme selbst für eine Multifunktionsreiterin wie sie nicht infrage. Ihre junge Vielseitigkeitsstute Siena wird zu Hause in Münster von einer Mitarbeiterin fit gehalten, doch der nächste Einsatz ist erst eine Woche später in Arville in Belgien möglich.

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Noch hat Ingrid Klimke die Hoffnung auf die Zündung der nächsten Raketenstufe ihrer Karriere, die Doppel-WM in diesem Jahr, nicht ganz aufgegeben. Und wirklich haben sich Mannschaften im Endspurt vor einem Vielseitigkeits-Championat – die WM findet vom 14. bis zum 18. September in Pratoni del Vivaro nahe Rom statt – schon häufig verändert.

„Ich stehe bereit“, sagt Ingrid Klimke in Herning. Aber noch hat Franziskus die Hauptrolle nicht voll ausgeschöpft. „Gut, dass ich nicht noch ein anderes Pferd dabeihabe“, sagte sie nach der Erfahrung vom Samstag. „Obwohl – zwischendurch habe ich es auch schon bedauert.“

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Simeoni, Evi
Evi Simeoni
Sportredakteurin.
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