Dressur-EM in Hagen

Drittes Gold für Jessica von Bredow-Werndl

Von Evi Simeoni, Hagen
11.09.2021
, 16:04
Ergriffen von ihren Erfolgen: Jessica von Bredow-Werndl
Das EM-Heimspiel nutzt Deutschlands derzeit erfolgreichste Dressurreiterin zu glänzenden Erfolgen. Nach zwei Olympiasiegen sammelt Jessica von Bredow-Werndl weitere Goldmedaillen.

Endlich wurde der Applaus nachgeliefert, der bei den Olympischen Spielen in Tokio fehlte: Auch bei den Europameisterschaften der Dressurreiter in Hagen gewann Jessica von Bredow-Werndl mit ihrer Stute Dalera alle verfügbaren Goldmedaillen, und diesmal vor 3900 Fans. Ein lange vermisstes Geräusch schallte von den voll besetzten Tribünen, als sie aus dem Viereck ritt und damit ihre Championats-Saison beendete.

Am Samstag holte sie sich den dritten Europameistertitel, nach dem Mannschaftswettbewerb und dem klassischen Grand Prix Special diesmal in der Kür. Mit 91,021 Prozentpunkten überschritt sie als einzige die 90-Prozent-Schwelle, damit krönte sie die herausragenden Leistungen ihres Olympiajahres: An die Bayerin aus Aubenhausen und ihre 14 Jahre alte Trakehner-Stute reicht zur Zeit niemand heran.

„Ich werde einfach noch mehr davon sammeln“, antwortete Jessica von Bredow-Werndl auf die Frage, was ihre Ziele nach dem Gewinn von insgesamt fünf Goldmedaillen seit den Olympiatagen von Tokio seien. Es sei ein „so unfassbares Gefühl“, sagte die 35-Jährige, sie könne es „gar nicht so wirklich in Worte fassen“.

Isabell Werth geht leer aus

Die Überraschung: Isabell Werth ging mit Weihegold in der Kür leer aus, sie wurde nach einer matten Vorstellung Vierte. Silber ging an die Dänin Cathrine Dufour mit Bohemian, Bronze an die Britin Charlotte Dujardin mit Gio, zwei starke Reiterinnen mit jungen, schwungvollen Pferden, denen die Zukunft gehört. Der 16 Jahre alten Weihegold dagegen fehlte nach einem fulminanten Grand Prix Special am Donnerstag nach einem Tag Pause die Kraft für weitere Glanztaten. „Der Akku war leer“, sagte Isabell Werth.

Schon kurz vor der ersten Piaffe ließ ihr Pferd ein paar Äpfelchen fallen, die Übung geriet zäh. „Das mach ihr normalerweise nichts aus“, sagte Werth. Doch schon auf dem Abreiteplatz hatte sie gemerkt, dass ihrer Stute an diesem warmen September-Samstag die Energie fehlte. Sie rettete sich mit dosiertem Einsatz ins Ziel, immerhin gab es noch 84,896 Prozentpunkte.

Derzeit unschlagbares Duo: Jessica von Bredow-Werndl auf  Dalera
Derzeit unschlagbares Duo: Jessica von Bredow-Werndl auf Dalera Bild: EPA

Offensichtlich rächte sich auch, dass Weihegold in diesem Jahr wenig zum Einsatz gekommen war. Olympiapferd Bella Rose und Nachwuchspferd Quantaz gingen vor. „Im Wettkampf holt man sich die Kondition“, sagte Werth. Auch sie selbst, sagte die erfolgreichste Reiterin der Welt, brauche nach diesem turbulenten Jahr – am Mittwoch war zu allem anderen auch noch Bella Rose wegen einer Kolik operiert worden – nun bald eine Verschnaufpause. Bella Rose gehe es glücklicherweise wieder gut.

Abgeschlagen auf dem 14. Platz landete die dritte deutsche Starterin, Olympia-Ersatzreiterin Helen Langehanenberg (Havixbeck) mit ihrer Holsteiner Stute Annabelle. In ihrer Kür, in der sie an Schwierigkeiten nicht gespart hatte, misslang ausgerechnet eine Übung, die den beiden eigentlich nie Schwierigkeiten bereitet: Die Pirouette nach rechts. Die Reiterin nahm die Schuld komplett auf sich: Sie habe, um die Musik zu treffen, die Rechtspirouette etwas später einleiten wollen als sonst, daraus sei ein Durcheinander entstanden. Wohl aufgrund einer Summe kleinerer Unstimmigkeiten erhielt sie nur 77,217 Prozentpunkte – sie ist mehr gewohnt.

Und wieder klaffte zwischen den Einzelnoten der sieben Richter eine deutliche Spanne: Zwischen 74 und 80 Prozent schwankten sie bei ihr. „Das ist viel“, sagte Helen Langehanenberg vieldeutig. Wie so oft, ist das Problem komplizierter, als es aussieht. In die Noten fließen mittlerweile so viele Kriterien ein, dass die Richter offenbar Probleme haben, diese einheitlich zu gewichten. „Das Richten wird evaluiert werden müssen“, sagte Bundestrainerin Monica Theodorescu.

Eine andere traf es noch härter: Die Kür der Niederländerin Adelinde Cornelissen mit dem schwarzen Hengst Governor wurde vom deutschen Chefrichter Henning Lehrmann abgeläutet. Am Maul des Pferdes war Blut zu sehen, was automatisch zur Disqualifikation führt. „Er war wohl beeindruckt von den Zuschauern“, sagte sie. „Er hat sich von innen in die Wange gebissen.“ Erinnerungen wurden wach an die Weltreiterspiele 2010 in Kentucky, als die selbe Reiterin mit Parzival zu den Favoriten gehört hatte und ebenfalls wegen Bluts am Maul abgeklingelt worden war. Von diesem Thema lenkte sie in Hagen aber lieber ab. „Ich bin froh, dass es meinem Pferd gut geht“, sagte sie.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Simeoni, Evi
Evi Simeoni
Sportredakteurin.
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